Heute heißt es wieder Hamster und Ratte hören gerne Platte!
Denn hier kommt die zweite Folge der dritten Staffel des Rattster Roadtrips mit Soundtrack. Nach Rattes Nahtoderfahrung im letzten Abenteuer gibt es zur Erholung mehr Musik, ihr könntet heute chillen, wäre da nicht ein großes Dilemma.
Den Soundtrack zur Story liefert das neue Album „Euphancholia“ von The Melmacs. Ebenfalls die Illustration stammt von The Melmacs. Nicht allerdings, wie vielleicht erwartet, von Bimmi Melmac. Die Illustration mit Hamster, Ratte und Platte hat wundervoller Weise Max Melmac gezeichnet. Vielen Dank für die gelungne Überraschung und die coole Grafik!
Es gibt neben dem neuen Hauptalbum für den Soundtrack wie immer weitere, ältere Songs von verschiedenen Interpreten zu erraten. Ihr wisst ja, Hamster macht gerne Lyrics-Zitate. In dieser Folge ist Hamster mitnichten die einzige mit diesem Spleen. Es gibt noch eine weitere Person, die gerne auf Lyrics anspielt. Die Lösungen für die zitierten Songs findest du am Ende der Story. Derweil viel Spaß beim Lesen!

Rattster „Allein zu zweit“
(Stafel 3, Folge #2)
Soundtrack: The Melmacs – Euphancholia
Es stank nach beißenden Desinfektionsmitteln, durch den Lamellen-Vorhang drang trüb gedämpftes Morgenlicht aus einem Spalt, der den Blick auf eine grellweiße Putzfassade nagelte. Die Uhr über der Zimmertür zeigte 6:10 Uhr. Unter dem Wand-TV auf einem Besuchstisch, zwischen einem Stapel Plastik-Kaffeebecher, lag Rattes grünspeckiger Wollmantel.
Der rattige Manteleigentümer schlummerte in einem hellgrauen Krankenbett und atmete gleichmäßig.
Vergiftung durch Alkohol und K.O.-Tropfen, Multi-Organversagen, lautete die Diagnose der Notaufnahme.
Auf einem Hocker kauerte Hamster übernächtigt an Rattes Fußende und zupfte sorgenvoll-ärgerliche Mäkeltöne aus ihrer bunten Cigar-Box Ukulele. „Der verdammte Melkschemel ist betonhart!“, neidisch schielte sie zum Krankenbett hinüber.
In diesem Moment öffnete Ratte genüsslich aber leicht benommen die Augen. Dann streckte er sich ausgiebig und gähnte, wobei ihm die Party an der Strandbar wieder einfiel. Heldenhaft, laut seiner Erinnerung, hatte er sich massenhaft Cocktails gleichzeitig reingeschüttet und musste Gewinner des Drink Contest geworden sein. Unverschämt gut gelaunt kicherte er: „Hehe, da habe ich ja wieder ne ganz schöne Rakete gezündet.“
„Don’t speak, I know just what you’re sayin’,“ murmelte Hamster und schmiss überreizt die Ukulele auf’s Bett, sodass klirrende Scheppertöne aus ihrem Hohlkörper stießen. Erstmalig in ihrer Freundschaft war sie wütend auf Ratte, der Vorwurf lautete: „Es war ne Horrorshow, du warst tot, sie mussten dich wiederbeleben!“ Ratte erschrak: „Am besten erstmal einen anständigen Vogelbeerbrandt auf den Schock, was?!“
Er lächelte zaghaft, in seinen Hirnwindungen breitete sich ein schneller Song von The Melmacs aus, der ihn in einen Tagtraum katapultierte. Er wollte wegrennen vor der Anklage, sich lotsen lassen durch punkige Melodien von Gitarren und Keyboard. The Melmacs schafften es, die Schiffbrüchigen zu erreichen mit Geist, schnellem Takt und einer fröhlich mitreissenden Powerpop-Melodie.
