Alamut – der dampfende Klangtempel von Laibach
Laibach findet man in den rußgeschwärzten Hallen der Industrial-Geschichte. Hier trifft man unweigerlich auf diese Maschine, die seit Jahrzehnten unaufhörlich stampft. Mit „Alamut“, erschienen im Frühjahr 2025, zünden die slowenischen Klangarchitekten eine gewaltige Orchestralkonstruktion, die Mythos, Macht und Mechanik verschmilzt – zu einem Werk, das klingt, als wäre es im Herzen eines dampfenden Empires geschmiedet worden.
Das Geheimnis von Alamut – eine Festung aus Klang und Mythos
Der Titel „Alamut“ entstammt dem gleichnamigen Roman des slowenischen Schriftstellers Vladimir Bartol aus dem Jahr 1938. Darin thront die sagenumwobene Festung des Hassan-i Sabbāh, des Anführers der Assassinen, über den Bergen Persiens – ein Ort der Täuschung, der Macht und der absoluten Wahrheit.
Laibach transformieren diese Legende in ein klangliches Bollwerk aus Stahl und Rauch. Die uralten Mauern von Alamut scheinen im Takt der Trommeln zu beben, und zwischen den Orchesterwellen flackert das Licht einer fernen Ideologie. „Alamut“ ist keine bloße musikalische Erzählung – es ist ein philosophischer Apparat, der fragt, was Realität, Glaube und Manipulation im Zeitalter der Maschinen bedeuten.
Hier wird Musik zum Ritual, das in Öl geschwängertem Dampf gehüllt aus der Vergangenheit in die Zukunft steigt.
Laibach: Stahl, Pathos und Perfektion
Laibach wurden 1980 im jugoslawischen Untergrund geboren – eine Band, die nie nur Musik machte, sondern immer ein Gesamtkunstwerk aus Klang, Symbol und Provokation schuf. Ihre Uniformen, ihre ironische Totalitarismus-Ästhetik, ihre martialischen Rhythmen: all das war Teil einer präzise inszenierten Spiegelung von Macht.
Während andere Gruppen tanzten, marschierte Laibach – durch die Trümmer der Ideologien, über die Asche der Systeme. Ihr Sound, geprägt von Martial Industrial, Neoklassik, EBM und sakralem Bombast, formte ein eigenes Genre, das bis heute stilbildend ist.
Mit „Alamut“ führen sie ihre Klangmaschinerie auf die nächste Stufe: ein gigantisches Oratorium, in dem Orchester, Elektronik, orientalische Klangfarben und maschinelle Präzision einander umkreisen – wie Planeten in einer mechanischen Galaxie.
Die vier Pforten der Festung Alamut
Overture – Das Erwachen der Maschine
Ein grollender Beginn, als öffneten sich die bronzenen Tore der Festung. Bläser, Pauken, Chor und Trommel: alles bewegt sich in militärischer Präzision, doch mit der Würde eines sakralen Rituals. Es ist, als würden gigantische Zahnräder in Bewegung gesetzt – ein Auftakt, der weniger begrüßt als herausfordert.
Secret Gardens – Zwischen Stahl und Samt
Wie eine Tür, die in eine verborgene Welt führt, öffnet sich plötzlich ein leiser, verführerischer Raum. Persische Gesänge und zarte Chöre gleiten über orchestrale Teppiche, während im Hintergrund die Maschinen weiter atmen. Es ist der Moment, in dem Laibach Schönheit inmitten des Metalls entdecken – Zärtlichkeit im Zischen des Dampfes.
Fedayeen – Der Marsch der Schatten
Mit diesem Stück erhebt sich die Festung in voller Macht. Marschrhythmen, Trommelgewitter, Fras’ tiefer Bariton – alles atmet Disziplin, Hingabe, Ritual. „Fedayeen“ ist keine Hymne, es ist ein Befehl. Ein titanischer Aufschrei der Selbstaufopferung, wie das Schlagen einer Armee aus Klangstahl.
Metaverse – Der letzte Funke im Maschinenherz
Und dann: Stille. Weite. Kälte. „Metaverse“ ist der epische Nachhall eines zerfallenden Systems, das digitale Gegenstück zu Alamuts mythischer Isolation. Elektronische Drones, leere Räume, fragile Streicher – als würde man durch das verlassene Innere einer gewaltigen Maschine wandern, deren Herzschlag langsam verklingt.
