Wer hat gesagt, dass New Yorks Noise Underground tot ist?
Und warum liegen sie alle falsch?
„Birthing“, das neue Opus der Swans, trifft 2025 ein wie ein Meteorit über der Skyline von Manhattan, und jeder, der sich jemals durch verschwitzte Kellerclubs von Alphabet City geschoben hat, weiß: Diese Band ist kein Hobby, kein Nostalgieprojekt, keine Legende, die man ins Museum verbannt. Swans sind ein Ereignis. Ein Ereignis, das sich weigert, Geschichte zu werden. Und „Birthing“ ist das letzte Kapitel ihrer all-consuming sound worlds, wie Michael Gira verkündet – und gleichzeitig das Album des Jahres, bevor dieses Jahr überhaupt begriffen hat, was es mit sich herumträgt.
Der erste Track klingt, als würde sich ein rostiger U-Bahn-Tunnel auftun und ein Schrei aus der Vergangenheit zurückkehren. Metallische Luft, Betonstaub, spirituelle Bedrohung. Nur der Hohepriester Gira beschwört solche Dimensionen herauf – ein Mann, der bereits ein Genre gebar, als Downtown noch ein chaotisches Schlachtfeld aus Kunst, Gewalt und Visionen war. Swans waren nie nur eine Band – sie waren die Blaupause dafür, wie man Krach zu Katharsis umbaut. Und „Birthing“ ist die neueste Iteration dieser kompromisslosen Architektur. Zwischen No Wave, Post-Punk und ritualistischem Lärm atmet das Album diese Geschichte – aber es klingt entschlossener, größer und wahnsinnig lebendig.
Kann „Birthing“ Trauma, Ekstase und Wiedergeburt sein?
„Birthing“ trägt seinen Titel nicht nur, es lebt ihn. Die Songs sind wie zeremonielle Räume, die über 40 Jahre New Yorker Underground-Legende in sich tragen. Man hört die Narben, die Wut, die spirituelle Verzweiflung – und die Euphorie, die entsteht, wenn man alles hinschmeißt, um etwas komplett Neues zu schaffen. Tracks wie „I Am a Tower“ sind mehr als Singles; sie sind Kathedralen aus Klang, errichtet mit dem Zorn eines Propheten und der Geduld eines Handwerkers. Die Basslinien dröhnen wie das Fundament einer Stadt, die niemals schlafen will, und Gitarren schneiden durch die Mischung, als wollten sie die Luft selbst aufreißen.
Hier spielt niemand Hooks für die Charts. Hier wird ein Ritual vollzogen. Das Album gräbt im Hörer – es zerlegt, schockiert, tröstet und entfesselt, oft innerhalb weniger Minuten. Wenn man sagt, Swans erschaffen Klangwelten, dann meint man: Sie reißen den Boden auf, nehmen dich mit in die Tiefe und werfen dich wieder nach oben ans Licht. „Birthing“ ist dafür eine Kulmination – nicht weil es alles besser macht, sondern weil kein Album 2025 diese Kraft hat. Keines wagt so viel. Keines ertastet dich so tief.
Wer sonst könnte diesen Sound tragen?
Swans haben nie im luftleeren Raum existiert. In den späten 70ern und 80ern, damals im brodelnden New York, existierten sie Seite an Seite mit Bands wie Sonic Youth, Lydia Lunchs, Glenn Branca, DNA, Suicide oder Mars – Künstler, die das Konzept von Musik als Geräusch, Performance und Schmerz neu definierten und sich unter dem Begriff No Wave vereinigten. Viele dieser Weggefährten haben es geschafft: Sie wurden Klassiker, Revolutionäre, Alchemisten der Avantgarde. Doch Swans? Sie wurden ein Mythos.