And you just keep on thinking What it's all about? And you just keep on drinking What it's all about? Deep in your heart Deep in your head You run away to understand (Run For Your Life, A-Seite, The Melmacs, Euphancholia) (Übersetzt: Und du fragst dich immer wieder: Worum geht es eigentlich? Und du trinkst immer weiter: Worum geht es eigentlich? Tief in deinem Herzen, Tief in deinem Kopf, Du flüchtest, um es zu verstehen)
Hamsters wachrüttelnder Appell traf sein Ohr: „Ey Ratte, wenn ich dich tot sehe, tut das verdammt weh. Hör auf zu trinken, oder es war das letzte Mal, dass ich dir geholfen habe!“ Im lähmenden Argen erstarrten beide hilflos unter diesen harten Worten.
Einige Wochen später hockten sie missmutig grübelnd zwischen mediterranen Blumenpötten in Altstadtgassen. Touristenströme drängten in die Frühlingsluft, eine silberne Pantomime machte flaue faxen. Hamster motzte: „Von wegen beautiful Beach-Life statt Winterstarre!“
Es war längst kein Urlaubsfeeling bei jedem Wetter am Strand zu schlafen. Zu zweit unter Rattes dreckigem, grünen Mantel im Sande zwischen faulendem Treibgut. Immer auf Abstand zu den anderen Streunern, die sie vorwurfsvoll anknurrten, genau wie ihre eigenen Mägen. Fressen sowie Schlafplätze waren knapp. Weder kannten sie jemanden, noch kannten sie sich aus. Keine hilfsbereite Opossum Stiefoma mit Wohnbus inklusive frischem Kaffee in Sicht. Die Rentnerin hatte sie stattdessen sitzengelassen, obendrein ihre geliebte Plattensammlung entführt.
„Dies ist ein dunkler Ort voll stechendem Sonnenschein,“ lallte Ratte vergrämt am Strohhalm seines Sangria-Hutes nuckelnd. Der Saufhut war prima unauffällig, kaum jemand sah, wieviel er schluckte. Er hatte den Partyhut im Strandgut gefunden, den Tank gewissenhaft nachgefüllt, wann immer er einen Rest Bier, Schnaps oder Wein fand. So ließ es sich bequem in der warmen Gosse liegen.
Natürlich wusste Hamster von Rattes alkoholischen Heimlichkeiten. Sie hatte ihr schwarzes Karatestirnband tief ins orangepelzige Gesicht gezogen, klimperte falsch auf der Cigar-Box Ukulele, die das Opossum ihnen hinterlassen hatte und sang maulig: „I know it sounds funny, but I just can’t stand the pain…“
Aus der Nähe drang plötzlich leidenschaftlicher Gesang herüber, der ihre trübsinnigen Gedanken verzauberte. Der Sound vom Marktplatz wurde untermalt durch die beste Gitarre, die sie jemals gehört hatten.
Can’t you feel my heartbeat? I’m going down on repeat! I’m dancing in the backstreets! I’m shaking! Can’t you feel my heartbeat? (Übersetzung: Spürst du nicht meinen Herzschlag? Ich bin total aus dem Häuschen! Ich tanze in den Hintergassen! Ich zittere! Spürst du nicht meinen Herzschlag?)
Aus einer violetten Phantasieform-E-Gitarre kamen magische Töne, ein Pracht-Feldhamstermännchen spielte das Instrument. Es schmachtete unter seinem salzwassergebleichtem Goldschopf hervor, dessen Surfer-Frisur ein rotgemustertes Bandana-Stirnband bändigte. „Schau dir den Schmalztypen da an!“, kicherte Ratte angeschickert, womit er Hamster freundschaftlich anstieß.
Hamsters Blick heftete sich interessiert auf den Strassenmusiker: „Hm, den kenne ich…“
Der Musiker war etwas größer als Hamster, auch seine schwarze Fellzeichnung an den Vorderpfoten war symmetrischer und die makellosen Beisserchen blitzten heller im Sonnenschein, eine rote Locke fiel ihm neckisch ins Gesicht.
„Ich kenne nur den Song, den dieser Superhamster in Beach Boy Stimmlage trällert,“ winkte Ratte ab, trotz Trunkenheit: „Das Lied ist von The Melmacs. Sängerin Bimmi Melmac singt es auf kämpferische Art voll Sehnsucht.“ „Perfekt bekommt der Strassenmusikant das hin,“ erschauerte Hamster wohlig. Dieser Song war weniger fröhlich, mehr verlangend. Mit großem Nachdruck in seiner Stimme wiederholte der Musiker an der Gitarre die letzten Strophen des Powerpop-Songs, verlieh dem ganzen tiefe Dramatik mit heißen Blicken in Hamsters Richtung.
