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Home Reviews Vinyl 12inch

Panikraum – Selbst

(Düsterpunk / Major Label)

by Martin B. Wagner
04.07.2026
in 12inch, Reviews, Vinyl
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Panikraum - Selbst 1
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Panikraum gehört zu den interessanteren Bands des modernen Düsterpunks. Das Quartett aus Mönchengladbach verbindet Punkrock mit Einflüssen aus Post-Punk und Wave und schafft so einen atmosphärischen, eigenständigen und düsteren Sound. Statt auf plakative Botschaften, setzt die Band auf intensive Musik und tiefgründige deutsche Texte.

Nach „Kopfkino“, dem ersten Album, ist nun das zweite Album „Selbst“ erschienen. Panikraum setzt damit fort, was die Band auf dem ersten Album begonnen hat und versucht abermals zu überzeugen. Die Band besteht weiterhin aus Alexander (Gesang), Nico (Schlagzeug), Jasper (Bass) und Markus (Gitarre). Die vier sind auch noch nebenbei bei anderen Bands aktiv. Vermutlich auch ein Grund, wieso es acht Jahre Pause zwischen den Alben gab.

Das Album

„Selbst“ ist Ende Februar bei Major Label erschienen. Es ist als auf 99 Platten limitierte LP mit Inside-Out-Cover mit Glanzlackaufdruck und Texteinleger inklusive MP3-Download für unterwegs erhältlich. Aufgenommen wurde das Album mit 14 Songs im Werner Wiese Studio. Sowohl Label als auch Studio sind erfahrene Beteiligte. Man bemerkt an dieser Stelle deutlich die Verbindungen in die Szene und die anderen Bandmitgliedschaften.

Der Inhalt

Ich muss es direkt zugeben. Musikalisch konnte mich die Band mit diesem Album nicht komplett überzeugen. Es ist zwar durchaus atmosphärisch, aber es ist zu ungestüm, zu roh. Dafür sind die Texte großartig. Sie sind tiefgründig und die haben zumindest bei mir einiges wieder gut gemacht und mich inhaltlich wirklich mitgenommen.

Der Opener ist der Titel „Selbst“. Das Lied handelt von Enttäuschung, Schmerz und Selbstakzeptanz. Das lyrische Ich reflektiert über verletzte Empathie, die Erwartungen anderer und die eigene Identität. Trotz innerer Zerrissenheit und dem Gefühl, zerbrochen zu sein, folgt am Ende die trotzige und feste Erkenntnis: „Ich bin ich. Ich will niemand anders sein.“ Musikalisch eines der besseren Stücke und deshalb ein guter Opener.

Weiter geht es mit „Tag der Tränen“. Hier geht um Krankheit, Nahtoderfahrung, Narkose und dem harten Kampf ums Überleben. Das Lied beschreibt das Aufwachen und die Erleichterung über das Überleben, gepaart mit dem Bewusstsein, dass diese Erfahrung niemals in Vergessenheit geraten wird. Musikalisch das beste Lied des Albums.

Das dritte Lied des Albums ist „Von allen Zwängen“. Eine Absage an gesellschaftliche Konformität und den Druck, „mit dem Strom“ zu schwimmen. Das Lied plädiert für Authentizität und die Befreiung von einengenden Normen und Zwängen, die dem Individuum im Weg stehen. Die Botschaft: Lebt doch einfach eure eigene Einzigartigkeit!

„Klotzs am Bein“ setzt die A-Seite fort. Der Text beschreibt ein Gefühl von Isolation, emotionaler Leere und das Ersticken von Träumen im Alltagstrott. Es ist ein dringender Appell an sich selbst oder eine andere Person, sich von belastenden Verhältnissen und negativen Einflüssen radikal zu trennen. Warum in dem Song das „s“ hinter Klotz steht und was die Band aus dem Siegerland damit zu tun hat, müsst ihr die Band fragen, bekannt ist eine enge Freundschaft.

Bei „Deinen Namen“ handelt es sich um ein melancholisches Lied über Sehnsucht, das Vergehen der Zeit und die schmerzhafte Erinnerung an eine geliebte Person. Trotz des Schmerzes, der Vergänglichkeit und der Trennung bleibt die tiefe emotionale Verbundenheit im Herzen bestehen.

„Waldsterben“ könnte deutliche Kritik an der Klimapolitik sein. Ich sehe es als Metapher für tiefe Einsamkeit, Trauer und den Verlust von Orientierung. Das lyrische Ich sucht nach Antworten auf die Frage „Wie wird es weiter gehen?“, während um es herum alles vergeht. Am Ende bleibt aber Hoffnung.

Die A-Seite wird dann mit dem Lied „Anfang“ beendet. Genau mein Humor. Es ist eine Auseinandersetzung mit Fehlern der Vergangenheit, Schuldgefühlen und der harten Realität des Lebens. Hier wird das Gefangen sein in den eigenen Ängsten und den schwierigen Versuch, sich der Realität zu stellen, um einen Ausweg aus der mentalen Krise zu finden.