Gira überstand alle Stürme. Gira war und ist der Sturm. Wo andere sich im Kunstmarkt verfingen, rutschten die Swans immer weiter ins Spirituelle, Körperliche, Essenzielle. Und in „Birthing“ hört man diese jahrzehntelange Disziplin. Die Songs erinnern an Brancas Gitarrenkathedralen, an die schneidende Minimalgewalt von Suicide, an die poetische Brutalität der frühen Sonic Youth – aber sie bleiben unverkennbar Swans. Niemand sonst könnte diese monolithische Wucht erschaffen, diese Mischung aus verzückter Hingabe und absoluter Kontrolle.
Klingt „Birthing“ wie eine Therapie, die zu weit geht?
Beim Hören dieses Albums passiert etwas Seltsames: Man fühlt sich ertappt. Als hätte jemand deine innersten Räume betreten. Viele Hörer berichten von tief sitzenden Emotionen, die hochkommen – Trauma, Schock, Euphorie, Befreiung. Und genau das ist die Magie, die Swans seit jeher definierte. „Birthing“ ist nicht nett, nicht gefällig, nicht freundlich. Es ist ein Spiegel. Und dieser Spiegel zeigt dir alles.
Tracks wie „Birthright“, „Under Skin, Under Sky“ oder „Tower Ascending“ schichten Klang wie Felsplatten übereinander, bis ein Druck entsteht, dem man sich nicht entziehen kann. Jeder Rhythmus klingt wie ein Herzschlag, der seinen eigenen Körper sprengt. Jedes Crescendo wirkt wie die Welle eines Ozeans, der seit Jahrzehnten auf den richtigen Moment gewartet hat, um dich zu treffen.
Die Produktion ist überwältigend, fast körperlich. „Birthing“ ist ein Album, das auf Lautstärke angewiesen ist – es will dich nicht umarmen, es will dich transformieren. Es ist nicht Musik zum Hören.
Es ist Musik zum Durchleben. Und 2025 gibt es nichts Vergleichbares.
Warum Swans endlich den Thron verdienen …
Im letzten Drittel des Albums – und besonders beim erneuten Hören – wird klar: „Birthing“ ist kein Abschluss einer Ära, sondern deren Krönung. Wenn Gira sagt, dies sei das letzte Album der all-consuming sound worlds, dann kann man das nur als feierliche Verabschiedung eines monumentalen Kapitels lesen. Künftige Alben mögen abgespeckter sein – aber „Birthing“ ist der alles verschlingende Koloss, der dafür den Grundstein legt.
Und dann ist da noch die physische Veröffentlichung: Das Artwork, die Texturen, die Haptik – alles wirkt wie ein Ritualobjekt. Ein Artefakt. Keine bloße Verpackung, sondern ein ästhetischer Begleiter zu einer spirituellen Erfahrung. In einer Zeit, in der Alben kaum mehr physisch wahrgenommen werden, ist „Birthing“ ein Triumph der Form über die Funktion, der Kunst über den Algorithmus, der Kreativität über die künstliche Intelligenz.
Das Fazit ist einfach: Swans stehen 2025 wieder ganz oben. „Birthing“ ist nicht nur das Album des Jahres – es ist ein Manifest. Ein Donnerhall. Ein Vermächtnis.
Ein Evident dafür, dass wahre Kunst nicht altert, sondern wächst.
Und „Birthing“ wächst gigantisch.
Vinyl ist für mich nicht nur Musik, sondern ein Erlebnis. Die von mir beschriebenen Alben, habe ich alle ausgepackt, angeschaut und angehört. Gerne auch mehr als ein Mal. Bei den Reviews mache ich mir immer ein eigenes Bild durch entsprechende Recherche und das konzentrierte Anhören. Das ist meine Art den Künstlern entsprechende Wertschätzung für ihre Kreativität und Kunst entgegenzubringen.
So kann es vorkommen, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens, die Platten in seltenen Fällen vergriffen sind.
Dazu gibt es für mich keine Alternative: über Platten schreiben, in dem man die Pressetexte abschreibt ohne die Platte in den eigenen Händen gehalten zu haben, macht für mich keinen Sinn. Danke für euer Verständnis. Lagartija Nick.

