Wenn sechs „gewöhnliche“ Songs so gewöhnlich sind – was bedeutet dann eigentlich gewöhnlich?
Katie Smokers Wedding Party waren noch nie gewöhnlich. Ihre Platten waren es ebenfalls nicht. Es gibt Platten, die wollen gefallen oder in der Vinyl-Sammlung glänzen. Andere wollen beeindrucken oder den Besitzer als Kenner ausweisen. Und dann gibt es „Six Ordinary Songs by KSWP“ von Katie Smokers Wedding Party, eine Platte, deren Titel zunächst einmal eine geradezu provokante Bescheidenheit behauptet.
Sechs gewöhnliche Songs? Bei einer Band, deren musikalische Biografie zwischen Punk, Krautrock, Free Jazz, Noise, Improvisation und experimenteller Popmusik verläuft, klingt das ungefähr so glaubwürdig wie ein Zahnarztbesuch als Wellnessurlaub.
Die eigentliche Frage lautet deshalb: Kann eine Band, die sich seit Jahren dem Gewöhnlichen konsequent verweigert, tatsächlich sechs gewöhnliche Songs aufnehmen?
Kennst du Katie Smokers Wedding Party schon?
Katie Smokers Wedding Party kommen aus München, was kein Makel ist und sind seit mindestens den frühen 2010er-Jahren eine feste Größe in jener deutschen Musikwelt, die sich niemals sonderlich darum gekümmert hat, ob sie in eine Schublade passt. Bereits 2010 sind Live-Aufnahmen der Band dokumentiert, darunter Auftritte im Münchner Atomic Café und im Kölner King Georg. 2013 erschien ein selbstbetiteltes Album, später folgten weitere Singles, Splits und Veröffentlichungen, darunter „Couleurs De La Nuit / Fresh Milk“, „Weltraummollusken“ und „Karl Lagerfeld stirbt in seinem Jogginganzug“.
Dabei ist die Entwicklung bemerkenswert: Aus der frühen, durchaus punkigen und artifiziellen Grundhaltung wurde zunehmend ein offener musikalischer Experimentalraum. „Weltraummollusken“ stellte 2021 auf einer Seite eine über fünf Minuten lange Free-Jazz-Explosion, auf der anderen mehrere kurze Noise-Miniaturen gegenüber. „Karl Lagerfeld stirbt in seinem Jogginganzug“ ging anschließend noch weiter in Richtung ausgedehnter Noise- und Free-Jazz-Experimente.
Katie Smoken Wedding Party sind damit weniger eine Band im klassischen Sinne als ein musikalisches Betriebssystem: Die beteiligten Musiker wechseln, Instrumente wechseln, Genres wechseln – die Lust an der Reibung bleibt.
Hast du schon entdeckt, was Rheinschallplatten besonders macht?
Man könnte sagen: Katie Smokers Wedding Party und Rheinschallplatten haben sich gesucht und gefunden.
Hinter dem Label stehen die Brüder Markus und Thomas Rhein. Thomas betreibt in Köln den Plattenladen Parallel Schallplatten, Markus war in München mit dem Plattenladen Resonanz aktiv. Rheinschallplatten ist dabei kein Label, das seine Veröffentlichungen nach einem möglichst leicht vermarktbaren Genre sortiert. Im Gegenteil: Das Programm wird immer wieder als ausgesprochen eklektisch und mit punkigem Einschlag beschrieben.
Und genau darin liegt die Bedeutung von Rheinschallplatten: Das Label funktioniert nicht primär als Marktsegment, sondern als Geschmacksbehauptung.
Hier kann eine experimentelle Band neben Folk, Kraut, Jazz, Noise oder völlig eigenwilligen Songformen stehen. Neben Katie Smokers Wedding Party finden sich unter anderem Eric Pfeil, G.Rag, MONOBOB oder beißpony im Umfeld des Labels.
Das ist in Zeiten algorithmischer Musikempfehlungen fast schon ein politischer Akt. Die Brüder Rhein veröffentlichen nicht, weil etwas gerade in eine Playlist passt. Sie veröffentlichen, weil es ihnen interessant genug erscheint, um als Platte zu existieren.
Hörst du bei Beton schon, wohin die Reise geht?
„Beton“ eröffnet das Album mit gerade einmal gut zwei Minuten – und macht damit gleich klar, dass Katie Smoken Wedding Party Zeit nicht nach den Regeln des Radios bemessen.
Der Titel klingt nach urbaner Härte, nach Baustelle, Oberfläche, Material. Musikalisch wird daraus eine konzentrierte Miniatur, in der Rhythmus, Geräusch und Instrumentalfarbe wichtiger sind als die klassische Songdramaturgie.
Das Faszinierende: Katie Smoken Wedding Party müssen keine zehn Minuten brauchen, um experimentell zu sein. Sie können eine Idee in zwei Minuten aufstellen, gegen die Wand fahren und wieder verschwinden.
Kannst du zehn Minuten S3 folgen, ohne auf die Uhr zu schauen?
Weil „S3“ zeigt, dass Länge bei Katie Smokers Wedding Party keine Frage der Geduld, sondern der Perspektive ist.
