Eine neue Episode Rattster ist hier, die Fortsetzungsgeschichte mit den beiden musikliebenden Nagernerds Hamster & Ratte.
Vorwort für Newbies: Beim Roadtrip auf der Suche nach ihrer Plattensammlung entdecken die Hauptfiguren immer neue Musikalben als Soundtrack, denn Hamster und Ratte, hören gerne Platte!
Die Vinyl-Alben stellen sie in einer Illustration mit Hamster, Ratte und Platte vor. Alle Figuren haben in unterschiedlichen Phantasien ihren eigenen Style. Deshalb lassen sie sich sehr gerne von verschiedenen KünstlerInnen illustrieren. Die heutige Illustration brachte Crizl für Rattster zu Papier. Vielen Dank dafür!
Es gibt neben musikalischen Neuentdeckungen der letzten Monate auch immer wieder alte Songs der letzten Jahrzehnte zu finden. Hamster hat eine Eigenart zu sprechen und macht gerne 1-2 Zitate von älteren Lyrics im Dialog. Vielleicht erkennst du die Songs an den kurzen Text-Ausschnitten? (Die Lösung gibt’s am Ende)
Wer wissen will, was vorher geschah, findet im Rattster Archiv alle Folgen. Sortierung: Staffel 1, Folge 1, ist ganz hinten. Es gibt bisher 14 Folgen in zwei Staffeln. Alles feine Handarbeit von Menschen mit echten Gefühlen, Ideen und Gedanken. Hier gibt’s genau null Prozent künstliche Intelligenz.
Ach halt, wenn ich Ki schon beim Storytelling nicht mitmachen lasse, kann ich ja mal fragen, was sie über die Rattster Story ausspuckt :
„….The story can be found among other episodes on Vinylkeks, where readers can explore the ongoing adventures of Ratte and Hamster, set against the backdrop of compelling music. The universe created around Rattster extends beyond just a story—it becomes a vibrant tribute to music lovers and the power of art.“
(Verwendete KI: DuckDuck Ai)
Viel Spaß beim Lesen!

Rattster „am Ende“
(Staffel 2, Folge #7)
Soundtrack: TON STEINE SCHERBEN feat. BIRTE VOLTA – Staub & Straße
Die letzten Blätter waren gefallen, die Äste ragten wie schwarze Skelette in den bleichen Himmel. Wenn sich die Sonne senkte oder stieg, brannte der Himmel oft in einem leuchtenden Feuer und umgab die toten Äste, als wäre dies eine flüchtige Form von Blüten ohne Laubgewand. Ratte hatte lange nicht mehr gesoffen und damit seiner Opossum-Stiefoma bewiesen, er konnte es allein schaffen.
Die grauhaarige Beutelratten-Oma im Blaumann interessierte sich jedoch seltsamerweise nicht dafür, sie rauchte oft nachdenklich Pfeife in letzter Zeit. Mit Karacho und wenig adventlicher Hygge bretterte sie altersblind die Landstraße flussaufwärts, Vollgas über Bodenwellen und Strassenschäden, dass es nur so knallte. Schwerer Räucherstäbchenduft waberte vom Dashboard neben einem mittlerweile staubigen, graugrünen Bastel-Tannenbäumchen aus Rattes Kindertagen. Blinkende LED’s wurden aus dem Zigarettenanzünder des umgebauten Oldtimer Schulbusses genährt. „Merry Christmas,“ brummte Opi, das greise Opossum abwesend. „Happy Christmas, your arse, I pray God it’s our last,“* fluchte Hamster zurück.
Das greise Beuteltier terrorisierte sie schon ungefähr seit letzte Weihnachten mit ihren Henkers-Fahrkünsten. Kaum konnten sie Luft holen im X-Mas-Nebel aus Weihrauch und Patschuli. Rattes grüner Wollmantel hatte sich darin so vollgesogen, er würde glatt durchgehen als lebendiges, grünes Räuchermännlein. Immer schlimmer vermisste er die geliebte Vinylsammlung. Von wegen, Opi würde wie versprochen helfen, sie zurückzuerobern. Er war zutiefst enttäuscht, hatte den Glauben daran verloren.