„4 minus 1 Elemente“ eröffnet die B-Seite. Es schildert familiäre Traumata, Entfremdung und die Last der Vergangenheit. Es beschreibt das Gefühl, durch die Handlungen und das Erbe anderer belastet zu sein und die Suche nach dem eigenen Namen oder der eigenen Identität inmitten von emotionaler Zerstörung.

„Dämonenname“ fängt eine düstere, paranoide Stimmung ein, in der das lyrische Ich von inneren oder äußeren „Dämonen“ heimgesucht wird. Es herrscht eine Atmosphäre des Nachahmens, der Täuschung und des Kontrollverlusts. Es thematisiert den Kampf, trotz falscher Stimmen und Ängste weiterzugehen.

„Pech&Frevel“, ein Titel, der mir ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert hat, ob des Wortspiels. Auch inhaltlich fand ich das Lied inspirierend und musikalisch gelungen. Eine surreale, dystopische Beschreibung einer schwarzen Stadt auf einem schwarzen Planeten, auf dem keine Veränderung und keine Zweifel existieren. Es thematisiert das Gefühl von Ohnmacht, die Zerstörung von Träumen und das zähe Ausharren in einer feindlichen oder erstarrten Welt. Auch hier wird wieder Klotzs erwähnt.

„Nadelstiche“ setzt das Album fort. Es handelt sich um ein sehr kurzes, fragmentarisches Gedicht über emotionalen Schmerz, Verlust und die Unfähigkeit, die eigenen Gedanken und Gefühle zu kontrollieren, die sich wie schmerzhafte Nadelstiche in die Seele einprägen.

„Für immer“ setzt gefühlt die Geschichte um die schwarze Stadt fort. Beschrieben wird eine apokalyptische oder krisenhafte Situation, in der die bekannte Welt zerfällt. Inmitten dieses Chaos, der Dunkelheit und des Streits klammert sich das lyrische Ich jedoch an die Hoffnung und an eine fundamentale Verbundenheit, die trotz des drohenden Endes für immer bleibt.

Nicht weniger melancholisch geht es mit „Winter“ weiter. Eine dichte Metapher der Kälte für emotionale Taubheit, Einsamkeit und Wehmut. Das lyrische Ich sehnt sich inmitten der Erstarrung nach Wärme und Veränderung. Am Ende bricht trotz der tiefen Trauer eine optimistische Wendung durch, der Frühling wird kommen.

Passenderweise lautet der abschließende Titel des Albums „Ende“. Dieses Lied zieht eine nihilistische, aber auch aufrüttelnde Bilanz über das Leben in einer krisengeschüttelten, gleichgültigen Welt. Es thematisiert die menschliche Neigung, trotz der Vorhersehbarkeit des Endes einfach weiterzumachen, wegzusehen oder sich abzulenken. Es endet mit einer fast stoischen Akzeptanz des unausweichlichen Untergangs.

Handwerkliches

Ich habe bereits geschrieben, dass mich das Album textlich aber nicht musikalisch überzeugen konnte. Dabei bleibe ich. Textlich ist Panikraums Album aber so gut, dass ich trotzdem immer mal wieder reinhören werden. Und nur, weil ich musikalisch von den Instrumenten nicht abgeholt werde, heißt das nicht, dass ich die Qualität nicht würdigen kann. Hier ist Erfahrung am Werk und das passt auch alles zusammen. Sowohl Musiker als auch Studio haben hier gute Arbeit abgeliefert und das Warten hat sich gelohnt. Es trifft nur nicht meinen Geschmack.

Fazit

Mit „Selbst“ legt Panikraum ein Album vor, das vor allem von seinen starken Texten lebt. Die 14 Songs setzen sich mit Themen wie Identität, Verlust, Angst, Hoffnung und dem Umgang mit den eigenen Dämonen auseinander und entfalten dabei eine bemerkenswerte inhaltliche Tiefe. Musikalisch konnte mich der rohe, ungestüme Düsterpunk nicht durchgehend überzeugen. Das ist allerdings eine Frage des persönlichen Geschmacks und schmälert nicht die handwerkliche Qualität der Platte. Die Erfahrung der vier Musiker ist hörbar, das Zusammenspiel funktioniert, und auch die Produktion transportiert genau die Atmosphäre, die Panikraum vermitteln möchte.

Wer melodischen, düsteren Punk mit Tiefgang und ehrlichen Texten schätzt, sollte „Selbst“ unbedingt eine Chance geben. 

Kaufen könnt ihr das Album direkt bei Major Label und beim Händler eures Vertrauens.

 

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Tags: DüsterpunkMajor LabelMelancholieMönchengladbachPunkWave
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