Vor ein paar Jahren durfte ich im Auftrag meines ehemaligen Arbeitgebers einen Vortrag an der Universität von Łódź halten. Partnerstadt und so. Eigentlich sollte ich auch nur meine Tätigkeit vorstellen, aber natürlich hab ich mir fast ins Hemd geschissen. Lauter Professor-Doktors und ich. Agnieszka, meine mir für drei Tage treu zur Seite gestellte Dolmetscherin, die besser Deutsch sprach als ich, nahm mir aber so ein klein wenig die Panik. Sie sagte: „Mach dir keine Sorgen, Philipp. Du hast eh nur eine halbe Stunde Redezeit und ich übersetze alles synchron und dafür brauche ich doppelt so lange wie du, denn Polnisch ist eine sehr komplexe Sprache.“ Irgendwie ging’s dann rum und es gab sogar dezenten Applaus.
Warum das ganze Geschwafel hier? Weil ich gerade die selbstbetitelte Debüt-7″ der Warschauer HC-Punk-Band KLĄTWA (zu deutsch: der Fluch) auf dem Teller rotieren habe und was mir zuallererst auffällt, ist, dass die Songs genreuntypisch doch recht lang sind. Und da erinnere ich mich an Agnieszka, die Komplexität der polnischen Sprache und denke mir, KLĄTWA scheinen doch ganz schön was zu sagen zu haben.
Dankenswerterweise liefern KLĄTWA ihre Texte aber auch in englischer Übersetzung mit. Auf einem beängstigend schönen Beileger übrigens. Und ja, da ist Substanz vorhanden. Genretypisch, teilweise gar martialisch („Rzez“ = „Slaughter“), würde ich sagen.
Dabei ist die Musik selbst gar nicht mal sooo ultrabrutal. HC-Punk, an manchen Stellen auch mit leichter Crust-Kante, das schon. Aber durchaus auch mit einem, ich nenne den jetzt mal, lebensbejahenden und frischen Touch, wie ihn der einst Straight Edge-Bands wie Youth Of Today oder auch Judge zelebriert haben. Ob KLĄTWA selbst Straight Edge sind, konnte ich jetzt nicht direkt herausfinden, es würde aber in Anbetracht des veröffentlichenden Berliner Labels Refuse Records schon Sinn ergeben.
Unterm Strich – und wenn es „nur“ um die Musik gehen soll – ist das aber auch nicht spielentscheidend. Vier Songs, neun Minuten Spielzeit, handwerklich gut gemacht und den Bleifuß immer schön auf dem Gaspedal. Das sind die hard facts. Die 7″ kommt auf schwarzem Vinyl im reich bebilderten Faltcover und ist direkt im Shop von Refuse Records zu haben. Ich spreche nicht von einem „Muss“, aber durchaus von einem mehr als deutlichen „Kann“ für HC-Kids.