In solchen Momenten half ihm Musik. Sie befreite, heilte, machte Mut und ließ die Welt nicht mehr ganz so trübe erscheinen. Mit der Spitze seines Rattenschwanzes trommelte er erst nervös, bald immer kräftiger auf die Sitzlehnen. Der Beat lies seinen ganzen Körper mitgehen, ekstatisch trommelte er sich immer weiter in Trance. Dann sang er laut einen bekannten Ton Steine Scherben Song. Er fühlte sich so sehr abgeholt von diesem Lied, hielt in seinem Herzen Rio Reiser’s Stimme, ließ sofort alles frei mit dem Gesang und hielt sich an seiner Liebe fest.
Wenn der Novemberwind deine Hoffnung verweht Und du bist so müde, weil du nicht mehr weißt, wie's weitergeht Wenn dein kaltes Bett dich nicht schlafen lässt: Halt dich an deiner Liebe fest (Halt dich an deiner Liebe fest, Download, Staub & Straße, TON STEINE SCHERBEN feat. BIRTE VOLTA)
Da fiel sein Blick auf das schwarz-weiß Plakat im Schummerlicht einer Laterne. Drei von hinten angestrahlte Silhouetten waren darauf zu sehen. Überschrift: „Geburtstagstour: 75 Jahre Rio Reiser und R.P.S. Lanrue“. Darunter stand: „Funky und Kai von TON STEINE SCHERBEN feat. Birte Volta“. Seine erste LP war von Ton Steine Scherben! Die Rockmusik mit rebellischen Texten war genau, was er damals gebrauchen konnte. „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“, hatte er gebrüllt. Nun gab es ein Konzert von zwei Gründungsmitgliedern dieser Band und einer neuen Sängerin. Verflogen war sein Kummer, er konnte es kaum erwarten: „Da müssen wir hin, Hamster!“ „Ja! Die Show will ich sehen!“, quiekte Hamster enthusiastisch.
Kreischend rissen Zweige tiefe Riefen in gelbe Lackschichten, das Vehikel stoppte mit einer Vollbremsung im Gebüsch. „Endstation! Wir pausieren hier,“ verkündete das dünnhaarige Opossum und verzog sich mal wieder in seine Werkzeugecke. Hamster zündete ein knisterndes Lagerfeuer an, dort saßen sie nah beieinander. Unfokussiert starrte Ratte in die Flammen und gedachte voll trautem Herzschmerz ihrer vermissten Plattensammlung, während das agile Oldpossum drinnen sägte, hämmerte und schliff.
Das Feuer prasselte schon und sie hockten im warmen Widerschein vor dem gelben Bus, da präsentierte Opi stolz ihr selbstgebautes Musikinstrument. Ratte staunte: „War das mal eine Zigarrenkiste?“ „Ach, das könnte eine Art Ukulele sein,“ rief Hamster aus. Ein frecher Klimpersound erklang, als das Opossum flüchtig die Saiten zupfte. „Ich dachte, ich schenke euch nachträglich was zu Weihnachten. Wie wär’s mit einem Lagerfeuersong, Kinders?“, fragte es und schlug Akkorde auf der bespannten Holzkiste.
Sie spielte einen Song, den Ton Steine Scherben Drummer Funky K. Götzner geschrieben hatte, als er kopfüber an einem Seil hing. Der Song war auch auf der 2025er Live-Platte „Staub & Straße“, wo ihn BIRTE VOLTA sang. Mit rauer Stimme und mit viel Tiefgang wurden sie davongetragen, ließen die Blicke treiben auf dem fließenden Strom. Zum Rhythmus tanzte das flackernde Licht des Feuers in kleinen Fragmenten auf den Wellen des dunklen Flusses, der die Wolken und den Nachthimmel spiegelte.
Nur Fahrtwind und die Wellen lauschen Ich fühle mich wie Meeresrauschen Lass mich in die Wolken fallen Und tauche in die Himmel (S.N.A.F.T., Seite A, Staub & Straße, TON STEINE SCHERBEN feat. BIRTE VOLTA)
Als der Himmel morgens hell wurde, bemerkten sie die Autobahnbrücke, die sich entfernt auf mächtigen Betonpfeilern über den Fluss stützte, wie ein graues Chamäleon auf dem Ast. Hier waren sie vor vielen Wochen von der Brücke gestürzt und fortgespült worden. In der nahen Stadt war ihre vermisste Plattensammlung das letzte Mal gesehen worden. Sie waren fast am Ziel!
