„Neues Jahr, neues Glück“ ist ja auch so eine Floskel, die kein Mensch braucht. Beim Keks heißt es deswegen auch: „Neues Jahr, frischer Wind“, denn die folgende Review stammt nicht von mir, sondern vom lieben Martin, der sich damit bei uns und bei euch bewirbt. Ich bin gespannt, wie sie euch gefällt und ihr dürft uns natürlich auch gerne euer Feedback zukommen lassen. Wofür gibt es schließlich die Kommentarfunktion? Doch nun, wünsche ich euch viel Spass beim Lesen bei Martins erster Review.
Ich gebe zu, dass ich ein Buch immer auch nach dem Cover beurteile. Soll man nicht, das weiß ich, trotzdem kommt es vor. Meistens wandert der Blick dann trotz erster Ablehnung auf die Buchrückseite und ein paar der Bücher schaffen es dann trotz des Covers auf die Wunschliste. Bei Musik ist das manchmal schwieriger, da hilft nur reinhören, wenn das Cover nicht komplett überzeugt oder nichtssagend ist.
Bei White Willow – „Terminal Twilight“ (Remaster), musste ich mich nicht großartig bemühen, denn das Cover war für mich schon überzeugend genug. Kurz vor Halloween war ich sowieso passend in Stimmung und die beiden ängstlich dreinblickenden Mädchen vor dem düsteren Wald mit rötlichem Hintergrund haben einfach gepasst und ich hatte direkt Lust auf die Platte. Wie der Titel schon sagt, handelt es sich um ein remastered Vinyl. Ursprünglich ist „Terminal Twilight“ 2011 als sechstes Studioalbum der norwegischen Progressive-Rock-Band veröffentlicht und nun eben von Jacob Holm-Lupo, dem Gitarristen und Gründungsmitglied von White Willow, und Karisma Records remastered worden, damit nun alle Platten bei einem Label verfügbar sind.
Alle beteiligten an der Schallplatte zu nennen würde den Rahmen der Rezension sprengen, die Vorstellung der aktuellen Besetzung ist aber möglich und nötig. Den Gesang übernimmt aktuell Venke Knutson, die Gitarre übernimmt Jacob Holm-Lupo, der Bass wird von Ellen Andrea Wang gespielt, die Flöte von Ketil Einarsen, das Keyboard Lars Fredrik Frøislie und Mattias Olsson übernimmt das Schlagzeug. Alles Namen, die sich in Norwegen sehen lassen können. Venke Knutson hatte bereits zehn Nummer 1 Hits in Norwegen, Ellen Andrea Wang erhielt schon mehrere norwegische Musikpreise für ihr Bassspiel, Ketil Einarsen ist in der Prog-Szene absolut kein Unbekannter, Lars Fredrik Frøislie hat sich als Musiker und Komponist von Filmmusik bereits einen Namen gemacht, Mattias Olsson hat schon bei Therion und Änglagård gespielt und Jacob Holm-Lupo leitet ein Studio und Temo Records und ist Gründungsmitglied der Band. Das kann sich sehen lassen und die Erwartungen sind hoch.
Auch die Schallplatte, ja, zu Rezensionszwecken hatte ich eine der auf 300 limitierten orangenen Vinylschallplatten bekommen, ist optisch, haptisch und natürlich akustisch ansprechender als eine CD oder ein Link zu Spotify und auch das schraubte die Erwartungen hoch.
Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck und so muss natürlich das erste Stück direkt passen.
Den Anfang macht „Hawks Circle the Mountain“, ein Titel, der uns direkt in die Berge entführt und von Freiheit und Natur träumen lässt. Der Liedtext ist dann durchaus zwiespältiger, denn es geht eben nicht nur um Falken, sondern auch um Smog, Verfall und dem Willen loszulassen. Durchaus düster und mit vielen Interpretationsmöglichkeiten. Neben Titel und Text geht es aber natürlich primär um Musik und diese ist wirklich gelungen, düster, melodisch und absolut progressiv, alles was man erwartet wird erfüllt, der perfekte Einstieg und mit mehr als sieben Minuten keine Sekunde zu lang, sondern von Anfang bis Ende eine gelungene Komposition, die selbst ohne Text eine Geschichte erzählt.
