Die Tallinn Music Week ist eines der angesagtesten Festivals in Europa und fand überwiegend in einen der hippesten Gegenden Tallinns statt – dem Telliskivi-Viertel am Bahnhof. Zufällig hatte ich gesehen, dass die TMW in der Zeit stattfindet, während ich dort bin. Also habe ich mir fast alle interessant klingenden Bands angehört, um dann am Ende zu entscheiden zu welchen Konzertabenden ich gehe. Die Entscheidung war nicht einfach, ein paar wenige Bands kannte ich schon aus früheren Estland-Aufenthalten, weil ich mich schon da immer mal für die estnische Musikszene interessiert hatte. Andere Bands waren mir völlig neu und auch diese klangen auf dem ersten Ohr gut. Zudem gab es verschiedene Musikrichtungen zu hören, also war an sich nur die Frage, welches Genre soll es denn sein und wird sich irgendwas überschneiden?!
Der erste Konzertabend für mich fand in der Von Krahli Baar statt und stand im Zeichen des finnischen Labels Stupido Records. Weil ich zuvor eine Führung, auch im Rahmen der TMW in der Linnahall besucht hatte und ich schon den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war, musste ich erst nochmal meine Beine im Hotel hochlegen und bin dann zeitnah wieder los. Daher habe ich die erste Band des Abends verpasst. Der Opener des Abends war Apparatus & Apparata, eine estnische Electronica- und Dark Ambient – Band. Schade. Hätte mir auch bestimmt gefallen. Angekommen bin ich dann ungefähr zum ersten Track der finnischen Punkrock – Band Saa kiljua. Sie gaben während des Konzerts an, dass es ihr erstes internationales Konzert war. Nervös waren sie aber scheinbar nicht. Ihre Texte waren finnisch, die Ansagen kamen zum Glück auf Englisch. Insgesamt war es aber ein starker Auftritt, der richtig Spaß und Lust auf den Abend gemacht hat. Nach einer kurzen Abbau- und Aufbauphase für die folgende Band, und natürlich einem kühlen Bier, kam eine der erfolgreichsten estnischen Bands auf die Bühne – Sibyl Vane. Sibyl Vane verbindet Indie-Pop mit Alternative Rock der 90er Jahre und dem Post-Punk-Revival und hat sich durch treibende Gitarren, straffe Rhythmen, unheimliche Stimmungen und den unverwechselbaren Gesang ihrer Frontfrau und Singer-Songwriterin Helena Randlaht einen immer besseren Ruf als Live-Band erarbeitet. Jedenfalls gehören sie zu einer der Bands, die ich sowieso gerne sehen wollte. Und sie haben mich an sich nicht enttäuscht. Es gab hier und da einen Moment, wo ich an der Band bzw. an der Sängerin gezweifelt habe, aber im Großen und Ganzen fand ich es super. Die Sängerin musste zwei Mal die Gitarre stimmen und zwischendurch erfragte sie auch das Publikum, ob man das Gefühl des Denkens, und des Überdenkens des Gedankengangs und des Denkens eben dieses Gedankengangs kenne. So erging es Helena Randlaht in dem Moment. Das Ende des Konzerts kam dann irgendwie plötzlich, auch wenn der zeitliche Rahmen jeder Band abgesteckt war. Meinetwegen hätte es hier noch eine Weile mit Sibyl Vane weiterlaufen können.
Nach einer weiteren Ab- und Aufbauphase folgt der nächste finnische Punkrock. Die Band heißt Ajno & Hajonneet und scheint schon eine größere Nummer in Finnland zu sein. Diese ist ebenfalls female fronted. Angesagt wurde die Band als „they are more than a punkband..:“ und damit versprach der Label-Gründer von Stupido Records durchaus das, was uns erwartet hatte. Gegründet haben sich Ajno & Hajonneet während der Pandemie. Und all diese Energie die sie dort gesammelt haben und die geballte Energie von 6 Personen in einer Band bringen sie auf die Bühne. Die Frontfrau erinnert mich an Courtney Love … ihr erinnert euch bestimmt, die Ex von Kurt Cobain. Über die gesamte Konzertlänge fegt die Sängerin über die Bühne als gäbe es kein Morgen.
Für mich war zumindest der Tag ein perfekter Abschluss des Abends. Es folgten an dem Abend noch die Band J.M.K.E., die an dem Abend im Rahmen der Tallinn Music Week ihr 40-jähriges Bestehen gefeiert haben. Als Late-Night Act war zudem noch die Kombo aus Luxemburg und Deutschland Sheebaba am Start.