Ratte betete auf der Fahrt beklommen um die Plattensammlung. Schützend verborgen unterm weichen Futter seines löchrigen, grünen Mantels tobte der innerliche Kampf zwischen katastrophisieren und Wiedersehensvorfreude. Irgendwo in den Beulen seiner Manteltaschen stieß seine Pfote plötzlich an das kühle Metall des Dachschlüssels. Er kicherte aufgekratzt über den absurden Einfall: „Was, wenn unsere Plattensammlung wieder auf dem Dach im alten Taubenschlag liegt…?“ „Du meinst, diese einfältigen Killerkatzen lassen sich ungern ein neues Versteck einfallen?“, überlegte Hamster.
Es war schon spät, als sie bei Hofratte’s Kellerkneipe ankamen. Draußen hing das Tour-Plakat, das sie unterwegs gesehen hatten. Oh yeah, das Konzert war schon in vollem Gange. Sofort wirkte die Kraft der sich bewegenden Massen auf ihre Körper. Sie wurden davon physikalisch angezogen, zum Sound von Gitarre, Bass und Percussion gespült, schwammen in den wallenden Wogen der Publikumsmenge. Archaische Rockmusik mit Cajon, Akustikgitarre und Bass schallte ihnen entgegen. Die rohe Energie übertrug sich auf Ratte und Hamster. Auf Barhockern saßen der Bassist Kai und die Sängerin Birte Volta mit der Akustik-Gitarre, der Drummer Funky saß salopp auf einem Cajon.
Dicht versammelt bewegte sich das Publikum im Tanz vor der kleinen Bühnenecke. An weiß gekalkten Wänden mit schwarzen Spinnweben flackerte Kerzenschein im Takt über uralte Konzertplakate. Der Lichtschein der Bühnenbeleuchtung strahlte warme Lichtwellen, Schallwellen fluteten den Raum mit Musik, sie brachten die Energien und Leiber der Tanzenden zum Schwingen, ein Konglomerat Gefühle floß an die Oberfläche.
Das ältliche Opossum seufzte ungewohnt schwer. Unbekannt war Heimweh der großen Weltenbummlerin immer gewesen, doch jetzt rann ganz unerwartet eine Träne hinab und verkroch sich beschämt in ihrem weißen Backenbart. Sie hustete traurig, der süße Rauch der Pfeife schmeckte bitter. Hier hatte sie Opa kennengelernt.

Birte Volta sang eindringlich den emotionalen Rio Reiser Song „Für immer und dich“, voller Leidenschaft, Liebe und Schmerz. Öfter als beim Original machte die Sängerin den Einwurf „Wo immer du bist.“ Opis Gefühl von Einsamkeit verstärkte sich, als die Zuschauenden sich einiger im Takt wiegten, sich fester aneinander schmiegten, enger umschlungen tanzten. Die Lücken zwischen ihnen wurden schmaler, schlossen sich bald ganz, schmolzen zu einem undurchdringlichen Gemeinschaftskörper im Klang der Musik. Berauschende Oxitocinausdünstungen der Menge ließen Hamster und Ratte die ganze Welt vergessen, inbrünstig sangen sie Arm in Arm jede einzelne Zeile mit.
Für dich Und immer für dich Egal, wie du mich nennst Egal, wo du heut pennst Ich hab so oft für dich gelogen Und ich bieg dir noch ′n Regenbogen Für immer und dich Wo immer du bist (Für immer und dich, Seite A, Staub & Straße, TON STEINE SCHERBEN feat. BIRTE VOLTA)
Als das letzte „Wo immer du bist“ verklungen war, hörte Hamster im brandenden Applaus, wie Ratte den Satz hypnotisiert wiederholte: „Wo immer du bist… wo immer du bist.“ Der Satz war die Initialzündung, die seine Sicherungen durchbrennen ließ. Er wollte die geliebte LP-Sammlung zurückhaben, jetzt gleich! Wie ein Roboter pflügte er sich durch das dicht gedrängte Publikum zur Dachtreppe. Dabei trat er einer punkigen Farbratte auf die Pfote, rempelte eine schmuddelige Albinoratte an, verschüttete einer Dritten das Bier, bekam von einer Vierten einen Knuff in die Rippen und raste weiter. Niemand konnte ihn stoppen!
