Wien hat bekanntlich seinen ganz eigenen Klang. Ein bisschen Grant, ein bisschen Schmäh, dazu eine Sprache, bei der selbst ein ganz gewöhnlicher Satz plötzlich klingt, als könnte daraus entweder ein Heurigenabend oder eine handfeste Wirtshausschlägerei entstehen. IRON SNAG JOE machen sich genau diese Eigenheiten zunutze und verpacken sie seit 2004 in deutschsprachigen Fun Punk Rotz’n’Roll. Was auf der Bühne schon seit Jahren für entsprechende Unterhaltung sorgt, liegt nun mit „Kellerkalt“ in Form eines 18 Songs starken Albums vor. Erschienen ist die Platte am 3. April 2026 bei Rotzbua Records. Und der Titel ist Programm. „Kellerkalt“ fühlt sich weniger nach Hochglanzproduktion und mehr nach einem Abend an, bei dem irgendwann niemand mehr genau weiß, wer eigentlich das letzte Bier bestellt hat. Dabei steckt hinter dem vermeintlichen Chaos durchaus Konzept. Die Songs pendeln zwischen Party, Alltag, Selbstironie, Gesellschaftskritik und schwarzem Humor. Mal wird ordentlich auf den Putz gehauen, mal wird es überraschend nachdenklich. Vor allem aber besitzt die Platte etwas, das sich nicht künstlich herstellen lässt: Persönlichkeit.
Schon „Das Lied vom Spiegel“ gehört für mich zu den Songs, die ziemlich schnell zeigen, warum IRON SNAG JOE funktionieren. Hier treffen Punkrock, Feierlaune und Wiener Mundart aufeinander, während sich die Geschichte irgendwo zwischen Beisl Tour und völlig aus dem Ruder gelaufener Nacht bewegt. Das Ganze hat diesen angenehm dreckigen Charme eines Songs, bei dem man schon beim ersten Hören ahnt, dass er live vermutlich noch eine ganze Ecke mehr Spaß machen dürfte. Und spätestens wenn der Wiener Schmäh richtig durchkommt, ist klar, hier wird nicht versucht, irgendeinen internationalen Punk Sound nachzubauen. Hier klingt eine Band einfach nach sich selbst. Mit „Verdammt“ schlägt die Platte anschließend eine deutlich andere Richtung ein. Hinter dem rotzigen Auftreten steckt plötzlich eine ziemlich düstere Seite. Der Song handelt von Stillstand, Leere und dem Gefühl, im eigenen Leben festzustecken. Gerade dieser Kontrast macht ihn interessant. „Kellerkalt“ ist eben nicht nur Sauf- und Spaßpunk, sondern lässt zwischendurch auch die Tür zu den weniger gemütlichen Ecken offen.
„Gift“ gehört ebenfalls zu meinen Favoriten. Der Song besitzt diese Mischung aus Druck und Eingängigkeit, die bei IRON SNAG JOE immer wieder funktioniert. Dazu kommt die sprachliche Eigenheit, die sich durch das Album zieht. Die Wiener Mundart wird nicht als folkloristisches Accessoire eingesetzt, sondern gehört ganz selbstverständlich zur musikalischen Identität. Genau dadurch bekommen die Songs ihren eigenen Charakter. Dann wäre da noch „Helene“. Ein Song, bei dem man sich schon beim Lesen des Titels ungefähr denken kann, dass hier nicht gerade der klassische Liebesbrief vertont wurde. IRON SNAG JOE gehen mit gewohnt schwarzem Humor ans Werk und würzen das Ganze mit einer ordentlichen Portion Absurdität. Das ist der Punkt, an dem man entweder mitgrinst oder sich fragt, was zur Hölle man da gerade hört. Ich gehöre eindeutig zur ersten Fraktion. Besonders viel Spaß macht „Punker“. Die Band nimmt hier die üblichen Klischees rund um Punks aufs Korn und hält der eigenen Szene gleich noch den Spiegel vor. Musikalisch kommt dabei ein sehr bewusst gesetzter Seitenhieb auf einen bekannten deutschen Klassiker hinzu. Mehr muss man eigentlich gar nicht erklären. Entweder man erkennt die Vorlage und grinst, oder man hört einfach einen verdammt eingängigen Punkrocksong. Beides funktioniert.
