Ahimsa kamen aus Warschau, Warschau liegt bekanntlich in Polen und Polen – das muss ich ehrlicherweise zugeben – war bisher nicht gerade fett und rot unterstrichen auf meiner Rock’n’Roll-Landkarte. Allerdings haut speziell das Berliner Label Refuse Records in letzter Zeit ne Menge richtig geilen Stuff aus Polen raus. So nun auch “Słońce świeci dla wszystkich (1991-1992)” von eben diesen Ahimsa. Und diese Doppel-LP ist nicht nur als bloßer Release von guter Punkmusik zu verstehen, nein, dieser Release ist auch ein Stück Zeitdokumentation.
Und das nicht nur wegen dem mehr als opulenten, 24-seitigen Booklet mit sämtlichen Texten auf Polnisch und mit englischer Übersetzung, den Tonnen von Bildmaterial und Flyerabbildungen sowie den umfangreichen Linernotes. Das Ding allein ist schon was für mindestens ’ne Doppelstunde Geschichtsunterricht. Der wahre zeitdokumentarische Charakter entsteht aber erst so richtig in Kombination mit der Musik von Ahimsa, enthält der Release nämlich sämtliche Songs der ersten drei Tapes, bzw. 7″es der Band aus den Jahren 1991 und 1992. Und ich wage zu behaupten, jedoch ohne dies recherchiert zu haben, diese drei Releases sind so heutzutage wohl nur noch sehr schwer bis gar nicht mehr zu bekommen.
“Słońce świeci dla wszystkich (1991-1992)” könnte also so ziemlich die beste Chance für euch sein, diese 20 Knallersongs der PolInnen euer Eigen auf physischem Tonträger nennen zu dürfen. „Die Sonne scheint für alle“ lautet laut KI die deutsche Übersetzung des Albumtitels. In diesem Zusammenhang hätte der Titel wohl nicht besser gewählt werden können. Gleichzeitig ist er aber auch Zeuge der Attitude von Ahimsa, war die Band doch wohl so etwas wie der Vorreiter der Straight Edge-Bewegung in der polnischen Szene und haben sich die Bandmembers auch abseits der Bühne für Themen wie Animal Rights oder Selbstverwirklichung stark gemacht.
Damit nun genug und doch in Kürze die Beschreibung dafür, warum “Słońce świeci dla wszystkich (1991-1992)” eben nicht nur Musik, sondern auch Zeitdokument ist. Und dennoch ist das hier in erster Linie ja immer noch eine Plattform für Musikrezensionen. Deshalb nun noch ein paar Worte dazu. „Swit“ eröffnet gleich fulminant und ich denke an das verquere Spiel der Bad Brains. Jedenfalls bis Sängerin Inga Habiba (sie ist bei den ersten 14 Songs als Sängerin aktiv, ab Song 15 ist Paweł Krawczyk zu hören, was die Band deutlich härter, jedoch nicht weniger experimentierfreudig wirken lässt) mit einsetzt. Ihr Klargesang ist gut, überrascht mich allerdings etwas bei dieser Art von Musik. Andererseits: Hut ab für diesen Weg des Unkonventionellen und spätestens beim zweiten Song „Ahimsa“ kann ich mir die Band schon gar nicht mehr anders vorstellen.
Sicherlich kommen die musikalischen Vorbilder aus den Staaten und könnten in etwa Scream, Corrosion Of Conformity und Fugazi heißen. Den wavigen Touch aber, den scheinen Ahimsa aus dem UK importiert zu haben und zusammengemixt, finde ich durchaus, dass es der Band gelungen ist, ihr eigenes Ding zu kreieren.
Soll heißen: Zeitdokument ist gut, Musik mindestens noch besser und die Aufmachung im Gatefold, dem geradezu herzerweichenden Cover, dem bereits erwähnten Booklet und der Wahl zwischen gelbem oder schwarzem Vinyl würdigt das ganze Unterfangen auch angemessen. Tolles Produkt einer tollen Band, liebe Refuse Records. Bei euch ist das dann auch am besten zu haben.
