Víkingur Ólafsson: Opus 109 – Eine klangliche Reise durch grüne Tonarten
Im neuen Album „Opus 109“ führt der isländische Pianist Víkingur Ólafsson eine verfeinerte Form musikalischer Introspektion vor, die seine Zuhörer in eine Welt von Licht und Schatten entführt. Es ist ein klanglicher Orbit, der sich um Beethovens späte Sonate in E-Dur (Op. 109) dreht, eine der komplexesten und introspektivsten Schöpfungen des Komponisten. Doch das Album ist mehr als nur eine Hommage an diese einzelne Sonate. Es ist eine durchdachte künstlerische Kollage, die Werke von Johann Sebastian Bach, Franz Schubert und Beethoven selbst miteinander verwebt, deren einziger gemeinsamer Nenner die „grüne Tonart“ ist – ein Konzept, das für den Pianisten synästhetische Realität ist.
Víkingur Ólafsson, der die Welt mit seinen Interpretationen der „Goldberg-Variationen“ und einer Reihe von Bach-Alben in den letzten Jahren beeindruckte, zeigt sich hier einmal mehr als ein Musiker, der sich nicht nur auf die Struktur von Werken konzentriert, sondern der Klangwelt einen ganz eigenen Raum gibt. Die Idee, Bach und Beethoven miteinander zu verbinden, ist gewagt – doch Ólafsson geht sie mit einer unaufdringlichen Eleganz an, die den Übergang von einem Komponisten zum anderen nahezu mühelos erscheinen lässt.
Bach und Beethoven: Ein fließender Übergang
Das Album eröffnet mit Bachs E-Dur-Präludium aus dem „Wohltemperierten Klavier“, das mit seiner fließenden Klarheit die Bühne für die darauf folgende Musik bereitet. Diese zarten, fast luftigen Töne dienen als Eingang in die „grüne Welt“ des Albums, die Ólafsson mit seiner synästhetischen Wahrnehmung erschafft – E-Dur und e-Moll, in seinen Augen zwei unterschiedliche Grüntöne, die in dieser Interpretation in ihrer reinsten Form erlebbar werden. Es ist ein belebender Auftakt, der sich dann nahtlos in Beethovens „Sonate Nr. 27 in e-Moll, Op. 90“ überführt, einem Werk, das mit seiner melancholischen Klarheit und Struktur bereits als Vorläufer der späteren Sonaten von Beethoven gelten kann.
Beethoven wird im Album nicht als der heroische Titan, wie wir ihn oft erleben, dargestellt, sondern als ein den Innenraum des Menschen durchdringender Komponist. Ólafsson streicht die innere Zerrissenheit und das fragile Licht, das diese Musik durchzieht, heraus – vor allem in der späten „E-Dur-Sonate (Op. 109)“. Die Sonate wird hier nicht mit Schwere, sondern mit Nachdenklichkeit und größter technischer Souveränität gespielt. In seiner Lesart kommt der späte Beethoven als ein Komponist zur Geltung, der sich von der heroischen Geste befreit hat und die eigene musikalische Welt immer mehr in sich selbst findet. Diese innere Welt, so könnte man sagen, ist das eigentliche Zentrum dieses Albums.
Schubert und Bach: Eine zarte Verbindung
Zwischen Beethoven und Bach positioniert sich Franz Schubert mit seiner „e-Moll-Sonate D 566“ – einem Werk, das in seiner Unvollständigkeit eine eigene, fast flimmernde Qualität erhält. Schubert wird von Víkingur Ólafsson mit einer zarten Schlichtheit interpretiert, die der flüchtigen Schönheit des Werkes gerecht wird. Besonders bei der Schubert’schen Sonate entsteht der Eindruck einer Winterlandschaft: karg, weit und weitgehend leer – und gerade deshalb von schmerzhafter Schönheit. Víkingur Ólafsson spielt die weiten Räume der Musik nicht voll, sondern lässt die Stille darin atmen, und öffnet so ein Panorama, das den Hörer zu innerer Reflexion anregt.
Ein besonders bemerkenswerter Moment ist die klangliche Transformation Bachs: Ólafsson schließt das Album mit der „Französischen Suite Nr. 6“ ab, und wir finden uns auf einem verschneiten Feld wieder, das in der Wintersonne glänzt. Die klare Kälte dieser Musik schafft einen eleganten Abschluss – eine leise Melancholie, die dem Album eine Art heilsame Stille verleiht und gleichzeitig zeigt, warum diese Musik genau die richtige für den Übergang zwischen den Jahren ist.
Der Mut, zu schweigen
In einer Zeit, in der so viel verlangt wird – sowohl von Künstlern als auch von Hörern – ist Ólafssons Herangehensweise eine willkommene Ausnahme. Statt das scheinbar Unaussprechliche laut auszusprechen, wählt er die leisen, beinahe unhörbaren Nuancen, die im Spannungsfeld zwischen Bach und Beethoven entstehen. Auch der späte Beethoven, der als Komponist des Großen und Überwältigenden bekannt ist, wird von Ólafsson in eine intime Dimension verschoben, die nie zuvor so zart und doch so voller Bedeutung war.
Man könnte sagen, dass Víkingur Ólafsson mit „Opus 109“ einen Dialog aufbaut – einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Struktur und Freiheit, zwischen der unaufdringlichen Weite der Natur und den inneren Dimensionen des menschlichen Geistes. Es ist ein Dialog, der von großer Sensibilität geprägt ist und in seiner Unaufdringlichkeit gleichzeitig faszinierend und zutiefst berührend ist. Ólafsson schafft es, die Hörer mit seiner subtilen Art der Artikulation zu fesseln und eine Klangwelt zu eröffnen, die wie ein vertrauter, fast gelebter Raum wirkt – und das alles, ohne jemals aufdringlich zu sein.
Das Vinyl ist ebenfalls ein optischer Leckerbissen im Gatefold-Format. Die Musik verteilt sich auf vier Seiten und ist fantastisch produziert. Die Dynamik ist perfekt getroffen und dürfte jeden Hörer begeistern. Mit hoher Laufruhe und ohne störende Nebengeräusche, entwickelt sich ein echtes Hör-Erlebnis, für welches der Hörer nichts machen muss – außer sich verzaubern zu lassen und Ólafssons auf seiner grünen Reise zu folgen. Ein Album für denjenigen, der bereit ist, der Musik und dem Moment zu lauschen, sich einzulassen auf eine Reise durch Töne, die nicht nur im Gehör, sondern im Herzen nachhallen.
Vinyl ist für mich nicht nur Musik, sondern ein Erlebnis. Die von mir beschriebenen Alben, habe ich alle ausgepackt, angeschaut und angehört. Gerne auch mehr als ein Mal. Bei den Reviews mache ich mir immer ein eigenes Bild durch entsprechende Recherche und das konzentrierte Anhören. Das ist meine Art den Künstlern entsprechende Wertschätzung für ihre Kreativität und Kunst entgegenzubringen.
So kann es vorkommen, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens, die Platten in seltenen Fällen vergriffen sind.
Dazu gibt es für mich keine Alternative: über Platten schreiben, in dem man die Pressetexte abschreibt ohne die Platte in den eigenen Händen gehalten zu haben, macht für mich keinen Sinn. Danke für euer Verständnis. Lagartija Nick.