Mit Bass, Viola, Saxofon und weiteren Instrumenten entsteht ein Stück, das eher wie ein musikalischer Raum als wie ein Song funktioniert. Die Besetzung des Albums ist überhaupt bemerkenswert: Neben Schlagzeug, Gitarren und Bässen finden sich Viola, Cello, Saxofon, Keyboards und Geräusche. Markus Rhein spielt Gitarre und Bass, Thomas Rhein steuert Noises bei.
Das Ergebnis erinnert weniger an eine Band, die gemeinsam einen Song „spielt“, als an eine Gruppe von Musikern, die gemeinsam herausfinden, was ein Song überhaupt sein könnte.
Merkst du bei Arkansaw, wie viel Melodie in diesem Chaos steckt?
„Arkansaw“ ist einer jener Momente, in denen Katie Smoken Wedding Party beweisen, dass Experiment und Musikalität keineswegs Gegensätze sind.
Das Stück besitzt trotz seiner offenen Struktur eine eigene innere Logik. Instrumente treten nicht einfach nacheinander auf, sondern scheinen sich gegenseitig zu beobachten, zu kommentieren und gelegentlich zu widersprechen.
Gerade darin liegt die Stärke dieser Band: Sie verwechselt musikalische Freiheit nicht mit Beliebigkeit.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Traust du dich an über zehn Minuten Act 2 heran?
Mit über zehn Minuten ist „Act 2“ das längste Stück des Albums und zugleich ein kleines Manifest. Hier darf sich die Musik entwickeln, ausfransen, verdichten und wieder auseinanderfallen.
Wer beim Wort Experimentalalbum automatisch an akademische Klangkunst denkt, sollte Katie Smoken Wedding Party eine Chance geben. Denn trotz aller Abstraktion steckt in dieser Musik eine körperliche Energie, die eindeutig aus Punk, Rock und improvisierter Musik stammt.
„Act 2“ ist nicht deshalb interessant, weil es schwierig sein möchte. Es ist interessant, weil es dem Hörer zutraut, selbst zuzuhören.
Und jetzt mal ehrlich: Sind diese sechs Songs wirklich gewöhnlich?
Natürlich nicht.
Und genau darin liegt der schönste Witz dieser Platte. „Six Ordinary Songs by KSWP“ ist ein Album, das seinen eigenen Titel permanent widerlegt. Die sechs Stücke – „Beton“, „S3“, „Arkansaw“, „Act 2″,“Mountain Energei“ und „Triple F“ – dauern zwischen gut zwei und mehr als zehn Minuten und bilden gemeinsam einen musikalischen Kosmos, in dem Free Jazz, Noise, Krautrock, Post-Punk und improvisierte Musik nicht als Genreschilder herumstehen, sondern als Material verwendet werden.
Und vielleicht ist genau das die Bedeutung von Katie Smokers Wedding Party über ihre bisherige Schaffenszeit hinweg: Diese Band hat nie besonders viel Wert darauf gelegt, „die nächste“ irgendetwas-Band zu sein. Sie hat ihren eigenen Zusammenhang geschaffen.
Mit „Six Ordinary Songs by KSWP“ wird dieser Zusammenhang noch einmal besonders deutlich.
Willst du noch Platten hören, die sich nicht nebenbei konsumieren lassen?
WEIL es noch Platten gibt, die man nicht nebenbei konsumieren kann.
WEIL Katie Smokers Wedding Party zeigen, dass Experimentierfreude und handwerkliche Musikalität sehr wohl zusammengehören.
WEIL Rheinschallplatten daran erinnert, dass ein gutes Independent-Label nicht unbedingt eine Zielgruppe braucht, sondern eine Attitüde und einen Geschmack.
Und weil diese sechs angeblich gewöhnlichen Songs bei genauerem Hinhören ziemlich außergewöhnlich werden.
„Six Ordinary Songs by KSWP“ ist keine Platte für die schnelle Belohnung. Sie ist eine Platte für den Moment, in dem man die Nadel aufsetzt und feststellt, dass hinter dem vermeintlichen Chaos eine erstaunlich präzise musikalische Intelligenz steckt.
Also: Sind die sechs gewöhnlichen Songs von Katie Smokers Wedding Party gewöhnlich? Nein. Sie sind das Gegenteil – sechs eigensinnige, musikalisch kluge und wunderbar unberechenbare Stücke einer Band, die sich über mehr als ein Jahrzehnt ihre Freiheit bewahrt hat. Genau deshalb sollte man diese Platte kaufen.
Vinyl ist für mich nicht nur Musik, sondern ein Erlebnis. Die von mir beschriebenen Alben habe ich alle ausgepackt, angeschaut und angehört. Gerne auch mehr als ein Mal. Bei den Reviews mache ich mir immer ein eigenes Bild durch entsprechende Recherche und das konzentrierte Anhören. Das ist meine Art den Künstlern entsprechende Wertschätzung für ihre Kreativität und Kunst entgegenzubringen.
So kann es vorkommen, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens die Platten in seltenen Fällen vergriffen sind.
Dazu gibt es für mich keine Alternative: über Platten schreiben, indem man die Pressetexte abschreibt ohne die Platte in den eigenen Händen gehalten zu haben, macht für mich keinen Sinn. Danke für euer Verständnis. Lagartija Nick.
