The House Must Win – Mick Flannery gewinnt mit Gefühl
Mick Flannery beantwortet mit seinem neuen Album „The House musst win“ die Frage: „Wie klingt ein Musical, wenn es nicht nach Musical klingt?“ und die Antwort fällt überraschend aus: düster, melancholisch, manchmal sperrig, dann wieder wunderbar zart – und vor allem sehr eigenständig.
Seit ich Mick Flannery 2023 mit „Goodtime Charlie“ entdeckt habe, ist mir vor allem seine Stimme im Gedächtnis geblieben. Dieses leicht brüchige, raue und irgendwie andere Timbre ist längst sein Markenzeichen. Auch auf „The House Must Win“ trägt sie die Songs und verleiht ihnen eine ganz besondere Atmosphäre.
Was steckt hinter The House Must Win?
Zunächst einmal ein außergewöhnliches Doppelalbum mit 22 Songs. Flannery nimmt sein Debüt „Evening Train“ von 2005 als Ausgangspunkt, überarbeitet zahlreiche Stücke und ergänzt sie um neue Songs. Daraus entsteht die musikalische Geschichte einer Dreiecksbeziehung: Zwei Brüder verlieben sich in dieselbe Frau. Mehr muss man über das Konfliktpotenzial eigentlich nicht wissen.
Aus dieser Geschichte hat Flannery gemeinsam mit Liam Robinson ein eigenständiges Musical entwickelt. Das Album funktioniert dabei als musikalische Reise durch die Handlung und lässt die verschiedenen Figuren immer wieder zu Wort kommen.
Ist das nun ein Musical oder ein Album?
Beides – und genau das macht „The House Must Win“ so interessant. Wer bei Musical an große Chöre, Showtunes und glitzernde Bühnen denkt, liegt hier völlig falsch. Flannery geht einen anderen Weg. Seine Musik bleibt tief im Folk, Americana und Singer/Songwriter verwurzelt und entwickelt daraus eine düstere, fast filmische Atmosphäre.
Die Bühnenproduktion feierte Anfang des Jahres in Irland Weltpremiere; die Aufführungen waren restlos ausverkauft (insgesamt 17.000 Zuschauer) und erhielten begeisterte Kritiken. „Diese vom Schicksal gezeichneten Menschen, die direkt aus Bruce Springsteens Fantasie stammen könnten, dürfen alle ihr Lied singen… Eine triumphale Version von etwas Seltenem: einem neuen irischen Musical-Klassiker“, schrieb The Irish Independent. The Irish Examiner beschrieb die Debütproduktion als „Americana im Stil von Nick Cave oder Tom Waits trifft auf Tom Murphy“ (★★★★).
Was macht die Musik so besonders?
Vor allem die Geschichten. Flannery erzählt nicht einfach Songs, sondern kleine Dramen. Mal geht es ruhig und beinahe zerbrechlich zu, dann werden die Emotionen plötzlich laut. „Talk To Me“ kommt mit einer zarten akustischen Gitarre daher, während „Daddy“ wesentlich heftiger aus den Lautsprechern kracht.
Diese Wechsel funktionieren hervorragend. Die Musik passt sich den jeweiligen Gefühlen an: Liebe, Hoffnung, Verzweiflung, Wut und Enttäuschung liegen hier oft nur einen Song voneinander entfernt.
Gerade „Daddy“, „The Rebel“ oder „Take It On The Chin“ zeigen, wie wirkungsvoll Flannery seine Geschichten musikalisch inszeniert. Andere Stücke wie „Rising Tide“, „Grace’s Waltz“ oder „Talk To Me“ schlagen dagegen die leisen Töne an.
Warum sollte man auf die Deluxe-Edition warten?
Wer unterstützt Mick Flannery?
Eine ganze Reihe großartiger Stimmen. Anaïs Mitchell, Lisa Hannigan, Jenn Grant, Susan O’Neill, Jeffrey Martin, Yvonne Daly und Tabitha Smyth sind dabei. Sie machen aus „The House Must Win“ noch stärker ein musikalisches Schauspiel.
Die Stimmen wirken nicht wie beliebige Gastauftritte. Sie gehören zur Geschichte und geben den einzelnen Figuren ein eigenes Gesicht. Genau dadurch entsteht beim Hören dieses Gefühl, tatsächlich mitten in einer Bühnenhandlung zu sitzen.
Ist The House Must Win leicht zugänglich?
Nicht unbedingt. Und das ist gut so. Dieses Album verlangt Aufmerksamkeit. Es ist keine Sammlung von Songs, die man nebenbei beim Autofahren laufen lässt und anschließend sofort wieder vergisst. Manche Stücke brauchen Zeit, andere überraschen mit ungewöhnlichen Arrangements.
Doch genau darin liegt der Reiz. Je länger man zuhört, desto stärker entwickelt sich die Geschichte. Die Musik öffnet immer wieder neue Türen – und dahinter wartet die nächste kleine Szene.
Lohnt sich das Album also?
Eindeutig: ja: „The House Must Win“ ist ein ungewöhnliches Album, das Folk, Americana, Singer/Songwriter und Musical miteinander verbindet, ohne sich eindeutig einem dieser Genres unterzuordnen. Mick Flannery gelingt dabei etwas, das heute selten geworden ist: Er nimmt sich Zeit für eine Geschichte.
Und vielleicht ist Musical für zu Hause tatsächlich die schönste Beschreibung für dieses Album. Man braucht keine Bühne, kein Theater und kein großes Orchester. Zwei Platten auflegen, Licht etwas herunterdrehen – und schon beginnt Mick Flannery seine Geschichte zu erzählen.
„The House Must Win“ – und Mick Flannery gewinnt mit Gefühl.
Ein Album für alle, die Musik nicht nur hören, sondern sich auf eine Geschichte einlassen wollen. Das Album kann man hier erwerben.
Vinyl ist für mich nicht nur Musik, sondern ein Erlebnis. Die von mir beschriebenen Alben habe ich alle ausgepackt, angeschaut und angehört. Gerne auch mehr als ein Mal. Bei den Reviews mache ich mir immer ein eigenes Bild durch entsprechende Recherche und das konzentrierte Anhören. Das ist meine Art den Künstlern entsprechende Wertschätzung für ihre Kreativität und Kunst entgegenzubringen.
So kann es vorkommen, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens die Platten in seltenen Fällen vergriffen sind.
Dazu gibt es für mich keine Alternative: über Platten schreiben, indem man die Pressetexte abschreibt ohne die Platte in den eigenen Händen gehalten zu haben, macht für mich keinen Sinn. Danke für euer Verständnis. Lagartija Nick.

