Ganz klares Vorbild der kanadischen Dance-Punk Band La Sécurity ist schon mal Le Tigre, die Art-Punk Band um Riot Grrrl Kathleen Hanna, ebenfalls Sängerin der Punkband Bikini Kill. Durchblitzen tut dies spätestens, als Sängerin Éliane Viens-Synnott im Backstage sagt: „Ich mag Fotos nach dem Auftritt, wie Kathleen Hanna, wenn der Auftritt mir noch sehr deutlich anzusehen ist.“ Ja, ich weiß, was sie meint, diese zerfließenden Schminke, dramatische Schlieren ziehend, vom pumpenden Kreislauf erhitzte Haut, rote Wangen, nasse Strähnen im Gesicht.

Und diese Durchschlagskraft ihres großen Vorbildes höre und sehe ich auch hier auf der Bühne. Schweißgetränkt im nebeligen Bühnenlicht treten sie voll Eifer über die Grenzen der Bühne hinaus, performen im Publikum, geben alles bis zur Erschöpfung.

La Sécurity aus Montreal, Quebec, dem französischen Landesteil Kanadas, stehen zu fünft auf der Bühne.

Zwei Gitarristinnen mit Melissa Di Menna und Laurence-Anne Charest-Gagné und Kenneth David Smith an den Drums.

Dazu kommt ein super grooviger, slappy Bass von Félix Bélisle, der das ganze so unglaublich funky und danceable macht, wie im Song Deny vom neuen Album Bingo.

Die Sängerin Éliane Viens-Synnott formt nicht nur ihre Stimme in unterschiedlichen Klängen, sondern greift immer wieder zusätzliche Instrumente auf. Sie klimpert am Keyboard schrille Sounds, schüttelt wild einen Tamburin oder bewegt eine Rassel. Die Vielfalt im Sound macht den Klang zu dem kreativen Grundgerüst, dass ich am Artpunk total mag.

Ich habe schon so oft gehört, „Punk is dead.“ Ich war schon so oft dabei, wie er sich immer wieder neu erfunden hat vor einem großen, jungen Publikum. Dieses Mal als Dance-Punk also. La Sécurité haben, genauso wie die Supportband Städtische Manieren, überhaupt keine Problem damit durch ihre gemischte Bühnenpräsenz auch ein gemischtes Publikum anzuziehen. Ich meine jetzt auch nicht nur mit Bezug auf Geschlechter. Es sind ganz unterschiedliche Leute zum Feiern gekommen, mit ganz unterschiedlichen Ethnien und weniger definierbaren Kleidungsstilen. Es geht um Musikhören und tanzen. Das ist vielleicht auch dem Wave- und Pop-Punk geschuldet, der heute von der Bühne klingt.

Klar, ich mag es super rough und knallig oder tanzbar, es gibt aber eben auch diese Momente, wo ich auch mal Bock auf dreamy Melodien habe, ohne Kitsch mit einer Prise Melancholie. Sogar das bekommen La Sécurité mit ihrem englisch-französichem Song K9 super gut hin. Für einen kurzen Moment scheint der Song einfach aus der Art geschlagen, eine Synkope, eine Parallelwelt, die es auch noch gibt. Dann geht es wieder energiegeladen weiter.
Im Jahr 2023 hatten La Sécurity ihr Debütalbum „Stay Safe!“ veröffentlicht, das 2024 für den kanadischen Polaris Music Prize gelistet war. Der Berliner Konzertagentur Puschen haben wir diese Show zu verdanken, ebenso wie schon das Bikini Kill Konzert 2024 in der Columbiahalle Berlin. Ich berichtete davon. Schaut gerne mal in den Veranstaltungskalender bei Puschen, was da so überregional und international als nächstes ansteht.