Weiter geht es mit „Snowswept“, vier Minuten melancholisch und melodisch mit einer sanften Stimme vorgetragen und vor allen Dingen ruhig, bis das Ende langsam naht. Textlich auch eher melancholisch und ohne glückliches Ende für das lyrische Ich. Ein würdiges zweites Lied.
Lied Nummer drei, „Kansas Regrets“ legt dann noch eine Schippe Melancholie drauf. Es bleibt melodisch und erzählend, auch ohne Text. Interessanterweise bin ich bei dem Lied in Gedanken immer noch beim Lied davor und dann irgendwie beim „Zauberer von Oz“. Vielleicht hatte ich deshalb so viel Kopfkino.
Das erste Lied der B-Seite, „Red Leaves“, ist mein Lieblingslied der Platte. 8 Minuten mit einem düsteren Start, der an Filmmusik und dabei an einen Horrorfilm erinnert. Es wird melodisch und musikalisch tiefgründig mit einem großartigen Refrain, der zweistimmig klingt und wirklich mitreißt, gerade nach „Pause“ im Lied. Wieder wird sowohl textlich als auch musikalisch eine Geschichte erzählt, der man gerne folgt. Das Ende ist textlich und musikalisch dann absolut passend und ließ mich nachdenklich zurück. Genau richtig zum Drehen der Schallplatte.
Es folgt das instrumentale Stück „A Rumour of Twilight“, welches den Hörenden in eine märchenhafte Welt a la Grimm entführt, aber weit positiver und fröhlicher im Vergleich zu den anderen Stücken bisher, auch wenn der Titel Düsteres ankündigt. Nach „Red Leaves“ genau das richtige Stück zum Runterkommen.
Bei „Floor 67“ hatte ich im ersten Moment das Gefühl einen Hauch von Mittelerde zu hören, das lässt aber schnell nach und wir sind musikalisch eher in der Zukunft, in einer cyberpunkigen Welt, wobei da durchaus auch Metropolis in den Sinn kommt. Textlich sind wir in einer quasi postapokalyptischen Welt und begleiten zwei Personen hoch über dem Moloch einer Stadt und sehen die Welt mit ihren Augen. Wieder eine gelungene Geschichte.
Es folgt „Natasha of the Burning Woods“ und diesmal ist Mittelerde mehr als deutlich zu hören. Natürlich kommt noch mehr, aber der Anfang ist wirklich eindeutig. Es bleibt ruhig und doch durchaus progressiv mit gelungenen Gitarrenriffs und später dann lauten Becken, die den Übergang in ein flotteres Ende einleiten. Man hat das Gefühl als würde Natasha nun rennen und vor irgendetwas fliehen. Nach mehr als 6 Minuten hat man dann leider das Gefühl, dass sie nicht so erfolgreich war. Ein tolles instrumentales Stück.
Den Abschluss der B-Seite und damit der gesamten Platte bildet das Lied „Searise“. Es bleibt düster und apokalyptisch, sowohl musikalisch als auch textlich. Eine Katastrophe hat zu Überflutungen geführt und das lyrische Ich sitzt auf einem Dach, trauert ihrem Partner hinterher und überlegt in höhergelegene Regionen zu rudern. Die Musik unterstützt den tiefgründigen Text perfekt. Ein würdiger Abschluss der Schallplatte.
Fazit: „Terminal Twilight“ von White Willow ist auch in der remastered Version eine Ohrenweide. Die Lieder sind Geschichten, sowohl textlich als auch musikalisch, nein eher kompositorisch, und sehr unterhaltsam, wenn auch auf eine düstere Art und Weise.
Käuflich erwerben könnt ihr die Platte bei eurem Local Dealer oder auch beispielsweise direkt beim Label.