Weeping hearts and a // Cardiac arrest I’m shaking, I’m faking Can’t you feel my heartbeat? (Deadbeat, B-Seite, The Melmacs, Euphancholia) (Übersetzung: Schluchzende Herzen und ein // Herzstillstand, Ich zittere, ich täusche nur vor, Spürst du meinen Herzschlag nicht?)
„Oha, diese pelzige Schmalzstulle,“ lästerte Ratte am Strohhalm saugend. Hamster jedoch war sprachlos und taxierte den Schönling erregt. „Das ist der Champion aus meiner alten Kampfsportschule!“, ihr Herz schlug schneller. „Er kann alles, was ich kann, nur angeblich besser. Wie ein makelloser Star, dieser Angeber!“
„Achtung, Ladies & Gentleman! Dies ist kein Durchschnittsfeldhamsterich – hicks – sondern der Märchenpriiiiiinz,“ stichelte Ratte.
Der Gitarrero hatte sich beeindruckend in Pose geworfen, spielte überirdisch.
„Kenne ich,“ rief Ratte schlau, „wieder The Melmacs, vom neuen Album EUPHANCHOLIA!“ Richtig, die LP war bei Bakraufarfita Records erschienen. Euphancholie war ein Wort des Autors Benedict Wells, aus dem Buch „Hard Land“. Seine Bedeutung: Sich stetig abwechselnde Euphorie mit Melancholie.
„Es gibt die 12 Inch-Platte in schwarz oder rot, mit Gatefold- oder einfachem Cover,“ schwärmte Ratte. Ihm gefiel die schwarz-weiß-rote Coverart von Sängerin Bimmi Melmac. Freilich wusste er, Max Melmac hatte das Producing übernommen. „Die Vinyl ist so knallrot wie ein Liebesapfel! Bald werde ich sie für unsere Plattensammlung zocken, Taschendiebe-Ehrenwort!“, versprach er Hamster, die ihm nicht mehr zuhörte. Gleichzeitig verträumt aber hellwach lauschte sie hingebungsvoll der Musik.
Als der Song endete, pries der Hamsterbock sich selbst an, wie ein Zirkusdirektor: „Ein Superstar in der Manege, kommt heran, nur heran!“ Interessiert starrte ihn sein Touripublikum an. „Heute habt ihr die seltene Gelegenheit, einen echten Doktoranden der Faculty of Music zu bewundern.“ Die Zuschauermenge applaudierte, Hamster klatschte fasziniert. „Pah!“, Ratte verzog die Nase. Das Feldhamsterkerlchen plusterte sich auf, rief lauter: „Nur heute könnt ihr mich gratis bewundern, statt horrenden Eintritt zu zahlen!“ „Der gibt ja an wie ne Tüte Mücken“, lästerte Ratte.
Mehr Touris blieben vor ihm stehen, um das Spektakel zu sehen, lauter „Oh’s“ sowie vereinzelte „Buh’s“ ob der Arroganz entwichen den Mäulern. Der Star polarisierte geschickt, bad Publicity ist auch Publicity, so kam niemand an ihm vorbei. Sogar die silberne Pantomime zuckte über den Trick missgünstig mit den Mundwinkeln. Hamster stierte zu dem selbsternannten Superhero herüber, ihr Interesse war längst geweckt.
Sie beobachtete, wie der Musikus die violette Unikat-Gitarre vor seinem wohlgenährten Wanst zurechtrückte. Bereits die ersten Akkorde des nächsten Songs von The Melmacs bauten die Spannung auf, die schließlich in ihrem treibenden Punk-Hit mündeten.
With a cry and a heavy heart You’re thinking about a bright new start And this time you can live without (Übersetzung: Mit einem Seufzer und schwerem Herzen, Denkst du an einen strahlenden Neuanfang, Und dieses Mal kannst du ohne leben)
Es war eine regelrechte Hymne zum mitsingen, des Publikums Zuneigung war entflammt. Die Glut entzündete Hamsters Begeisterung und brachte ihr Blut zum kochen. Sogleich fiel sie in den Chor ein, griff verzückt-verquere Akkorde, die den Hamsterhero hingebungsvoll begleiteten. Ratte hingegen mochte den Angeber wenig, betankte sich mit Alk aus dem Hut, wurde unfreiwillig mitgerissen, klopfte mit dem Schwanz im Rhythmus und tanzte trotzdem alsbald vor Freude schlaksig hüpfend auf den Hinterpfoten herum. Die musikalische Message war unglaublich inspirierend.