Bei ihrer Tour sind La Sécurity derzeit in Europa unterwegs mit ihrem neuen Album „Bingo“ im Merch-Gepäck, weshalb ich mir beim Konzert im Presale vor der Veröffentlichung am 12.06.2026 das neue Album von La Sécurity auf Vinyl sichern kann.

Aber ich brauche nicht abzuwarten bis ich zuhause bin, für eine Premiere. Heute Abend gibt’s auf dem von Puschen veranstalteten Konzert auch zum allerersten mal einen neuen, unveröffentlichten Song vom neuen Album live auf der Bühne, wie wir der Ansage entnehmen. Und so kommt das Berliner Publikum in den Genuss der Premiere vom Song Trixie (B-Seite, drittes Lied). Auf der kleinen, aber feinen Bühne im Urban Spree.

Die Musik scheint jedenfalls zu gefallen, das Konzert ist gut besucht. An einem wunderschönen, sonnigen Frühsommerabend, an dem der zugehörige Biergarten der Location so richtig voll ist, will das schon was heißen, wenn man seine Zeit gerne in einem vollgestopften Konzertraum zubringt. Wie immer funktioniert Livemusik bei mir am besten, vielleicht ist das ja bei all den anderen an diesem Abend auch so. Wir fühlen uns jedenfalls wohl und die Leute stehen dann sogar noch Schlange am Merch, hat also mehr als gefallen.

Die Studioversion höre ich mir dann entspannt Zuhause auf Vinyl an. Dann nehme ich mir die Zeit dafür, wirklich aktiv ein ganzes Album in genau der festgelegten Reihenfolge anzuhören: auspacken, anfassen, auflegen, zufrieden zuschauen beim Drehen, das Cover studieren, die Lyrics lesen. Mit Streaming geht sowas nicht, jedenfalls für mich nicht. Streaming ist immerhin praktisch zum unterwegs sein, mal schnell nebenbei Musik anmachen, skippen, zappen, Playlist machen, oder ganz weird…im Karaoke Modus mitsingen…hüstel.
Die Platte auf leckerstem green pickle Vinyl sieht tatsächlich aus wie ein quietschgrüner Cornichon, passt super zur Mucke. Hier gibt es sie bei Flight13 zu bestellen.

Support gab es durch die Newcomer Band Städtische Manieren aus Berlin. Städtische Manieren stellen sich vor mit einer Selbstbeschreibung durch 90’s Alternative, Experimental Rock, Avant-Pop und Post-Punk.

Auch der Band-Name, stelle ich nach kurzer Suche fest, ist tatsächlich eine seltene Wortkombination, die ich in dieser Konstellation kaum im Netzt finde. Ganz ähnlich ist es mit der Kombination der unterschiedlichen Musikstile.

Die Musik von Städtische Manieren wirkt wie demontiert und neu zusammengesetzt, dennoch gibt’s eine schräge ästhetische Verschmelzung der Genres.

Hörgewohnheiten werden kurz aufgeweckt, nur um dann komplett zu zerreißen, den Bach runterzugehen und in tausend Wildwasserstrudeln immer wieder neu umeinander gewirbelt zu werden.

Am Ende werde ich gefühlt irgendwo ganz unvermutet ans Ufer gespuckt, wo ich es nie erwartet hätte. Das funktioniert dann genauso überraschend wie der Bandname.

Sängerin Alda Zinke zuckt in wilden, ekstatischen Bewegungen, als ein Sturm aus experimenteller Musik von Städtische Manieren uns fortreißt.

Ist das Disco, ist das Drum’n’Bass, ist das noch Punk oder schon wieder Avant-Pop?

Nein warte, halt, ich habe sie auf dem Line Up eines Jazz Festivals gefunden und auch bei der About Pop.

Städtische Manieren sind scheint’s überall dabei, viele setzen sie auf ihre Genreliste, sie bleiben dabei konsequent im eigenen Stil. Das Debütalbum von Städtische Manieren ist im November 2025 erschienen, eine Vinyl gibt es bislang noch nicht.

