RUHR – Zwischen Analog-Rohheit und EBM-Instinkten
Die rohe Logik von Live Rough Tracks
RUHR alias Andrea Cadamuro erhebt sich im Sommer 2024 wie eine rostige Koloss-Maschine aus dem Nebel zwischen Berlin und Verona. Mit dem Album „Live Rough Tracks“ wird kein Debüt veröffentlicht – es wird hochgefahren. Zahnräder greifen ineinander, Schaltkreise glühen, Dampf zischt aus offenen Ventilen. Was hier aus den Lautsprechern bricht, fühlt sich an wie ein Vulkanausbruch aus Stahl, Öl und Strom. Ein Manifest aus einer undefinierten Zukunft des Industrial-Undergrounds, irgendwo zwischen Fabrikruine, Kontrollraum und Tanzfläche.
Dieses Live-Set entwirft eine Welt aus analoger Rohenergie: nackte Synthesizer (akribisch im Innen-Sleeve dokumentiert, wie Maschinen in einem Handbuch), pulsierende Sequenzen, die reagieren wie lebendige Aggregate, und dadaistische Vocals, die eher befehlen als erzählen. Der Geist früherer EBM-Pioniere – Front 242, DAF – schwebt über dem Material, nicht als Zitat, sondern als mechanischer Instinkt. Repetition wird hier zur treibenden Kraft, der Groove zum Kolbenhub, der den Körper zwingt, sich zu bewegen – kompromisslos, unerbittlich, über die gesamte Länge des Albums.
RUHR ist Reduktion als Waffe. Das Projekt zieht sich bewusst zurück, lässt Platz für Wirkung: wenige essenzielle Bauteile – Synth-Sequenzen, schrammelige Beats, kurze, sich verhakende Loops. Kein Chrom, kein Hochglanz. Stattdessen DIY-Ästhetik wie aus einer Steampunk-Werkstatt: roh verschraubt, offenliegend, funktional. Ein klares Statement gegen sterile, glattpolierte Elektronik. Hier prallen rhythmische Präzision und vokale Unmittelbarkeit mit Funkenflug aufeinander.
EBM, Minimal Wave oder einfach nur Druck?
RUHR gärt wie eine Petrischale voller elektrischer Keime. Early EBM und Industrial bilden das Fundament: maschinelle Rhythmen, stoisch, repetitiv, erinnernd an erste Schritte von Front 242, Nitzer Ebb oder Liaisons Dangereuses. Darüber legt sich Minimal Wave – kühle Synth-Texturen, reduzierte Melodik, ein frostiger Atem wie aus den frühen 80er-Laboren von Stahlnetz oder Weltklang. Und darunter brodelt Post-Punk-Attitüde: in der Stimme, in der Direktheit, im rauen Gestus, irgendwo zwischen DAF und minimalistisch geschulten Straßenpoeten.
Das Entscheidende: Diese Einflüsse werden nicht museal ausgestellt, sondern live verschweißt. „Live Rough Tracks“ ist Performance, kein bloßes Dokument. Die Aufnahmen riechen nach Schweiß, Strom und Beton. Ein Tanz auf dem schmalen Grat zwischen Chaos und Struktur, zwischen Kontrollverlust und maschineller Ordnung. Weniger Club-Funktionalität, mehr Konfrontation. Kein Eskapismus – ein Spiegel aus Stahl.
Warum funktionieren diese Tracks live besser als im Studio?
Die einfachste Antwort lautet, Platte auf den Plattenspieler, Nadel aufsetzen – max. Volume! Aber der Reihe nach. Der Opener „Zeichen“ baut mit stoischer Sequenz und eingängigem Beat eine düstere Grundstimmung auf. Die ausgedehnten Wiederholungen verstärken das hypnotische Moment, das stark an early EBM-Clubs erinnert, wo minimale Strukturen den Körper zuerst, den Verstand später in Besitz nehmen.
„Symetrie“ hat den Fokus klar auf Balance – nicht nur im Titel. Hier dominieren pulsierende Arpeggios und ein treibender Drive, der zwischen Minimal Wave und kaltem Industrialsound oszilliert. Im Vergleich zu klassischen Cold-Wave-Acts wirkt RUHR hier kompromissloser, brutaler in der Dynamik. Das klingt nach Straße – nicht nach Club.
Bei „Television Set“ drückt RUHR noch mal auf das Gaspedal. Der Beat wird härter, fast schmerzhaft und der monotone, beinahe mantrische Gesang setzt ein Statement zur Medienkultur. Die reduzierten Lyrics und die rhythmische Strenge sind direkt aus der klassischer EBM-DNA, etwa bei Nitzer Ebb oder Front 242.
Wir wechseln die Seite und Track B1 „Kontrolle“ fegt wie ein Zyklon aus der Rille -rasende Sequenzen und eindringliche Vocals schildern ein Gefühl der Überwachung und Fremdsteuerung. Der repetitive Rhythmus gibt dem Stück eine fast tranceartige Wirkung. Absolut tanzflächentauglicher Track in EBM-Tradition.
