Die Firma Electro Harmonix baut gute Gitarreneffekte. Ihren Chorus „Small Clone“ bewirbt sie mit dem Slogan „Your Own Nirvana“. Klar, mit solchen Federn schmückt man sich gerne und sicherlich wäre der Sound von Kurt Cobain ein bisschen ein anderer gewesen, hätte er den „Small Clone“ nicht für sich entdeckt. Ob der Erfolg dennoch der gleiche gewesen wäre? Reine Spekulation. Für euch ist an dieser Stelle nur wichtig, zu wissen, wie das Ding klingt, solltet ihr (noch) keine Vorstellung davon haben. Hört euch also „Smells Like Teen Spirit“ an und achtet auf die zwei Gitarrentöne in den Strophen. Ein Paradebeispiel für den Klang des „Small Clone“ (gepaart mit einer „Fender Mustang“ sowie dem „Fender Bassman“, welche er für die Aufnahmen zu „Nevermind“ nutzte).
Pi mal Auge 20 bis 30 Jahre später geht (für mich gefühlt) die große Post-Punk-Welle los. Die Bands schießen wie Pilze aus dem Boden und man möchte schon fast von einem neuen Genre sprechen, so inflationär oft wird diese Musik gespielt. Nicht wegzudenken ist dabei der Chorus-Effekt – und sicherlich auch in sehr vielen Fällen genau das „Your Own Nirvana“-Modell „Small Clone“ von Electro Harmonix, auch wenn die Musik – mal abgesehen von mitunter mitschwingender Destruktivität, Düsternis, Beklemmung und Selbstzweifeln – eine andere ist, als das was damals als Grunge in die Musikgeschichte einging.
Distance ist eine neue Punk-Kapelle aus Bordeaux, die jüngst ihre Debüt-EP auf 12″ via Sabotage Records und Dans Le Vide veröffentlicht hat. Der gute Franz von Sabotage Records hat mir diese unaufgefordert und einfach so, zusammen mit No Sugar und deren neuem Werk „Last Call“ (Review gibt’s auch beim Keks), zugeschickt. Vielen Dank dafür, lieber Franz!
Zumindest einer der beiden Gitarristen von Distance hat seinen Chorus über die gesamte Länge der sechs Songs aktiv geschalten. Mich persönlich nervt das auf Dauer etwas, denn den vergleichsweise grellen Sound des Chorus ertrage ich nur wohldosiert. Aber, ich kann und möchte dem Sound seine Charakteristik nicht absprechen und Leute, die den Post-Punk genau deswegen lieben sollten, kommen hier aber mal so was von voll auf ihre Kosten.
Cool dagegen ist, dass das Quintett in seiner Muttersprache singt. Auch wenn ich als permanenter „Ausreichend“-Kandidat in Französisch nur ganz wenig verstehe, kann ich auch der französischen Sprache ihre ganz eigene Charakteristik nicht streitig machen, klingen die vorgetragenen Vocals, mögen sie auch noch so angepisst sein, dadurch doch immer so ein klein wenig lieblich. In Kombination mit dem Sound von Distance klingt das (zumindest für mich, der ich keine weitere französischsprachige Post-Punk-Band kenne) final so ziemlich einzigartig und interessant.
Lieblich und Post-Punk sind aber auch nur die, sagen wir mal, Dreiviertelsmiete. Distance stehen mit ihrem Sound zusätzlich in der Tradition (Pah! Als ob’s bei Punkbands so was wie Tradition gäbe, haha!) von Landsleuten wie den kongenialen Youth Avoiders und auch Fix-It, oder den Münsteranern Short Fuse. Soll heißen, der Post-Punk von Distance ist mit einer ordentlichen Portion Hardcore-Punk untermauert, was sich aber mehr in der unterschwellig vorhandenen Aggression und weniger im Tempo zeigt, auch wenn dieses anderen handelsüblichen Post-Punk-Bands davongaloppieren mag.
Das Artwork, das find‘ ich ja spitzenmäßig. Hat was von ’nem altertümlichen Filmplakat und vermutlich geht da gleich eine Autobombe hoch?! Falls nicht, Distance sorgen jedenfalls für Bombenstimmung, harhar. Anschaffung lohnt sich, am besten direkt bei Sabotage Records.

