Horreur Cosmique bitten zu düsteren Tanz mit Cthulhu: in den abgründigen Schatten einer musikalischen Welt, die sich dem Vertrauten verweigert und stattdessen nach jenen Ufern tastet, an denen das Bewusstsein verstummt und das Unheimliche regiert, erhebt sich das Debüt-Album des Duos Horreur Cosmique – ein düsterer Klangkosmos, geformt im Geiste der literarischen Tradition des kosmischen Horrors, und gleichsam ein tanzbarer Abgrund.
Kosmischer Horror als Atmosphäre
Die Genre-Grundlage liegt im reichhaltigen Erbe des H. P. Lovecraft’schen Denkens: Eine Welt, in der das Universum nicht freundlich gesinnt ist, in der das Menschliche nur ein flüchtiger Funke im unendlichen Raum darstellt, in der die Begegnung mit alten, unbegreiflichen Mächten das Bewusstsein sprengen kann.
In der akademischen Literatur heißt es: „Le véritable récit fantastique ne saurait se limiter à un meurtre mystérieux […]. Il faut qu’une certaine atmosphère haletante et inexplicable, suscitée par des forces inconnues venues d’ailleurs, soit présente.“ (zu deutsch: „Eine echte fantastische Erzählung kann sich nicht auf einen mysteriösen Mord beschränken […]. Es muss eine gewisse spannungsgeladene und unerklärliche Atmosphäre vorhanden sein, die durch unbekannte Kräfte aus einer anderen Welt hervorgerufen wird.“) Solches Erzählen funktioniert durch Andeutung, durch das Unaussprechliche, durch das Gefühl, dass unter der Oberfläche des Sichtbaren ein uralter Alptraum lauert.
Daraus entspringen die klassischen Elemente wie die Bedeutungslosigkeit des Menschen im kosmischen Maßstab, die Furcht vor dem Unbekannten, vor Kräften oder Wesen, die jenseits des Verstandes liegen oder eine Atmosphäre von Okkultem, alten Göttern oder Entitäten, die vor Äonen existierten sowie das Gefühl eines kosmischen Chaos, das sich jenseits der menschlichen Ordnung auftut – der Ordnung, die wir als selbstverständlich betrachten. Diese literarische Vorlage bildet den dunklen Hintergrund, gegen den Horreur Cosmique ihre Musik auftürmen, als Klanglandschaft zwischen Galaxien und Abgründen.
Wie Horreur Cosmique den kosmischen Horror vertont
Das Duo – bestehend aus Marilou Dupond‑Durant (Gesang) und Carsten Kittel alias DJ Kliklak (Synths, Produktion) – verschmilzt melancholische Elektronik mit französischem Gesang, und lädt in eine Welt ein, die zugleich vertraut und fremd ist. Was hier entsteht, ist kein flaches Club-Highlight, sondern ein beschwörender Tanz auf dunklem Grund: cluborientiert, modern, aber durchzogen von jener Ahnung unermesslicher Räume.
Die Synthflächen schweben weit, sprawlen aus im elektronischen Vakuum, geben dem Hörer das Gefühl einer unendlichen Leere. Der Beat drückt, aber er zerschmettert nicht – vielmehr ruft er zur Bewegung auf, inmitten eines leisen Entsetzens. In den Produktionen tauchen Klangmuster auf, die sich scheinbar verrenken: ein verzerrter Bass, ein hallender Akkord, plötzliches Aussetzen, Stimmen – französischer Gesang, oft im Sprechgesang – die sich wie Flüstern aus dem Nichts melden.
Der französische Text verleiht dem Klang zusätzlich eine fremde Symbolik, eine literarische Fremdheit, die das Hörerlebnis verunheimlicht. Das Duo nimmt uns mit auf eine Reise in ein Labyrinth, dessen Geometrie wir nicht begreifen. Pures, okkultes, antikes Grauen. Der Club-Rhythmus ist zwar präsent, doch wirkt er wie eine Zelle, die vom Flirren des Alls umgeben ist – als tanze man auf einer Brücke über einem Abgrund, unter dem sich ein kosmisches Meer wogt.
Das Ergebnis ist ein dunkler Tanz, ein romantischer Abstieg – man fühlt sich gleichzeitig verlockt und vor etwas Profundem warnt.
Die Verschmelzung von Stil und Subtext
Es sind die Stärken des Duo, die sich in zwei Songs deutlich manifestieren. Der Opener „Un Labyrinthe Sans Fin“ läßt die Leere in einem hypnotischen Beat entfalten. Der Rhythmus lauert wie ein Herzschlag in einem finsteren Gewölbe. Marilous französischer Vortrag klingt zugleich gefasst und verzweifelt – als spreche sie zu Wesen, die jenseits der Schwelle verweilen.