„Stop! Geh nicht allein, das ist lebensgefährlich!“, kreischte Hamster hinterher und baggerte sich wie eine rotbraune Flauschkanonenkugel durch die Menge. Es war extrem riskant auf dem Dach. Die Katzen fackelten nicht lange, jeden Plattendieb sofort zu zerfetzen, der es wagte in ihr Terrain einzudringen.
Plötzlich stellte sich ihr die alte Beutelratte breitbeinig in den Weg: „Ich komme mit!“ „Kommt gar nicht in Frage,“ versuchte Hamster die feiste Seniorin abzuwimmeln. Das alte Opossum mit der blauen Arbeitshose blieb unbequem, stampfte aufbrausend mit der Pfote: „Ich habe gelobt, erst weiterzufahren, wenn ich die Plattensammlung für euch gefunden habe. Ausserdem hassen Katzen Beutelratten!“ Das war ein Argument. „Na, gut!“, resignierte Hamster besorgt.
In der Dachtür steckte der kleine Schlüssel, den Ratte benutzt hatte. In einem erschreckend desolaten Zustand fanden sie ihn bald auf dem Dach. Er kauerte direkt vor der Tür des ehemaligen Taubenschlags. Hamsters Atmung machte einen Aussetzer. „Achtung! Rattengift!“, lasen sie auf einem Schild an der Tür. Um das Lager herum war ein undurchdringlicher Todesstreifen von saphirblauen Giftködern ausgelegt. Auf allen vieren kroch Ratte seltsam ataktisch zwischen den blauen Körnern umher und brabbelte wirr. „Hihiiiiiiih, ohhhhh! Jemand hat hier eine Packung blaue Knusperkörner verloren. Hehe-ohhhh-jaaaa-ja-ja-ja-ja!“
Ratten sind klug und sehr vorsichtig, probieren erst winzige Happen, denn die Dosis macht bekanntlich das Gift. Doch bereits eine schwache Dosis dieses grellblauen Neurotoxins schien Ratte superhigh zu machen. Offensichtlich hatte er schon einige nervengiftverseuchte Körnchen intus. Er griente Hamster irre an und krächzte das eben beim Konzert gehörte Lied: „…Ich hol den blauen Mo-hond für dich, ahhh-ohhhh, wo immer du bist…mhhh…“ Die blauen Körnchen in seiner Pfote streckte er dabei seinem gierig geöffneten Schlund entgegen. Er wollte mehr davon!
„Nein!“, Hamster war mit einem Satz bei ihm. Sie schlug seine Pfote fort, sodass die giftblauen Körner umher spritzten. „Uäähh, was soll das?“, heulte Ratte und wollte die Körner wieder aufsammeln. „Die nächste Ratte, die sterben muss aus Neugier und Gefrässigkeit,“ stöhnte Hamster verärgert. Da schoben graue Pfoten sie selbstbewusst beiseite und klaubten die Körner zusammen. Ehe Hamster es realisieren konnte, passierte es. „Orale Giftmüll-Entsorgung“, erklärte Opi und mit einem Haps warf sie sämtliche Körnchen ins weißbärtige Maul und schluckte.
Nun würde sie qualvoll und langsam verrecken. Hamster schniefte: „Opi, du darfst nicht sterben!“ Doch das Opossum war von altmeisterlicher Gelassenheit, ja filmreif: „Opossums immun sind gegen Gift. Ich zwar tattrig bin, aber mein Blut noch voller Peptide ist.“ „Lass mal den Yoda-Quatsch in so einer Situation, bitte! Was soll das heißen?“, fragte Hamster entgeistert. „Na, so ein winziges Portiönchen Rattengift snacke ich wie Chips“, war die Antwort. Dann rülpste Opi und zündete sich die Pfeife an. Hamster begann das Opossum aufrichtig zu bewundern, doch es war keine Zeit zu verlieren, jeden Moment konnten die Mörderkatzen zurückkommen.
Mit einem kurzen Hamusuta Rundumkick zersplitterte Hamsters Hinterpfote die Holztür. Sie schob konzentriert ihr Karate-Stirnband gerade, tat einen angespannten Schritt auf den ehemaligen Taubenschlag zu und rief mutig: „ACAB – All Cats Are Bad!“ Dann lauschte sie furchtsam, aber kampfbereit, ins lauernde Dunkel. Doch im Inneren des Holzverhaus blieb es still. Vorsichtig leuchtete Hamster mit der Handytaschenlampe in den dämmrigen Taubenschlag.