Diese vier Songs zeigen Laibachs ganze Vision: ein Werk zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Religion und Technologie, zwischen Mensch und Maschine.
Kupfer, Rauch und Gravur – das Artefakt selbst
Schon die Verpackung von „Alamut“ ist eine Offenbarung. Das Cover gleicht einem alchemistischen Manuskript: goldene Gravuren, kryptische Symbole, okkulte Formen. Es sieht aus, als könnte man es in der Bibliothek eines Luftschiff-Kapitäns finden – irgendwo zwischen Messing und Magie.
Die Platte erscheint als Doppel-Vinyl, begleitet von einem aufwendig gestalteten Booklet mit persischen Ornamenten, Illustrationen und kryptischen Notizen. Jedes Detail wirkt handgefertigt, jedes Symbol scheint eine Geschichte zu erzählen.
Die Songs sind auf vier Seiten verteilt, wie ein ritueller Zyklus aus Beschwörung, Marsch, Meditation und Auflösung. Die Produktion ist schlichtweg makellos: Orchester, Chöre, Elektronik und Percussion fügen sich zu einem präzisen, kristallinen Klangbild – kein Geräusch zu viel, kein Atem zu wenig.
Wenn Klang zu Macht wird – das Vermächtnis von Alamut
Laibach realisierte das Projekt mit Unterstützung der englischen Non-Profit-Organisation a/political und in Zusammenarbeit mit iranischen Komponisten und Musikern. Einzelne Teile der Komposition stammen von Luka Jamnik in Zusammenarbeit mit Idin Samimi Mofakham und Nima Atrkar Rowshan. Die historische Symphonie wurde am 5. und 6. September 2022 im Križanke-Auditorium beim Ljubljana Festival uraufgeführt.
„Alamut“ ist mehr als ein Album. Es ist eine Zeremonie in vier Akten, ein tongewordener Mythos über Wahrheit, Glaube und Kontrolle. Laibach haben damit das Industrial-Genre endgültig in den Olymp der großen Kunst erhoben.
Sie sind keine Musiker – sie sind Ingenieure des Bedeutens, Architekten des Klanges, Priester der Ironie. In „Alamut“ verschmilzt das 20. Jahrhundert mit der Zukunft, der Orient mit dem Westen, die Maschine mit der Seele.
In Laibachs „Alamut“ verflechten sich die Ideen des radikalen Nihilismus mit der klassischen persischen Poesie von Omar Khayyam, die sinnlichen Verse von Mahsati Ganjavi verschmelzen mit minimalistischen Orchesterklängen, die aus der iranischen Tradition stammen. Hassan-i Sabbāhs Propagandamechanismen finden ihre Entsprechung im industriellen Prinzip der Funktionsweise des Orchesters und bilden in aderstählernen Sound-Kathedrale von Laibach den Säulengang, durch den der Hörer sich Schritt für Schritt der tonalen Festung „Alamut“ nähert.
In einer Zeit, in der Musik oft beliebig geworden ist, erhebt sich „Alamut“ wie ein gigantisch, stampfender Dampfkoloss aus Gold und Rauch, majestätisch und furchteinflößend zugleich. Laibachs „Alamut“ ist ein Album für die Bestenlisten des Jahres 2025.
Für uns – und für jeden, der Klang als Kunst, Macht und Mythos versteht – ist klar:
Ein Werk, das dampft, pulsiert, lebt.
Ein Monument aus Bronze, Chor und Donner.
Ein Herz aus Stahl, das ewig weiter schlägt:
Wir sind die Maschine.
Wir sind der Klang.
Wir sind Alamut.
Vinyl ist für mich nicht nur Musik, sondern ein Erlebnis. Die von mir beschriebenen Alben, habe ich alle ausgepackt, angeschaut und angehört. Gerne auch mehr als ein Mal. Bei den Reviews mache ich mir immer ein eigenes Bild durch entsprechende Recherche und das konzentrierte Anhören. Das ist meine Art den Künstlern entsprechende Wertschätzung für ihre Kreativität und Kunst entgegenzubringen.
So kann es vorkommen, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens, die Platten in seltenen Fällen vergriffen sind.
Dazu gibt es für mich keine Alternative: über Platten schreiben, in dem man die Pressetexte abschreibt ohne die Platte in den eigenen Händen gehalten zu haben, macht für mich keinen Sinn. Danke für euer Verständnis. Lagartija Nick.

