Fetish 69 – Purge
Fetish 69 ist eine solcher Bands, die nie wirklich verschwinden, weil sie nie ganz da waren. Ende der 1980er Jahre inmitten einer Wiener Szene, die zwischen Punk, Metal und künstlerischer Provokation schwankt, entstanden, bewegte sich das Projekt von Beginn an außerhalb klar definierter Szenen. Was hier unter dem Namen einer Band firmierte, war eher ein instabiles System: wechselnde Mitwirkende, offene ästhetische Entscheidungen, eine bewusste Distanz zur Idee von Identität als Marke. Fetish 69 existierten nie als Versprechen, sondern als Zustand – vorläufig, widersprüchlich, jederzeit revidierbar.
In den 1990ern, als alternative Gitarrenmusik und Industrial längst ihre jeweiligen Dogmen ausgebildet hatten, wirkten Fetish 69 wie ein Fremdkörper. Zu rockig für die Elektronik-Fraktion, zu unberechenbar für den Metal-Kontext, zu körperlich für reine Konzeptkunst. Genau daraus speiste sich ihre Relevanz.
Stil, Körper, Störung
Der Sound von Fetish 69 war nie eindeutig aggressiv, sondern insistierend. Gitarren fungierten weniger als Träger von Riffs, sondern als Texturen, als Widerstand. Die Elektronik war nicht futuristisch, sondern funktional: Beats als Zwang, Loops als Belastung, nicht als Einladung. Früh zeigte sich hier ein Interesse an dem, was man vielleicht „Körpermusik ohne Erlösungsversprechen“ nennen könnte.
Mit der Zeit verlagerte sich der Fokus von unmittelbarer Konfrontation hin zu Struktur, Wiederholung und Fragmentierung. „Purge“, 1996 erschienen, ist der Moment, in dem diese Verschiebung greifbar wird. Es ist kein Übergangsalbum im klassischen Sinn, sondern eine Verdichtung: weniger Explosion, mehr Druck.
Purge als Verdichtungsraum
„Purge“ klingt wie ein Album, das sich permanent selbst überprüft. Der Titel suggeriert Reinigung, Entlastung, vielleicht sogar Befreiung – doch musikalisch passiert das Gegenteil. Die Stücke wirken wie Prozesse ohne Abschluss. Rhythmen setzen ein, werden etabliert, aber nie eingelöst. Grooves entstehen, um sofort wieder entzogen zu werden.
Der Albumauftakt arbeitet mit schwerem, fast industriell wirkendem Puls. Alles scheint auf Funktion reduziert: Schlag, Fläche, Stimme. Kein Ornament, kein Überschuss. Hier wird ein Raum definiert, in dem sich das gesamte Album bewegt. Es ist ein Sound, der weniger erzählt als testet: Wie lange hält man das aus?
In den zentralen Stücken von „Purge“ verdichten sich diese Motive. Die Musik wird langsamer, zäher, beinahe hypnotisch. Gitarren schleifen eher, als dass sie führen, elektronische Elemente legen sich wie ein Raster über das Geschehen. Die Stimme bleibt dabei seltsam distanziert – nicht als Autorität, sondern als weiteres Element im System. Themen wie Kontrolle, Normierung, Selbstdisziplin und Entleerung werden nicht ausformuliert, sondern körperlich erfahrbar gemacht.
Gegen Ende des Albums öffnen sich die Strukturen minimal. Einzelne Passagen wirken luftiger, fast ambient, ohne je wirklich leicht zu werden. Es sind Momente der Ausdünnung, nicht der Entspannung. „Purge“ endet nicht, es bricht ab – als wäre der Prozess schlicht noch nicht abgeschlossen.
Die Veröffentlichung
Die Wiederveröffentlichung im Oktober 2025 behandelt „Purge“ erfreulich respektvoll. Der neue Master legt Details frei, die zuvor im dichten Gesamtbild untergingen: feine rhythmische Verschiebungen, subtile elektronische Texturen, das bewusste Spiel mit Leerräumen. Gleichzeitig bleibt der Sound roh genug, um seine ursprüngliche Unbequemlichkeit zu bewahren. „Purge“ wird hier nicht geglättet, sondern lesbarer gemacht. Als Goodie, hat Noise Appeal Records die Wiederveröffentlichung, um den bisher nicht veröffentlichten Song „Feed the Tumors“ verlängert.
Fazit
„Purge“ ist kein Album für schnelle Wiederentdeckung oder nostalgische Rückversicherung. Es ist sperrig, langsam, manchmal frustrierend – und gerade darin bemerkenswert aktuell. In einer Gegenwart, in der selbst radikale Musik oft auf sofortige Wirkung setzt, wirkt Fetish 69s kompromisslose Prozesshaftigkeit beinahe subversiv.
Diese Wiederveröffentlichung ist keine Pflichtübung für Komplettisten, sondern eine Einladung, sich auf ein Album einzulassen, das sich konsequent jeder Eindeutigkeit entzieht. Wer bereit ist, Zeit und Aufmerksamkeit zu investieren, wird mit einem Werk belohnt, das nicht gefallen will – sondern bestehen.
Vinyl ist für mich nicht nur Musik, sondern ein Erlebnis. Die von mir beschriebenen Alben, habe ich alle ausgepackt, angeschaut und angehört. Gerne auch mehr als ein Mal. Bei den Reviews mache ich mir immer ein eigenes Bild durch entsprechende Recherche und das konzentrierte Anhören. Das ist meine Art den Künstlern entsprechende Wertschätzung für ihre Kreativität und Kunst entgegenzubringen.
So kann es vorkommen, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens, die Platten in seltenen Fällen vergriffen sind.
Dazu gibt es für mich keine Alternative: über Platten schreiben, in dem man die Pressetexte abschreibt ohne die Platte in den eigenen Händen gehalten zu haben, macht für mich keinen Sinn. Danke für euer Verständnis. Lagartija Nick.