Die Synthesizer fächern sich auf wie elektrische Tentakel, ziehen Kreise um den Hörer. Der Texttitel – „Ein Labyrinth ohne Ende“ – ist Programm: Die Musik vermittelt das Gefühl, dass der Weg keine Rückkehr kennt, dass das Zentrum sich weghüllt im Nebel der Zeit. In dieser Bespielung findet sich das klassische Element des kosmischen Horrors: das Verlorensein im Groß-Raum, die Ohnmacht gegenüber dem Unverstehbaren.
Das Titelstück „Horreur Cosmique“ ist das Herzstück des Albums und trägt nicht zufällig den Namen des Projekts – es ist ein Manifest, eine Klangbeschwörung des Genres selbst. Das Stück beginnt mit einem kaum hörbaren Rauschen, einem akustischen Dunst, der an die Tiefe eines leeren Weltalls erinnert. Langsam, fast unmerklich, schält sich daraus ein pulsierender Beat, über dem Marilou flüstert, murmelt, singt – ihre Stimme klingt wie eine ferne Botschaft, die durch Äonen gereist ist, um uns zu warnen.
Carsten Kittels Synths wirken wie Maschinengeister, die sich an der Grenze von Musik und Geräusch bewegen. Der Refrain – falls man ihn so nennen kann – löst sich in Hall auf, als würde er von einem schwarzen Loch verschluckt. Der Song erzeugt jene beklemmende Schönheit, die Lovecraft zwischen den Zeilen beschwört: den Schauer der Erkenntnis, dass Schönheit selbst nur die Oberfläche des Entsetzens sein kann. „Horreur Cosmique“ ist mehr düsteres Ritual als Song – ein elektronisches Beschwörungswerk, das gleichzeitig in die Tiefe zieht und auf den Tanzboden drängt. Man könnte sagen: Der Beat ist das Herz des Wahnsinns – monoton, hypnotisch, unausweichlich. Hier verbinden sich Club-Kultur und kosmische Verzweiflung zu einer seltsam betörenden Einheit.
Dunkle Euphorie im Angesicht des Unendlichen
Das Debütalbum von Horreur Cosmique ist mehr als nur ein Neuzugang im Label Kernkrach Records-Katalog. Es ist ein Statement: hier trifft die romantisch-verhangene Melancholie von Darkwave und Coldwave auf eine moderne, clubtaugliche Elektronik; hier verschmelzen französischer Sprechgesang mit der Ahnung eines kosmischen Abgrunds. Dass das Duo zwischen Klangflächen und Tanzboden pendelt, macht den besonderen Reiz aus: Man wird nicht nur bewegt – man wird erschüttert.
Romantisch verfängt sich das Bild von zwei Wanderern in einem verlassenen Schloss, während draußen ein uralter Kosmos kreist; und doch: man spürt den Beat unter den Sohlen, das Flackern der Lichter in der Kathedrale des Tanzes. Die Limitierung der LP-Pressung (nur 199 Exemplare, Siebdruck, handnummeriert) unterstreicht die Aura des Geheimen, Okkulten – eine fast rituellen Komponente, die perfekt zur thematischen Ausrichtung passt.
Für die Liebhaber dunkler Klänge, die den Club nicht nur als Fluchtpunkt, sondern als Schwelle verstehen – zur Begegnung mit dem Unfassbaren –, ist dieses Album eine Einladung in den Tanz mit dem Unbekannten, in die romantische Schwärze eines ewigen Labyrinths.
Mit diesem Debüt erhebt sich Horreur Cosmique aus den Tiefen und spaziert auf jener schmalen Brücke zwischen Tanz und Finsternis. Tauchen Sie ein – in den Abgrund, in die Nacht, in den Klang eines Labyrinths ohne Ende.
Und als wäre all dies nicht genug, kündigt sich bereits ein Ereignis an, das ganz im Zeichen dieser dunklen Euphorie steht: Am 12. Dezember wird Horreur Cosmique ihre Live-Premiere im Cantine Bielefeld in Bielefeld feiern – gemeinsam mit Ductape und The Calm Grey.
Ein Konzert, das im kleinen, intimen Rahmen verspricht, das musikalische Labyrinth live zu durchschreiten: Zwischen Dunkelheit und Klang, zwischen Romantik und kosmischem Entsetzen. Wer dabei sein kann, wird Zeuge eines Moments, in dem das Duo jene grenzenlose Leere nicht nur beschreibt – sondern sie fühlbar macht.
Vinyl ist für mich nicht nur Musik, sondern ein Erlebnis. Die von mir beschriebenen Alben, habe ich alle ausgepackt, angeschaut und angehört. Gerne auch mehr als ein Mal. Bei den Reviews mache ich mir immer ein eigenes Bild durch entsprechende Recherche und das konzentrierte Anhören. Das ist meine Art den Künstlern entsprechende Wertschätzung für ihre Kreativität und Kunst entgegenzubringen.
So kann es vorkommen, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens, die Platten in seltenen Fällen vergriffen sind.
Dazu gibt es für mich keine Alternative: über Platten schreiben, in dem man die Pressetexte abschreibt ohne die Platte in den eigenen Händen gehalten zu haben, macht für mich keinen Sinn. Danke für euer Verständnis. Lagartija Nick.

