Sodele, da bin ich wieder, weiter geht’s. Den Review-Stapel abarbeiten, bevor es in den Urlaub geht!
Heute bin ich zur Abwechslung mal gar nicht so verspätet dran – das heute besprochene Stück musikalische Unterhaltung erschien nämlich „erst“ am 22.05. dieses Jahres. Na gut, schon wieder etwas spät…
„Welches Stück musikalische Unterhaltung?“ fragt ihr euch jetzt bestimmt – sag ich euch natürlich.
Es geht um vchepyvsi blud und ihr Debütalbum Ty Baneyky. „Hä?!“ fragt ihr euch jetzt möglicherweise wieder – kein Problem, ich erklär euch alles.
Also von vorne: Bei durchstöbern unserer Review-Anfragen ist mir der Name ins Auge gesprungen. Ich bin sehr anfällig für ausgefallene, schwer auszusprechende Namen – was dann musikalisch dahintersteckt, ist oft eher so 50/50. Bei vchepyvsi blud sind es die besseren 50 Prozent, die dahinterstecken. Also nicht nur ein interessanter Name, sondern auch interessante Musik. Angesprochen hat mich das Ganze, außer wegen des Namens, dann noch, weil es mein 16-jähriges Goth/Black-Metal Ich adressiert hat.
vchepyvsi blud ist laut Eigenbeschreibung ein „Musik- und Performance-Projekt“ von Natalya Androsova (aus Kyiv) und Jan Preißler (aus Berlin). Eben jener Preißler ist auch bei Dino Paris & Der Chor der Finsternis aktiv. So. Wenn ich in Verbindung mit Musik irgendwo „Performance-Projekt“ lese, dann bekomme ich in der Regel Angst. Ich habe 12 Jahre passiv an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste studiert und Performance ist mein absoluter Kunst-Horror. Kunst, die man mir bzw. den Betrachtenden erklären muss, hat für mich ihr Ziel verfehlt. Aber das nur am Rande. Zum Namen sagt das Internet folgendes: Der Projektname spielt mit dem Ukrainischen: „vchepyvsi blud“, das bedeutet sinngemäß „sich verirren“, und Blud ist außerdem ein Wesen aus ukrainischen Sagen — ein geisterhaftes Etwas, das Wanderer in den Wald lockt. Gut, das lasse ich einfach mal so stehen.
Auch über das Wort „Performance-Projekt“ kann ich im Falle von vchepyvsi blud hinwegsehen. Zum Glück, denn sonst hätte ich mir das Ganze eventuell nie angehört und das wäre schade gewesen, denn was die beiden hier auf acht Tracks machen finde ich sehr spannend. Der Sound auf Ty Baneyky – übrigens erschienen via Hall und Echo – verbindet Elemente von Dark Wave, Cold Wave, etwas EBM und einer Kleinigkeit Black Metal. Dabei geht es nicht darum, einzelne Teile aus diesen Genres zu extrahieren, oder besonders hervorzuheben – für mich klingt es eher nach dem (gelungenen) Versuch diese miteinander zu vermischen, um ein eigenes, neues Klangerlebnis zu schaffen. Es treffen stellenweise fast Soundtrack-artige Ambient Elemente auf in Black-Metal Manier gekreischte Lyrics – in der Pressebeschreibung steht, der Black-Metal Teil seien die Gitarren – sehe ich nicht so. Dafür sind die zu „brav“. Für mich sind das Schichten, unten der EBM-Puls, darüber ambient-/soundtrackartige Flächen, dann Gitarren als Textur, und der Gesang als das eigentlich „extreme“ Element — und über allem ein Mix, der das Ganze in Cold-Wave-Patina taucht. Natürlich nicht bei jedem Song – ich habe hier konkret an „Tide“ gedacht.
Musikalisch und inhaltlich geht das sehr gut zusammen, was vchepyvsi blud hier abliefern. Inhaltlich geht es wohl zum Teil (laut Internet) auch um klassische „nicht-Orte“ oder Orte, an denen man sich verirren oder verlieren kann. Insofern passt das. Auch das physische Album ist hübsch aufgemacht – vom scheinbar siebgedruckten Cover Artwork über das Inlay bis zum „Logo“ ist das alles ein stimmiges Gesamtpaket. Wer also auf düster, Goth und sphärisch steht, sollte sich das unbedingt zu Gemüte führen! Ich hole mir jetzt direkt ein Longsleeve im Merch-Shop weil mir der Print so gut gefällt! Achso, zum Schluss noch: Zum Glück war das keine Performance sondern einfach gute Musik.
Platte und Longsleeve gibt´s HIER

