Neues Jahr, neues Glück und all die guten Vorsätze, die man dann – begleitet von Enttäuschung ob des eigenen Unvermögens – eh nicht einhält. Warum soll denn alles anders, sprich besser werden, nur weil jetzt ’ne 26 hinten dransteht? Diesen naiven Zweckoptimismus vieler meiner Mitmenschen kann und konnte ich leider noch nie teilen. Musikalisch wiederum bin ich gar ganz happy, dass es 2026 genauso fulminant weitergeht, wie es noch vor gaaaanz kurzer Zeit mit 2025 aufgehört hat. Und das darf dann auch bitteschön so bleiben!
Gavial, das Psychedelic- und Bluesrock-Quartett aus dem Dreieck Berlin, Dresden, Leipzig, begrüßt uns im neuen Jahr mit seinem absolut beachtlichen Drittwerk „Thanks, I Hate It.“. Und weil es den vier Buben womöglich ähnlich wie mir gehen mag, verteilen sie mit ihren sechs Eigenkompositionen auch keine lyrischen roten Rosen zum Jahresauftakt. Der Titel spricht zusammenfassend eh schon Bände, wenn Gavial da diverse (weltweite) gesellschaftliche Missstände anprangern. Hass, Trump, Putin, zunehmender Militarismus, Machtgier undundund. Das sind und bleiben auch 2026 weiterhin einfach nur beschissene Themen, die die Welt regieren. So! Bäääh!
Ganz anders dagegen die Musik, die Gavial dazu komponiert haben. „Control“ eröffnet das Album unaufgeregt, fast unmerklich mit dezenten Gitarrenlicks und schön piano. Einzig der treibende Bass zeugt davon, dass hier gleich die Post abgehen wird. Supergute Steigerung an Dynamik und Atmosphäre und den Song sollte sich Quentin Tarantino mal für den Soundtrack vormerken, sollte er uns doch nochmal mit einem Film beglücken wollen. Cooler Opener der richtig Bock auf das Album macht.
Mit „Koru Mindset“ nehmen Gavial an Fahrt auf und der D-Akkord am Anfang lässt dank Sound und Härte kurz an die Sex Pistols denken, wäre da nicht der dominante und absolut eingängige Bass, den egal ob Sid Vicious oder Glen Matlock, so doch niemals hinbekommen hätten, ergo: das wohl auch nie vorgehabt hätten. Überhaupt der Bass. Der sollte spätestens mit dem Einsteigen von Paul Kollascheck und somit dem Schreiben von „Thanks, I Hate It.“ eine gewichtigere Rolle im Songwriting von Gavial spielen. Ich würde sagen: Operation gelungen! Nicht nur dass der Bass so hölzern klingt, wie er für diese Musik und deren Vintage-Touch zu klingen hat. Nein, er bereichert die Songs auch mit Dominanz, Eingängigkeit und gutem Spielvermögen an den passenden Stellen.
„Grow“ ist eine schwermütige Heavy-Blues-Nummer mit ordentlichem LedZep-Vibe. Gefällt mir mit am besten. „Wandern“ ist eine neue Adaption eines bandeigenen alten Stückes, die zunächst ganz chillig anfängt, ehe sie so ca. ab der Hälfte zu einer monströsen Black Sabbath-Gedächtnisnummer mutiert. Dios Mio! Und allerallerspätestens jetzt ist klar, dass Conrad Brod an den Drums und Paul-Willy Stoyan an der Gitarre nicht nur in der Band sind, um ihre Instrumente Gassi zu führen.
Der letzte Song der Platte ist kein eigener. „Wicked Game“ von Chris Isaak wird unter’s Messer genommen und leider ist die OP hier für meinen Geschmack ein wenig missglückt. Sagen wir es so: es bleiben dem Patienten ein paar unschöne Narben. Allerdings haben sich Gavial da auch eine vielleicht nicht machbare Schönheits-OP vorgenommen, ist das Original in seiner Schwere und Tiefgründigkeit eigentlich nicht schöner zu machen. Die Schwere, die durch das schleppende Element des Originals entsteht, wird in Gavials Version durch noch mehr Schleppen fast schon überstrapaziert und für die Tiefgründigkeit fehlt es Sänger/Gitarrist Benjamin Butter einfach so ein klein wenig an Schmachten in der Stimme. Dennoch nicht überflüssig, denn ich finde es immer wieder spannend, was andere Bands – in diesem Fall Gavial – aus diesem musikalischen Kleinod machen.
Ab dem 23.01. ist „Thanks, I Hate It.“ auf schwarzem Vinyl plus beigelegter CD via Exile On Mainstream Records und z.B. bei jpc zu haben. Ich würde zuschlagen, soll doch auch euer 2026 wenigstens musikalisch ein gutes Jahr werden. Für den Rest… ihr wisst schon! In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein gutes neues Jahr!

