Hier kommt die neue Folge der Rattster Fortsetzungsgeschichte. Wisst ihr ja, es ist die Geschichte der beiden arbeitsscheuen Gen-Z Nagernerds Hamster & Ratte. Sie sind auf der Suche nach ihrer Plattensammlung und finden dabei immer neue Schallplatten. Jede Folge enthält eine LP-Review, beziehungsweise einen Soundtrack. Als kleines Extra kannst du eingebaute Zitate von weiteren Songs finden. Damit hat Hamster so einen Spleen. (Lösung gibt’s am Ende)
Jede Folge enthält außerdem eine Illustration mit Hamster, Ratte und Platte. Ratte und Hamster sehen traditionell immer anders aus und lassen sich gerne von verschiedenen Leuten zeichnen. Die heutige Illustration wollte ich mal wieder selbst zeichnen und danke mir dafür, dass ich es auch gemacht habe. Denn ich zeichne eigentlich viel zu selten, leider.
Es wurde außerdem der Wunsch von einem Fan geäußert, zur Orientierung den einzelnen Folgen inhaltsbezogene Titel zu verleihen. Klar, das will ich ab jetzt gerne mal probieren.
Ach ja, da ist noch was: Jede Folge enthält 0% künstliche Intelligenz! Weder Texte, Musik oder Illustrationen, jede einzelne Folge ist reine Handarbeit von echten Menschen mit Gefühlen und Gedanken. Jawohl!
Wer wissen will, was vorher geschah, findet im Rattster Archiv alle Folgen. Sortierung: Staffel 1, Folge 1, ist ganz hinten. Es gibt bisher 13 Folgen in zwei Staffeln.
Viel Spaß beim Lesen!

Rattster im Aschram
(Staffel 2, Folge #6)
Soundtrack: Ÿdeg – Elme
Seitdem der gelbe Oldtimer-Bus von der Beachbar gestartet war, war die Stimmung auf einem Tiefpunkt. Denn obwohl Ratte seinen Alkohol-Exzess in der prallen Sonne gesund überstanden hatte, hatte das greise Opossum mit dem schütteren Haar vor Sorgen fast einen Herzanfall erlitten. Am liebsten hätte es gar einen Krankenwagen für sich und seinen Enkel Ratte gerufen. Doch Ratte war uneinsichtig geblieben nach diesem Zwischenfall.
Gerade hatte das Opossum vorwurfsvoll sein Saufgelage der letzten Nacht kritisiert. Aber Ratte fühlte sich ungerecht behandelt. „Angeblich habe ich ein Alkoholproblem, ja? Ein Alkoholproblem habe ich bestimmt nicht! Höchstens, wenn es keinen Alkohol gibt, habe ich ein Problem,“ erwiderte Ratte voll Nachdruck und knöpfte abweisend seinen grünen Wollmantel zu. Starr blickte er aus dem Frontfenster zum Meer.
Der gelbe Oldtimer Schulbus ratterte die Küstenstraße hinab, es spielte Musik. Ihm war unwohl und speiübel vom Exzess des Vorabends, einer Weinverkostung aus Überresten. Doch das würde er nie zugeben. Leider kam dieser widerliche Nachdurst hinzu und ihm war extrem heiß. Er begann zum Trost den Song der Berliner Post-Punk Band Ÿdeg vor sich hinzubrummen, der gerade aus der Soundmaschine erscholl.
Die EP mit dem Titel „Elme“ hatte er gestern an einem Marktstand mitgehen lassen. Im gefalteten LP-Cover fanden sich ungarische Texte und darunter die englische Übersetzung, cool. Der Sound war rockig, melodisch und experimentel. Er dachte an diesen Song, der partiell disharmonisch zu seinem jetzigen Zustand passte. Der Sänger screamte seinen ungarischen Sprechgesang über die einzigartigen Gitarren- und Drumsolos. In einer nachahmenden Phantasiesprache krakeelte Ratte den Song lauthals mit. Klang ulkig, aber die schlechte Energie konnte raus.
nevetni tudok, de örülni nem mindenünk van, csak életünk nincsen vagy részeg vagyok, vagy kedvetlen mindenünk van, csak életünk nincsen
(Ich kann lachen, aber ich kann mich nicht freuen. Wir haben alles, nur kein Leben. Entweder bin ich betrunken oder unglücklich. Wir haben alles, nur kein Leben.)