You’re full of passion Hungry for action So keep on (Übersetzung: Du bist voller Leidenschaft, Du bist voller Tatendrang, Also mach weiter so)
Immer mehr Umstehende machten mit, jubelten oder imitierten Instrumente. Eine einzigartige Großband entfesselte sich in der Euphorie des flüchtigen Moments, die Kanalratte am Gehstock klackerte mit Getränkedosen steppend im Kreis, klatschte sich ab mit einem opernreif jaulenden Zwerghamster, Ratte pfiff softe Panflötensounds auf einer leeren Bierpulle, Hamster krakeelte schief im Chor mit vielen anderen Stimmen. Nur Glück, nur der Augenblick – weitermachen, alles wird gut.
A life on delay A shut highway Keep on (Keep On, B-Seite, The Melmacs, Euphancholia) (Übersetzung: Ein Leben im Stillstand, Eine gesperrte Autobahn, Mach weiter so)
Es war ein Konzertstrudel, der alle in sich hineinsaugte. Selbst die Pantomime hüpfte theatralisch tirilierend von der Kiste, vergaß jedwede Rivalität. Liebe, Liebe, Liebe! Der spontane Mob auf dem Marktplatz flippte aus, als würden die vier Melmacs höchst persönlich ein Konzert geben.
Der Hamsterkerl entlockte seiner sündhaft teuren E-Gitarre die bezauberndsten Töne. Beim nächsten Song schaffte er es auf wundersame Weise, dass die lila Phantasmaphon Guitar die elektrisierenden Klänge einer vierköpfigen Band inklusive Keyboard hervorbrachte. Einem Mirakel gleich waberten die Töne aus dem Verstärker, umflossen den Marktplatz, schlossen alle Aufmerksamkeit ein, umgarnten Hamster und erotisierten sie. Es war ein kurzes, unbestritten knackiges Liebeslied von The Melmacs, das Richard Melmac absolut rockig schnell auf der Gitarre spielte. Der Hamsterheld machte es grandios, kaum sah man Pfoten beim Wirbeln über die Saiten. Ratte glotzte ehrfürchtig auf die schwarzen Feldhamsterpfötchen, die mit enormer Geschwindigkeit über die Saiten kletterten. Hamster bekam einen glasigen Blick, fieberheißen Atem.
Let’s start the game and you Look for a lighter to inflame the sparks I hide Sometimes it kinda eats me up Sometimes I can only laugh teardrops Keep on falling Keep on falling all the time (Falling, A-Seite, The Melmacs, Euphancholia) (Übersetzung: Lass uns das Spiel beginnen und du, Such ein Feuerzeug, um die Funken zu entzünden, die ich verstecke, Manchmal frisst es mich regelrecht auf, Manchmal kann ich nur Tränen lachen, Sie verlieben sich weiter, Sie verlieben sich die ganze Zeit)
Ratte war jetzt unhaltbar, verdrängte alle Verachtung für den Angeber, wie ein Teufel im wehenden grünen Mantel fegte er freudig tänzelnd über den Platz und schrie:. „Hehe, der Dude ist der Knaller!“ Ja, der Funke war endgültig bei jeder einzelnen Figur im Umkreis übergesprungen. Hamster versank mit rasendem Puls im Geklimper ihrer Cigar-Box Ukulele und dachte gierig an sexy Dinge. Der großartige Hamsterheld war eben ein Ausnahmetalent, natürlich hatte er jeden Melmacs-Song perfekt drauf, das Konzert war überwältigend gut, alle Herzen waren erobert, besonders das von Hamster. Mitten im Höhepunkt war das Lied vorbei wie guter Sex und der letzte Song gespielt. Melancholie machte sich breit, als dies Gewissheit wurde, Euphancholie. „Zugabe“ wurde drängelnd geraunzt, wenig nützte die Quengelei.