Mein zweiter Festivaltag fand im D3 statt und wurde vom Label kurvad uudised records präsentiert. Das D3 steht ebenfalls im Telliskivi-Viertel. Ich fand mich schon zur Öffnung in der Halle ein. Der Abend begann mit einer Post-Rock / Indie-Rock – Band aus Finnland namens Ghosts On TV. Ghosts On TV hatte ich zuvor schon mal angehört und war begeistert und gespannt, wie sie das auf die Bühne bringen. Nachdem ich zu Beginn des Konzerts noch dachte, wie schade es ist, dass nur etwa ein Dutzend Konzertbesucher im Raum sind, füllte es sich nach und nach und es waren dann bei der Band etwa 100 Leute … vielleicht auch mehr. Die Band spielte 5 Songs, drei davon instrumental. Die anderen beiden auch mit Gesang. Im Mai folgt ihr neuestes Album – solltet ihr euch unbedingt anhören. Und natürlich auch das vorherige und selbstbetitelte Album.
Es war, wie man sich Post-Rock – Bands so vorstellt … lang aufbauende Sequenzen, die sich irgendwann entfalten. Gesanglich ging es in die Mogwai- oder The National – Richtung, aber doch irgendwie eigenständig. Hat mir gefallen. Ich wollte eigentlich noch ne Schallplatte kaufen, allerdings waren sie, weil ich erst nach der Folgeband nach Merch geschaut habe, dann schon nicht mehr da.
Nach Ghosts On TV kam die nächste finnische Band auf die Bühne. Ursus Factory ist eine Zwei-Mann – Garagepunk – Kombo. Die zwei Jungs scheinen auch etwas größer zu sein, wenn man ihre Live-Videos betrachtet. Ein paar finnische Zuschauer im D3 kannten die Band auch schon. Die zwei Hauptzutaten waren also Schlagzeug, Gitarre und auch Gesang. Und es war ein irrwitziges Konzert. Der Schlagzeuger Jussi stand beim vorherigen Konzert direkt neben mir um sich Ghosts On TV anzuschauen. Da wirkte er noch recht unschuldig und zurückhaltend. Aber auf der Bühne war er eine absolute Rampensau. Ich fand ihn und seine Mimik auf der Bühne extrem witzig und weird zugleich. Die Texte waren auch wieder auf Finnisch, daher habe ich sie nicht verstehen können. Grundsätzlich hatte Ursus Factory aber alles – Charisma, Witz, Spielfreude. Wer weiß, vielleicht bringen sie ihre Alben auf Englisch raus und werden auch außerhalb Finnlands ein Act mit noch mehr Bekanntheitsgrad.
Anschließend, und auch wieder die letzte Band an diesem Abend für mich, denn ich war schon ziemlich durch von den letzten Tagen, waren die estnische Band The Boondocks. Die Boondocks brauchten für den Aufbau relativ lange, dementsprechend verzögerte sich der Beginn um ein paar Minuten. Die Halle füllte sich immer mehr. The Boondocks sind im Baltikum auch eine große Nummer und haben schon ein paar Alben rausgebracht. Ihr neuestes ist Silver Buzz. Die Band hatte eine, sagen wir mal, komische Bühnenpräsenz. Da war der Bassist, der aussieht wie der Schauspieler aus Magnum, der aber fast durchgängig die Zuschauer angegrinst und dem man den Spaß am Spielen angemerkt hat. Dann war da der Gitarrist, der aussieht wie der Schauspieler Charlie Heaton aus Stranger Things und dann ist da der Sänger, der wenig lächelnd mit den Zuschauern interagiert hat. An sich auch kein Muss, aber irgendwie hat der Sänger und die Sängerin doch eine mitreißende oder tragende Rolle – find ich. Da die Band rock’n’rollig und bluesig unterwegs ist, hab ich mir da ein bisschen mehr erhofft. Nichts desto trotz war es ein super Konzert. Die Menge hatte Spaß. Ich hatte Spaß, auch wenn ich so gar keinen Bock mehr hatte. Alles war schön und ich hatte einen guten Abschluss. Nach The Boondocks spielten noch Maria Kallastu und boipepperoni, Kermo Murel und QSLAP, die gemeinschaftlich als KLAP aufgetreten sind.
Leider war dann auch schon der Merch-Stand von Ursus Factory weg und man konnte sich nur noch Vinyl der letzten drei Acts besorgen. Schade. Das hatte abends zuvor besser geklappt. Ich meine, das Merch hätte sogar noch nach Ajno & Hajonneet da gelegen. Gekauft habe ich mir aber nichts – das Gepäck musste ja auch sicher nach Deutschland zurück transportiert werden.
So bleiben schöne Erinnerungen an ein tolles Festival, das ich sicher irgendwann nochmal besuchen werde.
Viel Spaß beim Entdecken!