M5, B-Seite, Elme, Ÿdeg
Das tat gut und Ratte beruhigte sich etwas. „Ich bin ein Trinktalent mit Post-Party Depression,“ sprach er ernst und strich seinen Mantel sentimental glatt. „Stimmt,“ pflichtete ihm Hamster bei, „du kannst mit allen vier Pfoten und deinem Rattenschwanz fünf Drinks gleichzeitig jonglieren, wie ein Star.“ Opi, das greise Opossum mit der zerschlissenen Latzhose, das den gelben 1970er Schulbus steuerte, mischte sich ein.
Tief inhalierte sie aus ihrer Pfeife, bevor sie als Ratte’s amtlich anerkannte Stiefoma antwortete: „Ich mache mir ernsthafte Sorgen um dich, Junge. Alkohol ist schlecht für dich. Du solltest lieber rauchen, das fördert den Appetit, ist gesund und entspannt. Es hat erwiesenermaßen medizinische Heilkräfte.“ Die alte Beutelratte bekam einen heftigen Hustenanfall, weil sie beim Lenken an der Pfeife gesaugt hatte und der Bus rumste durch ein tiefes Schlagloch. „Nur meine kleinen Pfeifen, kann ich mir nicht verkneifen,“ frotzelte Hamster übellaunig, weil sie zum wiederholten Male mit dem Kopf schmerzhaft gegen die Seitenscheibe geprallt war, Dank der rücksichtslosen Busfahrerin.
In solch familiären Zerwürfnissen waren sie unterwegs. Immer Richtung Osten, die herbstliche Küstenstrasse entlang, zurück zur Flussmündung. Chaotisch durchblätterte Opi ihren zerfledderten Autoatlas mit ermattetem Augenlicht. Brille und Navi lehnte sie kratzbürstig ab, O-Ton: „Da verfahre ich mich lieber!“
Das neunmalkluge Opossum ging Hamster und Ratte schon seit Weihnachten auf den Keks mit der gelben Rostlaube, Schraubenschlüsseln, Pfeifenqualm, Räucherstäbchen, Büchermuff und ihrem mörderischem Fahrstil. Aber sie war nun mal Ratte’s Oma und verkündete jetzt feierlich: „Ich weiß genau, wo eure Plattensammlung zu finden ist und helfe euch!“ Bitter resigniert flüsterte Ratte: „Von wegen!“ Und Hamster grummelte sarkastisch anbetracht der Odyssee im Kamikazestil: „The magical mystery tour is dying to take you away!“
Leider wussten sie nicht mal, aus welcher Himmelsrichtung sie gekommen waren. „Wir müssen nur Flussaufwärts fahren, so kommen wir zurück in die Stadt mit der Kellerkneipe und dort ist eure Plattensammlung,“ behauptete die nordamerikanische Beutelratte. Ratte schwieg, er glaubte nicht mehr daran, die Plattensammlung zu finden und verfiel in traurige Grübelei. Er hatte die LP’s mit viel Bedacht, gutem Geschmack und Liebe zum Detail zusammengeklaut. Doch dann war das Sammelwerk ihnen gestohlen worden. Karma is a bitch!
„Aber hier entlang geht es doch viel schneller,“ unterbrach Hamster seine Gedanken. Sie fuhr forsch mit der pelzigen Pfote direkt von Süden nach Norden über die Karte. „Diese grau-weißen Bereiche hier auf der Karte sind Berge, Madame Naseweis. Wir umfahren den Gebirgspass, dann muss ich weniger am Oldie schrauben,“ dozierte Opi, während der Ohrring mit der Sechskantmutter wie ein geheimes Ersatzteil an ihrem dunklen Ohr schunkelte.
