„Compass“ ist ein Album für Menschen, die Musik nicht nur hören, sondern fühlen wollen. Mit ihrem Debüt legt Alonette, das Projekt der estnischen Musikerin Anett Tamm, eine Platte vor, die leise beginnt, sich langsam entfaltet und dabei immer tiefer unter die Haut geht. Das Ganze funktioniert weniger über große Refrains oder Effekte, sondern über Details – genau die Art von Musik, bei der Vinyl besonders viel Sinn ergibt. Und Sinn machte es auch, das ich das Album bespreche, da ich nach einigen Jahren der Estland-Abstinenz im April 2026 endlich wieder nach Estland reise. Da muss ich mich ja irgendwie darauf vorbereiten.
Im Mittelpunkt steht Alonettes Stimme. Sie ist klar, ruhig und fast schwebend, ohne jemals kühl zu wirken. Man hört jedes Atmen, jede kleine Nuance. Das passt perfekt zu den Arrangements, die sehr bewusst reduziert sind. Akustische Gitarren tragen die Songs, dazu kommen Streicher, dezente Percussion und hier und da ein Hauch von Elektronik. Nichts drängt sich nach vorne, alles hat seinen Platz. Nerdig gesprochen: viel Raum, viel Luft zwischen den Instrumenten, wenig Kompression – Musik, die atmen darf.
Auch songwriting-technisch ist „Compass“ spannend. Die Songs entwickeln sich oft langsam, fast unauffällig. Erst beim zweiten oder dritten Hören merkt man, wie clever Melodien, Harmonien und Übergänge gebaut sind. Es gibt keine überladenen Parts, keine unnötigen Brüche. Stattdessen wirkt alles sehr organisch, als wäre das Album am Stück gewachsen und nicht aus einzelnen Songs zusammengesetzt worden. Genau das macht es so rund.
Textlich geht es um Orientierung, um innere Fragen, um Nähe und Distanz. Alonette erklärt nichts aus, sondern deutet an. Die Texte sind verständlich, aber offen genug, um eigene Gedanken hineinzuwerfen. Das macht „Compass“ zu einer Platte, die mit der Stimmung des Hörers mitgeht. An einem ruhigen Abend wirkt sie tröstlich, an anderen Tagen eher nachdenklich oder sogar leicht melancholisch.
Auf Vinyl spielt das Album seine Stärken voll aus. Die warme Produktion, die sanften Dynamiken und die feinen Streicher profitieren vom analogen Format. Man hört Details, die digital leicht untergehen: kleine Nebengeräusche, leise Hintergrundlinien, subtile Spannungen im Arrangement. „Compass“ ist keine Platte zum Durchskippen, sondern eine, die man auflegt, um sie komplett zu hören – Seite A, Seite B, fertig.
Unterm Strich ist „Compass“ ein starkes Debüt für alle, die Indie, Folk und Singer-Songwriter mögen, aber keine Lust auf Beliebigkeit haben. Keine lauten Hits, keine Effekthascherei, sondern ehrliche Musik mit Substanz. Nerdig gesagt: hohe Wiederhörbarkeit, stimmiges Gesamtbild. Genau die Art von Platte, die im Regal bleibt und nicht nach zwei Wochen wieder aussortiert wird.
Kleiner Funfact am Rande: in der Band spielt ein alter Bekannter. Menschen, die im Indie-Pop oder Indie-Folk zuhause sind und Ewert And The Two Dragons kennen, haben mit Sicherheit schon von Erki Pärnoja gehört oder gelesen. Er war Teil des estnischen Aushängeschilds Ewert And The Two Dragon. Das spricht allein schon für Qualität in der Band von Alonette.
Und wer nun heiß wie Frittenfett auf dieses Album ist, hat über Bandcamp die Möglichkeit dieses zu erwerben oder auch hier bei OriginalProduct.
Viel Spaß beim Hören und Entdecken!

