Geburtstag gehabt, Mother Tongue bekommen. Das Ticket dafür im Substage Karlsruhe vom lieben Sven. Und damit erfüllt er mir zwar nicht unbedingt einen Kindheits -, schon aber einen Jugendtraum. Auf die Band mit ihrem eigenwilligen Mix aus Bluesrock, Psychedelic Rock, Stoner Rock und Alternative Rock aufmerksam geworden bin ich damals anhand eines VISIONS-Samplers namens „The Most Underrated Bands Of The Nineties“. Das war logischerweise um die Jahrtausendwende und seither sind Mother Tongue mit ihren famosen Alben zwar mein regelmäßiger Begleiter auf Konserve, sich persönlich zu treffen war uns aber bisher noch nicht vergönnt.
Dafür, dass die Wahl-Kalifornier vor rund 25 Jahren als „underrated“ galten, ist das Karlsruher Substage doch ganz angenehm gefüllt. Tatsächlich habe ich mit weniger Andrang gerechnet, auch wenn das ein oder andere Plätzchen schon noch frei gewesen wäre. (Fast) allen hier scheint es aber ähnlich wie mir zu gehen. Lauter Die Hard-Fans um mich herum, die den jeweiligen Aufforderungen des gleichermaßen sympathischen, wie charismatischen Frontmanns David „Davo“ Gould gerne nachkommen und die erforderlichen Lyrics lauthals mitsingen können.
Davo kommuniziert eh ganz gerne mit dem Publikum und wenn einer wie er dann sagt, dass alle Anwesenden des heutigen Abends zur Band gehören würden und die Musik das gemeinsame Bindeglied sei, dann wirkt auch authentisch, was aus anderen Mündern wahrscheinlich eher schnulzig klingen würde. Auch das zighafte Bedanken bei uns, seinen „Bandmates“, wirkt glaubhaft und demütig und die Band belohnt uns nicht nur mit einer, sondern gleich mit zwei Zugaben. Als uns bereits Motörhead mit „Ace Of Spades“ aus dem Jenseits – oder halt doch vom Pult des Mischers, der übrigens einen sehr ordentlichen Job macht – grüßen, kommt die Band zurück und Davo sagt artig „Sorry for the confusion“. Bei uns brauchst dich nicht entschuldigen, lieber Davo. Wir sind doch froh, dass ihr noch einen draufsetzt.
Jetzt aber nochmal von vorn, das Ganze. Erste angenehme Überraschung des Abends: die Fahrt von Stuttgart nach Karlsruhe verläuft erstaunlich staufrei und unkompliziert, was so ca. seit ich den Führerschein hab‘ alles andere, nur nicht selbstverständlich ist. Kommen also entspannt an und rätseln derweil, was oder wer sich wohl hinter der Vorabinfo, eine „Hausband“ würde den Abend eröffnen, verbirgt. Spielt da wohl der neueste Stern am Karlsruher Rockhimmel? Hat das Substage jetzt gleich dem SWR 1 eine hauseigene Bigband gegründet? Gerade angekommen und gemütlich eingerichtet, steht die „Hausband“ auch schon fast pünktlich um 20:00 Uhr auf der Bühne und spielt absolut hörbaren und fast schon jazzig ausgearbeiteten Alternative Rock. Und das nur mit Bass, Gesang und Drums. Ich brauche zwei bis drei Songs, ehe ich die Stimme erkenne. Das ist doch der Kerl von Mother Tongue?! Und so langsam dämmert’s uns, was mit „Hausband“ gemeint war. Eine weitere Band aus dem Hause Mother Tongue nämlich!
Werewolf Etiquette heißt das Duo von Davo und dem Ex-Drummer und Gründungsmitglied von Mother Tongue, Geoff Haba. Find‘ ich so gut, dass ich mir später die Debüt-EP mitnehme! Auch endlich auf Vinyl und hier für einen erstaunlich fairen Preis zu haben: das legendäre und selbstbetitelte Debütalbum von Mother Tongue. Ich gehe also im wahrsten Sinne des Wortes nicht mit leeren Händen nach Hause.
Eh nicht, denn jetzt kommen Mother Tongue! Mit „Helicopter Moon“ eröffnen sie ein insgesamt 18 Songs umfassendes Set. Anfangs wirken sie noch recht verhalten, scheinen sich auf das Spielen zu konzentrieren. Doch spätestens mit den Songs sechs bis acht wird v.a. Frontmann Davo agiler, geradezu sportlich und fungiert fortan nicht nur als Bassist und Sänger, sondern auch als Animateur und Anheizer in eigener Sache. Wie schon erwähnt: sehr sympathisch ist er. Die Songs sechs bis acht, das sind dann auch gleich drei vom Debütalbum in einer Reihe. „Damage“, „Burn Baby“ (mein Lieblingssong, der für meinen Geschmack entsprechend zu früh am Abend verballert wird) und „Broken“. Für diese drei Songs setzt sich Geoff Haba hinter die Kessel und schließt den Kreis mit den Schlagworten „Hausband“ und „Alle gehören zur Band“ damit und im übertragenen Sinne irgendwie.
Die Drummer überhaupt. Beide, also auch Sasha Popovic, zeigen sich in Bestform und erhalten von mir das Prädikat „sehr wertvoll (für die Band)“. Die spielen schier unglaubliche Fills und treiben die Band immens nach vorne. Ansonsten wird mir gerade hier und live auch wieder bewusst, was ich an Mother Tongue von je her zu schätzen wusste. Es ist das, zwar mit vielen Effekten ausgeschmückte, aber eigentlich recht minimalistische Spiel von Christian Leibfried und Bryan Tulao an den Gitarren, das in Kombination mit dem unkonventionellen Songwriting die wahre Klasse dieser Band ausmacht. Live bauen Mother Tongue dazu immer wieder tolle, weil niemals überkandidelte Improparts ein. Einfach herrlich und meine kühnsten Erwartungen haben Mother Tongue bei weitem übertroffen.
Nach dem Konzi tatsächlich noch ein paar bekannte Gesichter getroffen, kurze Schwätzchen gehalten und dann trotz Starkregen entspannt, weil glückselig heimgefahren. „An Evening With Mother Tongue“! Aber so was von und gerne wieder!
Wie immer bin ich nicht zum Fotos schießen, sondern zum Musik genießen zum Konzert gekommen. Ein paar Schnappschüsse für euch hab‘ ich aber gemacht:

