Musste ich letztes Jahr noch fast zum Pinocchio werden, um drei Top-Platten herbeilügen zu können, hatte ich heuer eher die Qual der Wahl. Die Welt ist kein gerechter Ort, was beinhaltet, dass nicht nur Reichtum, Wohlstand und Frieden ungleich verteilt sind, sondern auch gute Platten. Sorry an dieser Stelle für den Zynismus, aber manchmal hilft’s halt auch ein bisschen. Und letztlich geht’s auch um die schönste Nebensache der Welt, richtig, um gute Musik! Und weil es dieses Jahr wie jedes Jahr nur eine, bzw. drei Siegerinnen geben kann, es aber deutlich mehr verdient hätten, sollen auch die quasi Zweitplatzierten kurz Erwähnung finden. Und weil auch nach dem Champions League-Finale erst die Typen für die Silbermedaille auf’s Treppchen dürfen, fangen wir auch hier mit Silber an. Wobei die genannten Bands im Vergleich zu den absurd überbezahlten Finallosern (auch hier besteht bekanntlich eine geradezu obszöne Ungerechtigkeit bezüglich der Kontostände im Frauen – vs. Männerfußball) in keinster Weise bedröppelt und mit gesenkten Häuptern durch die Gegend latschen müssen. Quasi kurz und bündig auf dem Silberteller präsentiert und wie immer beim ollen Riedinger in alphabetischer Ordnung:
The Darkness – Dreams On Toast (Cooking Vinyl): Die Briten liefern seit fast 25 Jahren konstant (na ja, bis auf ne viel zu lange Durststrecke zwischen 2005 und 2012) und zuverlässig gute Ware. Im Prinzip ziehe ich nicht den Hut vor dieser Platte, sondern vor dem (bisherigen) Lebenswerk der Band.
The Dead End Kids – The Power Of Now (RilRec Records): die Band aus dem AZ-Umfeld ging bisher an mir vorbei, bis eben zu dieser Platte. Die hat mich aber direkt aus den Latschen gehauen. Wollte ich mir auch live reinziehen, war aber leider verhindert. Hole ich nach!
The Hives – The Hives Forever, Forever The Hives (Play It Again Sam): hier gilt das Gleiche wie für The Darkness, nur dass die Schweden seit inzwischen über 30 Jahren nicht mehr wegzudenken sind.
Mitraille – Mitraille (Spastic Fantastic Records, u.a.): Mit das beste Livekonzert heuer, im Mai im Carousel zu Heidelberg. Drei supernette und ganz unscheinbare Belgier brechen auf der Bühne die Hölle los. Garage at it’s best: Blut, Schweiß und Freudentränen. Auf Platte und im klinischen Zuhause dann nicht mehr ganz so energetisch, deshalb nur Silber. Vielleicht sollten wir vom Keks zukünftig auch die Rubrik „Die Top 3 Liveshows des Jahres“ führen?!
Rong Kong Koma – Smile (Rookie Records): endlich mal wieder eine richtig gute deutschsprachige Platte. Die Sprache allein hat aber letztlich nicht ganz für ganz oben gereicht. Silber glänzt doch aber auch ganz schön, liebe Rong Kong Koma!
So. Kommen wir bitte ohne große Umschweife zu den diesjährigen Goldmedaillengewinnerinnen, die da wären:
1. The Hellacopters – Overdriver (Nuclear Blast Records)
Es gibt sie immer noch, die Leute, die „Supershitty To The Max!“ hinterhertrauern. Das sind aber womöglich die gleichen Leute, die über Brian Johnson immer noch sagen, er sei „der Neue“ bei AC/DC?! Fakt ist, die Gallionsfiguren des Schwedenrock haben noch nie ein schlechtes Album veröffentlicht. Und sie werden es auch nie, verdammt noch mal! „Overdriver“ führt den Weg der Hellacopters nach zwischenzeitlicher Stilllegung und dem tragischen Verlust des Gitarristen Robert Dahlqvist konsequent fort. Ich liebe es, ich liebe sie und was ich oben über The Darkness und The Hives geschrieben habe, gilt hier mindestens doppelt und dreifach!
2. McLusky – The World Is Still Here And So Are We (Ipecac Recordings)
Anfang der Nuller Jahre, Southside Festival, Neuhausen ob Eck. So ziemlich das letzte Mal, dass ich dort war. Sonntag Morgen, die meisten meiner Partycrew liegen noch im selbst produzierten Dosenbierhaufen. Ich dagegen stehe nach Halbmarathon und Yogarunde vor der Hauptbühne und lasse mich von einer jungen Band aus Wales, von der ich zuvor noch nie gehört hatte, geradezu wegblasen. McLusky dürften die Frühmesse im Kaff mit ihrem ungestümen Noiserock mehr als empfindlich stören. Und dazu eine Bühnenshow, die in einer halben Stunde bei jedem einzelnen der drei Musiker garantiert mehr Schweiß produziert, als ich es mir wünschen würde, sollte ich doch mal einen Halbmarathon laufen und danach Yoga praktizieren. Unglaublich und ich ertappe mich später selbst bei einem Spruch gegenüber den Dosenbierfetischist*Innen, den ich eigentlich gar nicht mag: „Leute, da habt ihr echt was verpasst!“
Doch nach nur drei Studio- und einem selbstveröffentlichten Livealbum wurde es ca. 2004/2005 still um die Band. ich begann sie zu vermissen… und ich begann sie zu vergessen. Bis zu diesem Jahr und plötzlich stehen sie wieder vor mir. Bämm! Als wären sie die letzten 20 Jahre nie weg gewesen, blasen sie mich mit „The World Is Still Here And So Are We“ mindestens genauso um, wie damals an diesem denkwürdigen Sonntag Morgen. Ein Albumtitel, der nach einer wahren Wohltat klingt. Eine Band, die immer noch – oder besser wieder! – weh tut, wo Schmerz erlaubt ist. Geil, geiler, McLusky!
3. Militarie Gun – God Save The Gun (Loma Vista Records)
Das Ding ist quasi druckfrisch. Zumindest für mich. Eben erst zum besprechen für den Keks bekommen, jetzt schon in den Top 3 des Jahres! Da kann die Marijke Amado mit ihrer Wunderkugel aber so was von einpacken! Für Kinder ist das hier eh nicht so doll geeignet, denn Sänger Ian Shelton setzt sich auf teilweise geradezu destruktive und selbstverachtende Weise mit seinem Alkoholproblem auseinander. Seine Band liefert ihm dazu den passenden Soundtrack. Laut, roh, verzweifelt und doch mit dem feinen Gespür für Melodie, die Andeutung auf Besserung, auf einen Ausweg. Auf seine Art und Weise ist „God Save The Gun“ ein Konzeptalbum, das ich nie mehr missen möchte.
So, das war’s. Halt! Noch nicht ganz. Wie immer an dieser Stelle möchte ich mich bei unserer Leserschaft für’s Lesen und bei meinen Kolleg*Innen für’s Zusammenarbeiten bedanken. Macht’s mal gut und bis 2026 dann… Euer Riedinger