Zufrieden nach der Supershow kam der Goldkerl mit der roten Bandana lässig zu Ratte und Hamster geschlendert. „Hey Good Lookin‘, das ist ja eine Überraschung,“ adressierte seine wohlklingende Stimme Hamster. Sie kannte seinen Namen: „Hi Korenwolf, wie geht’s?“
Der fesche Typ blickte Hamster tief in die Augen: “Mein Künstlername lautet neuerdings Hank Heavyheart, Hamster Baby.“ Das war schon der zweite Lyrics-Spitzname für Hamster, was ihr sichtlich schmeichelte. „Ein Songversteher,“ lächelte sie verführerisch und unwiderstehlich.
Der Hamstermacho rückte näher und fuhr fort: „Du scheinst mir ziemlich talentiert, my Sharona. Bin grad auf Tour mit meinem Beiwagen-Motorrad. Wenn du willst, kannst du aufsteigen als Backgroundsängerin mit Begleit-Ukulele. Wie klingt das für dich, Honey Pie?“
Sofort antwortete sie unverblümt wollüstig und auf jeglichen Anstand pfeifend: „Logisch bin ich dabei!“
„Moment mal,“ gab Ratte keuchend zu bedenken, fuhr ungeschickt stockend, dennoch wahrheitsgetreu fort: „Das klingt irgendwie total übertrieben, so gut spielst du jetzt auch wieder nicht. Wo ist der Haken?“ Hamster war sichtlich erbost, ja beinahe kampfbereit: „Es gibt keinen Haken!“ Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, zeigte sie allen die Zähne, die sie aufhalten wollten, selbst Ratte.
„Ratten und Hamster können kein Paar sein,“ feixte das Feldhamsterkerlchen mit der roten Bandana, derweil es grunzend Pheromone ausdünstete.
Prompt kam die Erwiderung von Hamster: „Oh doch! Wir sind allerbeste Freunde, Ratte kommt mit.“ Umständlich strich der Hamstermacker seinen Backenbart glatt: „Sorry Buttercup, auf dem Sozius ist leider nur ein Platz frei, im Beiwagen fährt meine original handgefertigte 1977er Phantasmaphon E-Gitarre.“
Als des Märchenprinzen Schwert ihn mit diesen Worten langsam niederstreckte, war Ratte sehr durcheinander. Er sah Hamster förmlich die lüsterne Circe ins Gesicht geschrieben, sich selbst als viertes Rad am Beiwagen, vollkommen überflüssig war er hier.
„Komm schon, bleib lieber hier,“ meldete er sich elend zu Wort.
„Wir sehen uns, ciao,“ sagte Hamster knapp und drückte Ratte fest zum Abschied. Das Musikwunder, gemacht aus Melmacs Songs und Supertyp mit Wundergitarre, wirkte bei ihr. Es war die vielbeschriebene Kraft der Musik, die vielleicht nicht immer von Vorteil war, wie Ratte jetzt einsah. Jetzt jedenfalls dachte Hamster offensichtlich nur noch an wilden, hemmungslosen Sex. Klar war sie Vamp und nahm sich, was sie wollte.
Ratte hasste es, wie unvernünftig Hamster auf einmal war, das war doch seine Rolle? Vergessen waren die supportiven Zeiten für ihn, verpufft auf Wolke sieben! Rote Triebe an den Bäumen, hellgrüne Triebe im Herzen, Frühsommer Encephaloromantitis. Frivol trillerte Hamster endgültig dopaminverrückt geworden: „Veronika, der Spargel wächst!“ Dazu rückte sie keck ihr Karatestirnband in Pose und setzte einen unwiderstehlich mörderischen Schlafzimmerblick auf, während sie ihre Speck-Taille attraktiv fülliger aussehen ließ, als sie in Wirklichkeit war.