Dort im Zwielicht hinter der zerborstenen Tür stand neben allerlei Merch-Müll ihre wertvolle Plattensammlung in einer alten Bananenkiste. Opi hatte ihr Versprechen eingelöst. Erstickt vor Glück, hielt Ratte eine Platte ins digitale Taschenlicht. Hamster schaute Opi ernst an: „Danke.“ „So bin ich,“ erklärte das Beuteltier und paffte voll Genugtuung seine Pfeife.
Geschafft, sie waren am Ziel! Ratte streichelte die LP’s liebevoll und ließ den kundigen Blick eilig nach Kratzern über das Vinyl gleiten. Ja, sie waren vollständig und intakt. Sogar seine erste LP, das kartonfarbene Ton Steine Scherben Album „Warum geht es mir so dreckig“ aus der David Volksmund Produktion war noch da. Es war das allererste Album der Band, die er heute live gesehen hatte, und sein ältestes Sammlerstück. Er hatte die LP von Opa bekommen. Opi stopfte umständlich ihre Pfeife und hüllte sich in Rauchschwaden, damit niemand ihren Heimschmerz erriet. „Opi, kannst du uns in unseren Unterschlupf fahren?“ Zuckersüße Egelsenkel, verflogen war der Zoff der letzten Monate, Oma-Taxi forever! Das Opossum antwortete gedankenverloren: „Mmmh-mh, Kinders.“
Hamster packte bald darauf die gerettete Plattensammlung in den klapprigen, gelben Oldschoolbus des nordamerikanischen Beutlers. Zusammen mit den neuen Platten von der Reise war ihre Sammlung besser als je zuvor. Ratte hatte sogar schon die schwarze Vinyl „Staub & Straße“ von Kai & Funky von Ton Steine Scherben feat. Birte Volta gemopst. „Ich werde etwas vorschlafen für die Fahrt,“ sagte das Opossum und gähnte betont. „Okay, bis später!“, winkte Hamster.
An der Bar bei Hofratte feierte Ratte schon überschwänglich mit vergorenem Biotonne-Punsch die zurückgeklaute Plattensammlung. Er freute sich wie Bolle, sang auf dem Tresen tänzelnd ausgelassen beim Konzert mit oder schrie übermütig: „Für immer und dich!“ Obendrein gab er an mit ihren Abenteuern, wie ne Tüte Mücken. „Driving home for Christmas with a thousand memories,“** kicherte die nachtaktive Hamster bei einem Kaffeebier. Hofratte schmökte an ihrer Zigarettenspitze und schmunzelte. „Congrats Darlings, ihr habt den Killer Cats einen Giftmord vermasselt.“ Gut gelaunt feierten sie das erfolgreiche Ende ihrer Odyssee.
Als sie spät nachts ausgelassen auf die Strasse schwankten, schlug das Schicksal jedoch erneut die Tür vor ihren Schnauzen zu. Mit Entsetzen bemerkte Hamster, „der rostige, gelbe Schulbus ist fort, mitsamt Plattensammlung und Soundmaschine!“ Ein Zettel mit krakeliger Altpossum-Schrift flatterte am Hals der Cigarbox Ukulele, die verlassen im Rinnstein lehnte: „Frohe Weihnachten, Kinders“, stand darauf.
„Das gibt’s doch gar nicht, dieser alte Beutelteufel!“, wetterte Hamster empört. Ratte steckte das winzige Saiteninstrument in seine Manteltasche und murmelte verstört: „Sie, sie ist nur vorgefahren, ja-haa!“ Ihm wurde ganz blümerant, als er sich vorstellte, wie Opi im waghalsigen Fahrstil mit seiner geliebten Plattensammlung durch sämtliche Schlaglöcher ballerte und dabei alles zerbrach. Seine Beine wurden zwei wabbelige Teiglinge, blähten sich hefemäßig auf, die Luft entwich oben aus einem Loch in seinem Herzen und er sank als Flatschen in sich zusammen.
Als er so in seiner luftleeren Hülle am Boden darniederlag, fragte er sich betroffen, warum immer ihn das Pech verfolgte. Stampfender Takt und eine Stimme mit rockiger Leidenschaft drangen in seine Gedanken vor, weckten ihn aus seinem Kummer. Ausser Atem, motziges Stakkato, das war die Zugabe der Band, die jetzt im Finale aus der Kellerkneipe zu ihnen nach draußen auf die Straße klang. Die Drums und der Bass waren vorwärtspeitschend, dramatisch. Heiß, heiß, kochend heiß pochte fiebrig der Puls durch Rattes Ohren, lauter als die Drumbeats. Sollte er aufgeben? Wo war der verfluchte Schrottbus mit der Plattensammlung jetzt?
