Manchmal ist das ja so: Eine Band löst sich auf und formiert sich unter anderem Namen neu – soweit so gut. Manchmal ist es dann aber auch so, dass die neu formierte Band entweder a) nicht so gut ist wie die ursprüngliche oder b) sich immer an dem messen lassen muss, was sie davor gemacht hat. Das kann durchaus problematisch werden. Ob hier etwas davon der Fall ist, lest ihr gleich.
Teile des Nürnberger Quartetts HI MUM fanden einst unter dem Namen MAFFAI zusammen – wobei es zu kurz gegriffen wäre, die Beziehung der beiden Projekte schlicht auf einen Frontpersonenwechsel zu reduzieren, ne, ne, so einfach machen wir uns es nicht. Die schon bei MAFFAI vorhandenen Grundpfeiler wie Elan und Skillset blieben erhalten, die musikalische Richtung wurde hörbar neu justiert. Ghostwood, bzw. HI MUM ist also nicht „nur“ ein Neustart, sondern auch eine musikalische Neuausrichtung – und was für eine.
Was HI MUM machen wollen, war intern wohl früh kein großes Geheimnis: Gitarren, Eingängigkeit, etwas Nostalgie – aber ohne Lavendelsäckchen im Schrank deiner Oma-Geruch. Das klingt erstmal nach einer simplen Formel, was zumindest bei Rezepten ein guter Indikator für Qualität ist. Jeder Foodie weiß, zuviele Zutaten verderben den Brei oder so ähnlich. Warum bin ich jetzt bei Essensreferenzen? Ich hab Hunger. Das fertige Menü kam dann jedenfalls im März via Flight13 & Rookie in die Restaurants.
Wie dem auch sei, Ghostwood ist kein Retro-Projekt, das sich in irgendwelchen Referenzen suhlt – auch wenn diese natürlich vorhanden sind. Immerhin haben wir 2026 und alles war ja irgendwie schonmal da, ich meine, hey, Baggys sind wieder In…. – sondern ein Album, das seinen Einflüssen mit Würde begegnet. Die Verwandtschaft zu z.B. Dinosaur Jr. oder den späten Blackmail ist spürbar, aber nie aufdringlich. Und über die größtenteils im Midtempo gehaltene Mucke schweben hymnisch-Radiohead´ske Geister (Nein, nicht „Creep“ – die haben auch andere Songs). Was dabei herauskommt, ist irgendwie 90er-Indie-Shoegaze-Alternative-Psych-Rock oder sowas. Mit eigenem Fingerabdruck: roh genug, um zu kratzen, rund genug, um zu bleiben.
Klanglich scheinen mir folgene Elemente recht wichtig zu sein: atonale Distortiongitarren, Fuzz-geschwängerte Gitarrenwände, treibendes Schlagzeug. Das Ganze ist dann noch ordentlich fett produziert (man könnte als alter DIY-Punker schon von „Überproduziert“ sprechen, man könnte, man muss nicht.) aber dabei trotzdem noch wunderbar ausgewogen und differenziert. Und dann Songs, die trotz der – für mich – träumerisch-melancholischen Stimme poptauglicher sind, als sie zunächst wirken. Das ist das Zwiebelband-Prinzip: Mit jedem Hören schält sich mehr heraus. Die Laut-Leise-Dynamik sitzt, balladeske Passagen und Akustik-Momente fügen sich organisch ein, nie als Fremdkörper.
Lilly Kletkes Stimme ist das ruhigste Element in diesem HI MUM Gefüge und gleichzeitig für mich mit das prägendste. Sie klingt, als stünde sie leicht abseits vom Geschehen – beobachtend aber bei weitem nicht unbeteiligt. Die Texte verhalten sich ähnlich: persönlich, ohne sich komplett zu entblößen oder nach Aufmerksamkeit zu haschen mit einem Sinn für Cineastic. Der Albumtitel ist kein Zufall, und auch die Songtexte sowie Titel tragen diese (von mir jetzt mal untergeschobene) Vorliebe für filmisches in sich.
Dass das quasi alles in Eigenregie entstand – Bandmitglied Jan Kretschmer produzierte im Kellerstudio, Jan Kerscher masterte, Dominik Müller gestaltete das Artwork – hört man dem Album keineswegs an. Das Ding ist einfach gut gemacht. Punkt.
Am Ende ist es für mich ein Album, das sich nicht versucht zu erklären. Es wartet einfach – und wird mit jedem Hören ein bisschen mehr. Zu haben ist das gute Stück auf unschuldig-weißem Vinyl direkt bei der Band, HIER.