Hank Heavyheart grinste leicht eingeschüchtert, doch siegesgewiss: „Als Tour-Catering gibt’s Regenwürmer mit Kahlúa-Geschmack. Du kannst mir im Gegenzug einen kleinen Gefallen tun und meinen vom Gitarrengurt verspannten Nacken massieren, Babe.“ Hamster lächelte großzügig und machte eine Ansage: „Klingt interessant, Massage will ich auch, aber Babe ist mir echt zu platt. Meinetwegen mache ich heute eine Ausnahme, ansonsten bleibt es hoffentlich bei den nicen Lyrics Spitznamen.“
Hanks weißlackiertes Beiwagen-Motorrad hatte einen vergoldeten Motor, eine verchromte Auspuffanlage, weiterhin einen weißen Ledersattel mit Fransen, on Top Chrom-Felgen mit vergoldeten Speichen und folierte Goldsterne auf dem Wagen. Anstelle von Satteltaschen prangte eine Riesen-Stereoanlage, überdies pendelte ein schneeweißer Katzenschwanz an biegsamer Antenne. „Meine Maschine!“ Hank Heavyheart zeigte Hamster und dem ungläubigen Ratte großkotzig sein Bike. Dann legte Hank die E-Gitarre so zartpfotig in den Beiwagen, als sei es seine einzige Geliebte, und setzte sich mit laszivem Blick die einzige Sturmbrille auf.
„Irgendetwas an dem Heini ist faul, was hat er, was ich nicht hab“, dachte Ratte eifersüchtig. Er rieb sich seine Schnapsäuglein, trotzdem blieb es ihm schleierhaft. Hamster, die sonst Skeptikerin war, hatte sich komplett in eine Femme fatale verwandelt und war auf den Bock hinter Hank gesprungen. Unglaublich!
Plötzlich durchzuckte Ratte ein ungeahnter Kampfgeist, er musste sie stoppen, wollte nicht alleine sein. „Halt!,“ schrie er aufgebracht, torkelte aktionistisch los, trat stolpernd auf seinen Mantelsaum, taumelte kurz, fing sich wieder. Es war zu spät, das Gespann brauste schmutzig röhrend unter seinen fassungslosen Blicken davon. Vor Husten schwankend blieb er in einer Staubwolke allein zurück.

Aus den Boxen von Hank Heavyheart’s Stereoanlage wummerte ein Song von The Melmacs, er klang im Original roh, erinnerte an einen typischen Rocksong, passte zum Motorbike, layed back mit ausgedehnten Beats von Schlagzeuger Conni Melmac. Der knarrige Sound klang dreckig, als liefen im Hintergrund Motoren. Ein leicht durcheinander singender Chor performte das Original. Auch am Strassenrand johlte jetzt ein Chor ausgelassener Touris mit einem Sauf-Eimer.
Riding high in the electric night We got a place to go Riding high in the electric night And we find a space to glow It’s the last time I should be fine Better off, go-o-o-o!
Der Fahrtwind drückte sich nervig in Hamsters ungeschützte Augen. Dieser Ego-Lover hatte für sie keine Sturmbrille dabei gehabt, dies Techtelmechtel war eine einzige Ausnahme. Trotzdem fühlte sie sich in diesem Moment absolut hot, kreischte heisse Euphorieschreie in den Sturm. Die laute Musik, die Power des Motorrads, Hank Heavyheart’s Bauchmuskeln unter wohlgefüttertem Winterspeck. Hamster gab ihm einen Schlag auf den wolligen Hintern und rief: „Gib Gas, sexy Hanky-panky!“ Hank zuckte erschrocken zusammen, Hamsters Temperament hatte er wohl nicht mitgerechnet. Mit waghalsigen Stunts ging es zu den Beats des Melmacs Song voran.
Driving backwards on the highway I don’t believe in dying, no! (Electric Night, B-Seite, The Melmacs, Euphancholia) (Übersetzung: Rückwärtsfahren auf der Autobahn, Ich glaube nicht an den Tod, nein!)
Krasse Lenkmanöver in den Kurven, abgehoben wirbelte der Beiwagen über den Boden, Adrenalin kickte rein im Vorspiel. Triumphsucht über die eigene Verletzlichkeit, dazu alle Sinne auf Erotik geschärft. Die Frühlingssonne blendete grell, die dunkle Straße unter ihnen widersetzte sich wild windend wie eine schwarze Kobra, als Hank Heavyhearts Motorrad sein Gummi in ihr schlangenartiges Rückgrat massierte.
Als der Staub sich gelegt hatte, setzte Ratte sich mit tauben Gefühlen in Bewegung. „Denk nach“, stammelte er, klopfte mit der Pfote an seine pochende Schläfe, wanderte melancholisch hinterher. Was war bloß passiert?