Hörst du die Räder rollen? Irgendwann in der Nacht Durchsichtig und klar In Musik gebadet Jede Blume hat ihren Schatten Zweitausend Lieder Zweitausend Tode Mamamama, warum hast du mich gebor'n Oder hat mich der Esel im Galopp verloren? (Jenseits von Eden, Seite B, Staub & Straße, TON STEINE SCHERBEN feat. BIRTE VOLTA)
Nachtblind entfernte sich die schusselige Beutelratte unterdessen mit hohem Tempo. Dass die Plattensammlung an Bord war, hatte sie schon längst wieder vergessen. Die Bananenkiste hatte sich einfach in ihre Kuriositätenregale eingefügt und unsichtbar gemacht. „Ein Überraschungsbesuch braucht immer einen Überraschungsabgang,“ sprach Opi hoch zufrieden mit sich. Sie kratzte scharf eine Kurve, wobei die runtergefahrenen Reifen haltlos über braunes Laubmus auf gefrorenem Asphalt glitschten. Die große Globetrotterin hatte es eilig Heim zu kommen.
Ein eisiger Windstoß biss sich durch den Pelz, Hamster klapperte laut mit den Nagezähnen. Bunte Lichterketten klimperten an Dachrinnen und dunklen Thuja-Büschen, tanzten ziellos im Luftzug. Sie beide wussten, Hamster würde in die Kältestarre verfallen, wenn die Temperaturen eine gewisse Grenze unterschritten. „Wir sind am Ende,“ maulte Ratte und zog bibbernd den grünen Wollmantel um seine Schultern. Angestrengt schlichen sie sich auf eisigen Sohlen durch die kalte Nacht, über ihnen leuchteten die Sterne den Weg. Sie mussten es zum Unterschlupf schaffen. In den staubigen, leerstehenden Bürokomplex. Dort wollten sie sich an den Feiertagen im warmen Heizungskeller verkriechen und ihre Wunden lecken. Inständig hofften sie, Opi möge dort mit Plattensammlung und Soundmaschine auf sie warten. Der Weg, der vor ihnen lag, war kalt und weit. Also machten sie sich warme Gedanken zum Durchhalten und Hamster sprach: „Wenn unser Weihnachtswunsch wahr wird, dann weiß ich schon, welches Lied ich auf der Soundmaschine spiele: S.N.A.F.T.“ Gemeinsam fingen sie an zu singen, während Hamster mit eiskalten Pfoten der geschenkten Zigarrenkiste schrecklich disharmonische Quengeltöne entlockte.
Zuhause, Anfang oder Ende Fühle ich mich schwindelig und weit Ganz snaft schließt du mich in die Arme Wir küssen uns und wir sind frei (S.N.A.F.T., Seite A, Staub & Straße, TON STEINE SCHERBEN feat. BIRTE VOLTA)
Die Platten sind futsch, das Opossum abgehauen und Weihnachten naht. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Müssen Ratte und Hamster am Ende Weihnachten on the Road erfrieren oder erreichen sie den Unterschlupf und treffen das Opossum wieder? Das erfährst du in der nächsten Folge, wenn es wieder heißt: Hamster und Ratte hören gerne Platte.
Hier kommt noch die Auflösung zu Hamster’s Lyrics Zitaten:
*“Happy Christmas, your arse, I pray God it’s our last“ Fairytale Of New York – The Pogues
„Driving home for Christmas with a thousand memories!“ Driving home for Christmas – Chris Rea (oft gecovert, hier im Original)
Das 12“ Live-Album „Staub & Strasse“ von Kai & Funky von Ton Steine Scherben feat. Birte Volta ist auf schwarzem Vinyl erschienen bei Glitterhouse Records. Bestellen kannst du es hier bei Bandcamp inklusive der Downloadtracks, die platzmäßig nicht auf das Vinyl passten.
Video „Kai & Funky von Ton Steine Scherben feat. Birte Volta | Kultur und Strasse 2024“, ALEX Berlin