Brutal und direkt setzt „Faith“ auf schnörkellose Wiederholung und vokale Imperative, die an frühe Industrial-Acts à la Cabaret Voltaire erinnern. Trotz der Live-Rohheit bleibt der Groove messerscharf und fährt wie ein Derwisch dem Hörer in die Beine.
„Cal.9 mm“ entfaltet im Endspurt noch mal die harte, martialische Energie von „Live Rough Tracks“. Der treibende Beat und die kraftvollen Synths lassen diesen Abschluss wie einen finalen Ausbruch wirken, der musikalisch mit härteren Industrial-Klängen flirtet.
In der Zielkurve wartet noch ein Diamant. „Dein Mund“ gibt dem Album noch einmal eine andere Farbe. Rhythmisch eng, melodisch reduziert. Der Song besitzt eine merkwürdige Sensibilität, die im Kontrast zur rauen Textur Spannung erzeugt. Er steht stilistisch näher zu minimalem Synth-Pop als zu klassischer EBM. Ein würdiges Ende.
Die Verneigung
Dr. Kernkrach alias Jörg Steinmeyer gelingt es sehr erfolgreich neue Mitglieder für seine multikulturellen Familie zu finden. Dabei wird gerade zu stoisch ignoriert, was an der Musikfront läuft, sondern sehr sorgfältig darauf geachtet, das alles zueinander paßt. Dazu kommen die meist sehr liebevollen Artworks, welche die Schallplatten auch immer zu einem Hingucker machen.
„Live Rough Tracks“ ist kein Album, es ist ein Frontbericht aus der Vinyl-Manufaktur Kernkrach! Kein Gefangener wird gemacht, keine Rückzugsräume angeboten. RUHR liefert ein elektronisches Trommelfeuer, geladen mit roher Energie, repetitiven Salven und taktischer Präzision. Dieses Werk hat nicht den Mainstream im Fadenkreuz, sondern die umkämpfte Straße, dort wo elektronische Musik noch als Widerstand, nicht als Dekoration verstanden wird.
RUHR operiert wie eine autonome Einheit hinter den feindlichen Linien: minimal ausgerüstet, maximal effektiv. Die Tracks marschieren in Formation, diszipliniert und unerbittlich, während die Vocals Befehle erteilen statt zu bitten. EBM-Rhythmen fungieren als Salven, Post-Industrial-Attitüde als psychologische Kriegsführung. Live entfalten diese Stücke ihre volle Schlagkraft – direkt, körperlich, ohne diplomatische Umwege.
Wer sich für die Ursprünge der elektronischen Avantgarde interessiert, bekommt hier keine nostalgische Parade, sondern ein Manöver unter Echtbedingungen. Eine kompromisslose Neuinterpretation der Tradition, angesiedelt irgendwo zwischen Liaisons Dangereuses, Front 242 und frühen Minimal-Synth-Experimenten – roh, funktional, kampfbereit.
Das im Januar erschienene Album ist bei Kernkrach im Online-Store verfügbar. Zwei unterschiedliche Cover stehen zur Auswahl, die Gesamtauflage ist auf 160 Einheiten streng limitiert – ein klarer Befehl zur Eile. Die 180-Gramm-Vinyl läuft stabil wie Kettenfahrzeug im Gelände und liefert konstanten Druck ohne Einbruch der Feuerkraft.
„Live Rough Tracks“ ist ein weiteres Highlight aus der Waffenschmiede Kernkrach! „Live Rough Tracks“ will kein Album für den radiotauglichen Instant-Hit sein, sondern ein Statement der Strasse. RUHR beweist, dass elektronische Musik noch roh, politisch und körperlich sein kann – eine Mischung aus minimaler Ästhetik, post-industrieller Attitüde und EBM-Rhythmen, die besonders im Live-Kontext ihre Wirkung entfaltet.
Wer sich für die Wurzeln der elektronischen Avantgarde interessiert, findet hier eine kühne, ungeschliffene Interpretation dieser Tradition – irgendwo zwischen Liaisons Dangereuses, Front 242 und frühen Minimal-Synth-Experimenten.
Ventile offen.
Nadel runter.
Maschine läuft.
Vinyl ist für mich nicht nur Musik, sondern ein Erlebnis. Die von mir beschriebenen Alben, habe ich alle ausgepackt, angeschaut und angehört. Gerne auch mehr als ein Mal. Bei den Reviews mache ich mir immer ein eigenes Bild durch entsprechende Recherche und das konzentrierte Anhören. Das ist meine Art den Künstlern entsprechende Wertschätzung für ihre Kreativität und Kunst entgegenzubringen.
So kann es vorkommen, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens, die Platten in seltenen Fällen vergriffen sind.
Dazu gibt es für mich keine Alternative: über Platten schreiben, in dem man die Pressetexte abschreibt ohne die Platte in den eigenen Händen gehalten zu haben, macht für mich keinen Sinn. Danke für euer Verständnis. Lagartija Nick.