„Es liegt am Schlamassel, niemals am Schnaps,“ quetschte er nach einer kleinen Trinkpause erleuchtet hervor. „Ich muss aufhören Pech zu haben, dann wird alles gut. Bald werde ich der neue Ratte sein.“ Glorreich sah er sich mit glänzendem Fell samt straffer Muskulatur sowie frisch gewaschenem, aprilgrünem Mantel. So würde er Hamster die Plattensammlung zurückbringen und ihr obendrein einen Riesenstapel Langspielplatten schenken, die sie zusammen hören würden. „Sie wird staunen!“, kicherte er beschwipst.
Er nahm einen Schluck aus seinem Suff-Hut, als ihm bei scharf brennendem Geschmack ihre Worte einfielen. „Ich soll aufhören zu trinken, hat sie gesagt,“ murmelte er, „aber nein, bin zu blöd.“ Ihm gefiel es, sich für unfähig zu erklären, um untätig zu bleiben. Mit tiefen Zügen schnullerte er beruhigt an seinem Strohhalm, in welchem sich die Nagezähne sicher verankerten.
Da war er wieder, dieser hart fordernde Durst, den er im Moment tiefster Hoffnungslosigkeit am stärksten spürte. Ein Song von The Melmacs fiel ihm ein. Gequält begann er zu summen, um sich Mut zu machen. Minimalistisch mit Schlagzeug und Bass startete dieser Song, gab mit der Rhythmussektion ein festes Schritttempo vor, zu dem er loswanderte.
Im Originalsong setzte eine Anrufbeantworteransage ein: „Please Record your Message…“ Was wollte er Hamster sagen, die Gedanken überschlugen sich in seinem Kopf.
Genau wie Sängerin Bimmis Stimme gingen seine Worte in der einsetzenden Gitarrenmelodie unter. Eingängig war sie, wie eine perlender Kreis drehte sie hinter seiner Stirn. Weinerlich dachte er erst an Hamster, dann an die verschollene Plattensammlung, schaute auf krumme Pfoten, die nackt und einsam über harten Strassenbelag tapsten. Es waren seine Pfoten! Mit einem erschütternden Aufschrei schleuderte er seinen Trinhelm gegen einen Baum.
The little trip down the memory lane Is kind of driving you insane The green moss on the pavement stones Tells a story of broken souls It’s quite deep, you and me I’m quite deep, low-key (Bad Seeds, A-Seite, The Melmacs, Euphancholia) (Übersetzung: Die kleine Reise auf der Strasse der Erinnerung, Macht dich irgendwie verrückt, Das grüne Moos auf den Pflastersteinen, Erzählt eine Geschichte von gebrochenen Seelen, Es ist ziemlich tief, du und ich, Ich bin ziemlich am Boden)
Tja, wer hätte gedacht, dass es einmal soweit kommen würde? Es war ein ungeschriebenes Gesetz, „Hamster haut Ratte da schon raus, best Friends forever“, aber nun ist die Freundschaft mitsamt Plattensammlung futsch. Hamster macht sich derweil selbst mal einen schönen Ego-Trip. Tiefer kann Ratte echt nicht mehr sinken, oder? Ob das so bleibt oder gar schlimmer wird, erfährst du in der nächsten Folge, wenn es wieder heißt: Hamster und Ratte hören gerne Platte.
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Die LP zum Soundtrack, das Album Euphancholie von The Melmacs, bekommst du zum Beispiel bei Bandcamp im Band-Shop. Eine ausführliche Review zur LP hat euch noch der Sebastian geschrieben.
Lösung Songzitate:
„Don’t speak, I know just what you’re sayin’,“ Don’t Speak – No Doubt
„I know it sounds funny, but I just can’t stand the pain,..“ Easy – Faith No More
„Veronika, der Spargel wächst!“ Veronika, der Lenz ist da – Comedian Harmonists
Spitznamen für Hamster aus Lyrics:
Hamster Baby – Bikini Kill
Honey Pie – The Beatles
Hey Good Lookin‘ – Hank Williams
My Sharona – The Knaack
Build me up, Buttercup – The Foundations
Video: The Melmacs – Run for your life

