Ich muss ehrlich zugeben: Als alt-J-Fan – und auch das hat Jahre gedauert – war ich beim ersten Hören skeptisch, weil man diese unverkennbare Stimme von JJerome87 aka Joe Newman einfach mit einem ganz bestimmten Sound verbindet – immerhin steht der Mann seit fast 20 Jahren für die eckigen, verschachtelten Songstrukturen der erfolgreichen Band. Aber The Canyon macht schnell klar, dass er hier bewusst einen anderen Weg gehen wollte. Statt „alt-J-typischer“ Kopflastigkeit bekommt man warmen, staubigen Westcoast-Sound mit Motown- und Gospel-Einschlägen – aufgenommen in Los Angeles mit Produzent Carlos De La Garza und einem ganzen Ensemble aus Studiomusikern und drei Background-Sängerinnen, die dem Ganzen eine erdige, fast organische Note geben.
Der Opener „Mr. Alligator“ setzt bluesig-schwungvoll ein, „Green Velvet“ schwebt danach fast träge und warm hinterher, förmlich getränkt von diesem typischen L.A.-Sonnenlicht. „Brush Me Like a Horse“ ist für mich einer der Höhepunkte – dieser fast schon spaghettiwesternhafte Refrain hat was Cineastisches. Newman erzählt darin die schräge Geschichte eines Mannes, der sich langsam in ein Pferd verwandelt, wobei die Menschen um ihn herum vergessen, wer er eigentlich ist – eine Metapher, die er angeblich vom veränderten Ruf eines Freundes abgeleitet hat. Passend dazu das surreale Musikvideo, irgendwo zwischen John Ford und David Lynch.
„Track and Field“ bringt dann frischen, sommerlichen Schwung rein – Newman selbst beschreibt den Song als eine Art frühe-90er-Americana-Montage über zwei College-Studenten, die sich auf der Leichtathletikanlage ineinander verlieben, als eine Art Hommage an Gerry Raffertys „Right Down The Line“. Auch „Walkaway Music“ und „Quaaludes“ werden in mehreren Fan-Reviews online immer wieder als Favoriten genannt, und ich kann das nachvollziehen: Beide Songs bauen sich langsam auf, mit zusätzlichen Vocal-Layern, die das Ganze nie langweilig werden lassen.
Was das Album zusammenhält, ist der rote Faden aus Veränderung: Vaterschaft, neue Umgebung, neue Kollaborateure – ein, wie Newman selbst sagt, echter „Leap of Faith“. Live präsentierte er die ersten Songs übrigens bereits im Februar im Sid The Cat Auditorium in L.A., begleitet vom selben Ensemble, das auch auf der Platte zu hören ist. Insgesamt ein rundes, ehrliches Solodebüt – für alt-J-Fans mit Offenheit für Neues eine klare Empfehlung.
Hier gibt es noch ein paar Links:
YouTube
Instagram
Facebook
Zu erwerben ist das Album bspw. hier und beim gut sortierten Plattenladen eurer Wahl!
Viel Spaß beim Hören und Entdecken!
