Zugegeben: die Zeiten, in denen ich beinahe fieberhaft jedem neuen Release auf Epitaph entgegengfiebert habe, sind schon eine ganze Weile her. Zu viel andere Musik auf zu vielen anderen tollen Labels kam hinzu und man kann dann halt auch nicht überall mitmischen. Ist wohl auch besser so, bei dem Veröffentlichungspensum des wohl mit größten Indipendentlabels weltweit. Dauerhaft 40 Grad geht halt nicht gut aus. Beim bereits siebten Longplayer „I Used To Go To This Bar“ des kalifornischen Punk Rock-Trios Joyce Manor gab’s aber zumindest mal wieder leicht erhöhte Temperatur.
Vom Chef Gurewitz persönlich produziert, liefern uns Joyce Manor erneut neun hochklassige Pop-Punk-Nummern. Pop-Punk, unter dieser Marke wird die Band ja ganz gern mal geführt. Dabei ist das hier musikalisch weitaus vielschichtiger und technisch weitaus versierter, als es üblicherweise gängig ist und ohne, dass ich die Leistung entsprechender Genrekolleg*Innen damit schmälern will. Sollte es tatsächlich Menschen geben, die auch Weezer dem Pop-Punk zuordnen, so haben zumindest diese Leute eine Idee zu Joyce Manor. An den Mannen um Rivers Cuomo sind Joyce Manor jedenfalls deutlich näher dran, als an Blink-182.
„I Know Where Mark Chen Lives“ und „Falling Into It“ auf Position 1 und 2 gehen noch easy als Pop-Punk-Songs durch, sofern man bereit ist, etwas über den Tellerrand hinauszuschauen. Aber schon mit „All My Friends Are So Depressed“ wird die Übermacht anderer Spielarten mehr als deutlich. Der Song hat ebenso wie später dann „The Opossum“ dank der Gitarrenarbeit und dem Drumrhythmus einen wunderbaren Americana-Einschlag. „Well, Don’t It Seem Like You’ve Been Here Before?“ mit seinen Chören im Refrain geht fast schon in Richtung Folk-Punk und dürfte, man höre und staune, wahrscheinlich sogar Fans von Haudegen wie den Dropkick Murphys ansprechen. Wer nun Böses denken mag: nein! Joyce Manor schreiben keine Songs, um sich sämtlichen Lagern anzubiedern. Joyce Manor schreiben Joyce Manor-Songs!
Was nun wiederum ein eindeutiges Pop-Punk-Attribut, meinetwegen auch ein generelles Punk-Attribut ist, sind die Songlängen. Zwo-Zwoundvierzig misst da die mit Abstand längste Nummer. Ansonsten bewegen wir uns straight um die 2-Minuten-Marke. Zwei Minuten, die aber dennoch regelmäßig mit allerlei Kunterbuntem vollgepackt sind. Ich denke, das ist mit die Größte Stärke von Joyce Manor, in der Kürze der Zeit dennoch für so viel Input zu sorgen. „I Used To Go To This Bar“ ist die wohl kurzweiligste Platte des Genres seit ich das letzte Mal Fieber hatte. Und das ist wahrlich schon lange her. Ein echtes Genrehighlight am Rande des Genremöglichen.
Die Platte gibt es in allerlei farblichen Variationen, zumindest in clear und in schwarz u.a. bei jpc. Seit dem 30.01. draußen und dringend zu empfehlen, sofern man die Ataris vermisst, Weezer in einer Sackgasse stecken sieht und MxPx vor allem und schon immer für ihre Power gemocht hat.

