„Quattro Racconti“ von Lars Fredrik Frøislie ist weit mehr als eine bloße Neuauflage seines Solo-Debüts „Fire Fortellinger“ (hier geht es zu meiner Review). Es ist vertrautes Material, das in ein völlig anderes Licht taucht und dabei eindrucksvoll zeigt, wie wandelbar und vielschichtig progressiver Rock sein kann. Der entscheidende Faktor liegt in der Zusammenarbeit mit Stefano „Lupo“ Galifi, dessen italienischer Gesang den vier Stücken – den „Racconti“, also Erzählungen – eine neue narrative und emotionale Ebene verleiht.
Das Album besteht aus vier ausgedehnten Kompositionen, die jeweils ihre eigene musikalische Geschichte erzählen. Schon im eröffnenden Stück wird deutlich, dass es hier nicht um einfache Adaptionen geht. Die Musik entfaltet sich langsam, getragen von warmen Mellotron-Flächen und eleganten Orgelpassagen, während Galifis Stimme eine beinahe theatralische Qualität einbringt. Die Melodien wirken durch die italienische Sprache fließender, fast wie aus einer Oper entlehnt, was den ohnehin schon erzählerischen Charakter der Musik noch verstärkt.
Der zweite „Racconto“ hebt sich durch eine stärkere Dynamik ab. Hier zeigt Frøislie sein Gespür für Spannungsaufbau: Ruhige, introspektive Passagen wechseln sich mit kraftvollen Ausbrüchen ab, in denen insbesondere die Hammond-Orgel glänzt. Der Gesang wirkt hier weniger verträumt und eher dramatisch zugespitzt, was dem Stück eine gewisse Dringlichkeit verleiht. Es ist einer der Momente, in denen die Verschmelzung von nordischer Melancholie und italienischer Leidenschaft besonders deutlich wird.
Im dritten Stück tritt die atmosphärische Seite stärker in den Vordergrund. Flächige Keyboardlandschaften und zurückhaltende Rhythmik schaffen eine fast schwebende Stimmung. Galifis Gesang fügt sich hier besonders organisch ein und wirkt weniger wie ein dominierendes Element, sondern eher wie ein weiteres Instrument innerhalb des Arrangements. Gerade diese Zurückhaltung macht den Track zu einem der emotional eindringlichsten Momente des Albums.
https://youtu.be/wWEqanTQTuQ?si=uAiYYa44zZkxb6EP
Der abschließende „Racconto“ schließlich bündelt noch einmal alle Stärken des Albums. Er beginnt ruhig und steigert sich allmählich zu einem epischen Finale, das von komplexen Harmonien und dichten Klangschichten geprägt ist. Hier zeigt sich Frøislies Fähigkeit, lange Spannungsbögen zu gestalten, ohne den Hörer zu verlieren. Die Musik wirkt wie ein Abschlusskapitel, das die vorherigen Themen aufgreift und in einem großen, atmosphärischen Ausklang zusammenführt.
Was „Quattro Racconti“ besonders auszeichnet, ist die Balance zwischen Retro-Ästhetik und eigenständiger künstlerischer Vision. Die Einflüsse des klassischen 70er-Prog sind unüberhörbar, doch Lars Fredrik Frøislie nutzt sie nicht als Selbstzweck. Stattdessen schafft er ein Werk, das sich bewusst in dieser Tradition bewegt, ohne darin stehenzubleiben. Die analogen Keyboard-Sounds sind nicht nur klangliches Stilmittel, sondern tragen maßgeblich zur emotionalen Wirkung bei.
Insgesamt ist „Quattro Racconti“ ein Album, das Zeit und Aufmerksamkeit verlangt, man aber dafür auch belohnt wird. Die vier Tracks wirken wie Kapitel eines zusammenhängenden musikalischen Romans, der sich mit jeder erneuten Hörsession weiter erschließt. Durch die italienische Gesangsinterpretation gewinnt das Werk eine neue Identität, die es klar vom ursprünglichen Material abhebt. Es ist ein mutiger Schritt, der eindrucksvoll gelingt und Frøislie als Künstler zeigt, der nicht nur die Vergangenheit versteht, sondern sie kreativ weiterdenkt.
Zu erwerben ist „Quattro Racconti“ bei den Prog-Kennern von Karisma Records über folgenden Link:
LARS FREDRIK FRØISLIE – QUATTRO RACCONTI