Mit „Bombe“ wird es wieder ernster. Hinter dem provokanten Titel steckt ein Stück über Frust, Überforderung und den Druck, der sich über Jahre aufbauen kann. Gerade weil IRON SNAG JOE sonst so gerne mit Humor arbeiten, wirkt dieser Song umso stärker. Die Band zeigt hier, dass sie durchaus in der Lage ist, die Witze beiseitezulegen und unangenehme Gedanken stehen zu lassen. Das macht „Kellerkalt“ abwechslungsreicher, als der erste Eindruck vermuten lässt. Und dann kommt „Polak der Bullenfreund“. Schon der Titel dürfte bei einigen Lesern für hochgezogene Augenbrauen sorgen, musikalisch passt der Song allerdings wunderbar in das leicht durchgedrehte Universum der Band. IRON SNAG JOE haben keine Angst davor, mit absurden Figuren, überspitzten Situationen und schwarzem Humor zu arbeiten. Entscheidend ist dabei, dass die Songs nicht nach zwanghaftem Provokationsversuch klingen. Vielmehr merkt man, dass hier eine Band ihren eigenen Humor pflegt und ihn konsequent durchzieht.
Überhaupt lebt Kellerkalt von seinen Gegensätzen. Neben den genannten Favoriten warten mit „Grätzlwächtertango“, „Datenpiraten“, „Lila Vokuhila“, „Pogophobie“, „Inventar“, „Wenn die Welt dich fickt“, „Arbeit ist schön“, „Sperrstund’“ und „Da Heislhund vom Alsergrund“ noch zahlreiche weitere kleine Absurditäten auf ihre Entdeckung. Die komplette Platte wurde laut Band zwischen 2024 und 2025 in Eigenregie aufgenommen und vielleicht trägt sie gerade deshalb diesen angenehm ungeschliffenen Charakter. Was mir an IRON SNAG JOE besonders gefällt, ist die Konsequenz, mit der die Band ihren eigenen Kosmos verfolgt. Hier wird nicht versucht, möglichst cool, düster oder bedeutungsschwanger zu wirken. Stattdessen darf ein Song einfach mal bekloppt sein, der nächste nachdenklich und der übernächste wieder komplett eskalieren. Dazu kommt diese unverwechselbare Wiener Färbung, die „Kellerkalt“ von gewöhnlichem deutschsprachigem Punk unterscheidet. Natürlich muss man mit dieser Art Humor etwas anfangen können. Wer Punk nur dann ernst nimmt, wenn alle Beteiligten möglichst finster dreinschauen und mindestens drei gesellschaftliche Systeme gleichzeitig stürzen wollen, dürfte mit IRON SNAG JOE vermutlich seine Schwierigkeiten haben. Wer dagegen Spaß an Selbstironie, Rotz’n’Roll und musikalischem Blödsinn mit gelegentlichen ernsten Untertönen hat, dürfte hier deutlich besser aufgehoben sein.
„Kellerkalt“ ist ein Album, das sich nicht sonderlich um Konventionen schert und genau deshalb funktioniert es so gut. IRON SNAG JOE verbinden Punkrock, Rotz’n’Roll, Wiener Mundart und schwarzen Humor zu einem Sound, der seine eigene kleine Welt geschaffen hat. Mal wird gefeiert, mal gelästert, mal provoziert und gelegentlich schaut auch die ernstere Seite der Band um die Ecke. Meine persönlichen Höhepunkte sind „Das Lied vom Spiegel“, „Verdammt“, „Gift“, „Helene“, „Punker“, „Bombe“ und „Polak der Bullenfreund“. Dazu kommt die Mundart, die immer wieder durchscheint und vielen Songs genau die richtige Portion Wiener Schmäh verpasst. „Kellerkalt“ ist kein Album für den gepflegten Sonntagnachmittag bei Kamillentee. Dafür ist es vermutlich auch gar nicht gedacht. Eher etwas für den Abend, an dem aus „Wir trinken nur eines“ irgendwann „Na geh, eins geht no!“ wird. Und wenn dann irgendwann keiner mehr weiß, wo das letzte Bier geblieben ist, läuft wahrscheinlich gerade IRON SNAG JOE.
Und wenn ihr jetzt Bock habt, auf Punk aus Wien, dann solltet ihr schnell hier zuschlagen.

