Es gibt Debütalben, die keine Fragen offenlassen. Das selbstbetitelte erste Album von iedereen, erschienen 2024, war so eines. Zwei Leute, Gitarre, Schlagzeug, ein Haufen Wut, Witz und Lautstärke – und sofort war klar, dass dieses Kölner Duo in der deutschen Indiepop-/Noiserock-Blase nicht unbemerkt bleiben würde. Songs wie „GKO“, „Chauvi“ oder „Niki“ klangen nach Aufbruch und Übermut, nach einer Band, die noch nichts beweisen muss und gerade deshalb so überzeugend ist. Die Frage war weniger, ob Aufmerksamkeit kommen würde, sondern eher, wie lange sie anhält. Nach unzähligen Konzerten, Festivalauftritten und Supportshows ist die Antwort darauf eindeutig: iedereen sind geblieben. Der Fuß steckt nicht nur in der Tür, er ist ziemlich fest verkeilt. Mit „Neue Mitte“ folgt nun das zweite Album – jener klassische Prüfstein, an dem viele Bands scheitern, weil Erwartungsdruck, Selbstzweifel und der Wunsch nach Weiterentwicklung plötzlich gleichzeitig auf der Matte stehen.
„Neue Mitte“ klingt genau nach diesem Zustand. Das Album verhandelt weniger Gewissheiten als vielmehr Fragen: Was wollen wir eigentlich sagen? Wer hört zu? Und wie funktioniert Bandsein, wenn das Leben drumherum längst nicht mehr nur aus Proberaum und Bühne besteht? Die anfängliche Unbeschwertheit ist weg, der Zweifel tritt an ihre Stelle – und wird hier konsequent zum Motor der Songs.
Musikalisch bleibt vieles vertraut, wird aber deutlich erweitert. Das Album eröffnet mit „Rewe“, einem beschleunigten Keith-Richards-Gedächtnisriff, das gleichzeitig eine Verbeugung vor 90er-Ikonen wie Jon Spencer darstellt. An anderer Stelle tauchen plötzlich Saxophone auf („Klosterfrau Melissengeist“). „Zehntausend Mal“ erlaubt sich ein Intro, das kurz an die Prinzen und die Beach Boys erinnert – eine Grenzüberschreitung, die im Kontext von hippen Noisepop-Diskursen eigentlich verboten sein müsste. iedereen ist es herzlich wurscht.
Auffällig ist, wie sehr sich das Duo musikalisch öffnet. Zum Kantigen des Debüts gesellt sich zunehmend das Runde, zum Hektischen die Harmonie. Die Songs sind eingängiger, ohne glatt zu wirken. Statt bloßer Energieentladung gibt es Dynamik, Brüche, bewusste Arrangements. Wo das Debüt vor allem zeigte, was die Band kann, geht es hier stärker um das, was sie könnte.
Der Titelsong „Neue Mitte“ funktioniert dabei als emotionales Zentrum des Albums. In klarer Tocotronic-Tradition wird hier das Gefühl von Vereinzelung, Selbsthass und Generationsfrust verhandelt – verpackt in eine mitreißende Hymne, die live vermutlich genau das Gegenteil erzeugt: Gemeinschaft. Ähnlich ambivalent ist „Panik“, das Ton Steine Scherben zitiert, gesellschaftliche Eskalation beschwört und das Ganze in ein fast fröhliches Arrangement gießt, inklusive eines ironischen Verweises auf eine kurze, erstaunlich coole Phase im Werk von Marius Müller-Westernhagen. Weitere Highlights sind „Angebot“, das zwischen Blondie-New-Wave und Alternative Rock der Mittneunziger pendelt, sowie das bewusst sperrige „Glaube nicht“, das klassische Noiserock-Motive aufgreift. „Alarm“ thematisiert mit B-52s-Twang Sex, Porno und Überkonsum, während „Geht’s nur gut?“ als melancholische Slacker-Hymne mit Lemonheads-Schlagseite fast schon zur Powerballade wird.
All das entsteht mit minimalem Besteck. iedereen sind nach wie vor nur zu zweit – und genau das macht dieses Album so bemerkenswert. Die Vielzahl an Ideen, Referenzen und Stimmungen wirkt nie überladen, sondern konzentriert. „Unsere Songs sind wie ein Kartenhaus: luftig, infantil, manchmal kurz vor dem Einsturz“, sagt Ron Huefnagels. Das passt – nicht nur zur Musik, sondern auch zu dem Lebensgefühl, das „Neue Mitte“ einfängt.
Dieses zweite Album ist kein lauter Neuanfang und keine selbstbewusste Machtdemonstration. Es ist ein Schritt zur Seite, ein Innehalten, ein genaues Hinschauen. iedereen entwickeln sich weiter, ohne ihre Kanten zu verlieren. „Neue Mitte“ ist damit weniger eine Antwort als eine präzise formulierte Frage – und gerade deshalb ein starkes, nachhaltiges Album.
Zu erwerben ist das Album über den Shop auf der Homepage und in jedem gut sortierten Plattenladen.
Viel Spaß beim Hören und Entdecken!

