Ja, ich weiß, normalerweise ist Punkrock eher meine Tasse Bier. Aber das Leben ist nicht so, es muss nicht immer Bier sein und ich mag auch andere Genres. Allerdings Schlager (wenn überhaupt – Hilfe!) nur mit viel Schnaps, Klassik mit Beruhigungstee (bitte nur in homöopathischen Dosen), Electro mit Sekt auf Eis… aber Rock geht immer, mit allen Getränke-Varianten. Rock ist sogar mein Lieblingskleidungsstück, hehe.
Also heute Abend wird mal wieder Rock serviert, aber ohne Punk. Die Holzfällerhemd-Coolness von Singer Songwriter Kurt Vile (ehemals Lead Gitarrist bei War on Drugs) mit seinem Indie Rock, Folk Rock, Lo-Fi Style hat es mir angetan. Im Mai 2026 konnte ich mich also über ein neues Album von Kurt Vile freuen, letztes Release war im Jahr 2022. Das mittlerweile zehnte Album des in Pennsylvania geborenen US-Amerikaners trägt den Titel „Philadelphia’s Been Good To Me“ und ist erschienen bei Verve Records.
Klar, dass da eine ausgedehnte Tour durch die USA, Kanada und Europa folgen muss. Es stehen insgesamt 70 Konzerte an von Juni bis November 2026. Ich hatte Glück, denn in Deutschland gibt es nur eine einzige Show und die ist in Berlin, yes. Diese lief am 03.09.26 im Huxley’s Neue Welt, veranstaltet von Puschen, einem meiner Lieblingsveranstalter. Warum Lieblings? Weil sie öfter mal die einzige Show in Deutschland veranstalten (z.B. Bikini Kill) und natürlich, weil die Bands wirklich gut gemischt sind durch einen sehr hoher weiblichen Anteil bei den Artists. Schaffen ja nicht alle, auch wenn wir 2026 längst weiter sind im Kopf. Mir ist diese Mischung wichtig, daher kann ich nur allen Punk / Alternative / Indie Rock-Fans empfehlen, mal ab und an bei Puschen auf die Seite zu schauen. Konzerte werden in ganz verschiedenen Städten veranstaltet, nicht nur in Berlin. Hier ist eine Übersicht der nächsten Shows.
Der Zuschauerraum im Huxley’s ist an diesem Donnerstagabend relativ voll. Es gibt eine geräumige Rollitribüne rechts neben der Bühne, mit direktem Zugang zur Bar. Sehr cool! Eine Rampe führt über den Nebeneingang nach draußen am Gedränge vorbei, Begleitpersonen dürfen auch mit auf der Tribüne feiern. Das Publikum des Mitte vierzigjährigen Kurt Vile ist im Schnitt schätzungsweise dreißig Jahre alt. Tanzen ist nicht so angesagt, mitsingen auch nicht, eher Jubelrufe, Pfiffe, Schunkel-Bewegungen und Kopfnicken.
Unzählige Yeah-Yeah’s und Yeah-Oh’s über den ganzen Abend verteilt klingen in Kurts Mikrophon. Ab und an gibt es mal ein kurzes Lockenmähne-Schütteln, ansonsten ist auch auf der Bühne nicht wirklich viel Bewegung angesagt. Warmer Scheinwerferspot auf das Publikum: „You‘re amazing, Berlin!“ Genau so habe ich das Konzert auch erwartet. Die Musik entspannt mich, ich lasse mich in mäandernde Gitarrenklänge fallen und schweife ab. Ich schmunzle, weil ich dran denken muss, dass mir zwei unterschiedlich Leute gesagt haben: “Kurt Weill? Der ist doch tot.“ Jup, Kurt Weill hat während seiner amerikanischen Broadway-Karriere neben 300 anderen Liedern z.B. zusammen mit Bertolt Brecht beim „Alabama Song“ sicher nicht nur The Doors inspiriert. Vielleicht ist es Zufall, dass es phonetisch ähnlich klingt, möglicherweise hat Kurt Weill aber auch die Eltern von Kurt Samuel Vile bei der Namensgebung inspiriert.

Während des Auftritts wechselt Kurt Vile öfter die Gitarre, die er frisch gestimmt entgegen nimmt. Supermelodische Gitarrensolos wechseln sich ab im akkustischen und verzerrten E-Gitarrensound.





Mein absoluter Favorit des Abends ist die 2026er Lead-Single „Chance to Bleed“, der Song endet rotzig mit einem langgezogenen Lo-Fi Surren und Brummen aus dem Verstärker.

Zum Abschluss gibt es als Belohnung für das begeisterte Publikum noch eine großzügige Zugabe von drei Songs. Thanx!

Den Support machte vorher Solex. Die Solokünstlerin tritt mit Schlagzeuger und Gitarrist auf, sie ist eine Freundin von Kurt Vile, wie sie sagt. Solex, oder Liesbeth Esselink, kommt aus den Niederlanden und macht poppigen, sehr elektronischen Indie Rock mit viel Sampling.

Beim ersten Auschecken der neuen Solex Single „Mr. Crockpot“ war ich eher skeptisch. Allerdings klingt Solex live dann dreckiger und weniger konstruiert als in der Studioversion. Es ist ein ziemlich noisy übereinander gelegter Sound aus unterschiedlichen Effekten und Instrumenten.


Bei der Bühnenshow gibt es wenig Bewegung und Action, jeder bleibt gerne auf seinem kleinen Spot stehen, auch das Publikum. Hier ist die einzige erkennbare Regung ein Kopfnicken (wenn überhaupt), wenige tanzen. Allerdings ist die Musik insgesamt ziemlich energiegeladen. Ganz gut kommt das Cover von „The Cutter“ (Echo & The Bunnymen) an.