„Das einzig Gute an dieser Küstentour,“ sinnierte Ratte laut, „sind die Weinbauern mit ihren Kostproben. Das reinste Säuferparadies.“
Doch er hatte die Rechnung ohne seine Oma gemacht: „Du musst endlich einen Alkoholentzug machen, Junge!“ „Leute durch Zwang verändern funktioniert nicht,“ bestimmte Ratte ablehnend. „Ratte muss gar nichts,“ verteidigte Hamster ihren besten Freund, „es sei denn, er will das.“
Starrköpfig und unbeirrt war das Opossum mit dem grauen Ganzkörper-Vokuhila trotzdem von der Route abgewichen und direkt Richtung Regenerationscenter gefahren. Es lag inmitten eines idyllischen Weinanbaugebiets mit traumhaft leuchtender Herbstfärbung. Kurz vor der Morgendämmerung knirschte Kies unter den abgewetzten Busreifen.

– Guru Mániá Aschram – stand über der Zufahrt. Ratte erwachte wieder einmal verkatert und blinzelte Opi verwundert an. “Das ist ein dufter Aschram! Empfehlung meiner 68er Kommune. Ich wollte da immer zur Selbstfindung hin. Früher gab’s hier legendäre Meditations-Sessions, heute soll es eine moderne Entzugskur geben. Bewusstseinserweiterung ohne Drogen.“
„Verstehe ich nicht, was wollen wir hier?“, fragte Ratte.
„Transformation in drei Stufen. Mit Guru Mániá bekommst du dein Alkoholproblem in den Griff,“ erklärte das grau-schwarz-weiße Beuteltier.
„Das ist Ratnapping,“ protestierte Ratte, konnte aber vor nachalkoholischem Kopfschmerz kaum sprechen. In diesem Zustand wollte er sich nicht mit seiner Oma streiten und ergab sich geknickt. Wie ein Panzerhemd zog er seinen grünen Wollmantel schützend zu und stieg aus dem Bus, seiner Einberufung folgend, während ihn sein zweiter Ohrwurm von Ÿdeg begleitete.
Diese Musik konnte ihn innerlich distanzieren. Ratte brauchte sie nicht einmal zu hören, die Erinnerung reichte vollkommen, schon war die Musik wieder da. Seltsam, geheimnisvoll und eindringlich. Eine kleine Platte, die es in sich hatte! Eine Platte voll Post-Hardcore, die seine persönliche Schieflage aufgriff, ihn verstand mit überlagernden, künstlerischen Sounds, widerborstigen Misstönen und den davor fliehenden Beats. Die Musikinstrumente arbeiteten teils gegeneinander und doch war der Sound harmonisch. Jetzt formte Ratte in pessimistischer Manier nie gekannte Worte, bis das Lied in einem langgezogenen Tackern sein Ende offen ließ.
fásultság, közöny, megvetés és gyanakvás hibernálom magam, nem akarok több vitát ezt nem a kor teszi, nem is a sör lehet
(Übersetzt: Apathie, Gleichgültigkeit, Verachtung und Misstrauen, Ich versetze mich in einen Winterschlaf, ich will keine Diskussionen mehr, Das liegt nicht am Alter, es liegt auch nicht am Bier)
+36, A-Seite, Ÿdeg, Elme
Perfektioniert lächelnd verrichteten einige Aschramkatzen ihren Arbeitsdienst im Steingarten des Guru Mániá Aschram, Stufe eins der Transformation. Ratte zuckte bei ihrem Anblick sofort zurück.
In Reih und Glied harkte die Kolonne das Kiesrondell um einen kargen Haufen Lavasteine, es gab nichts Grünes dort. Sie wirkten wie Soldaten, die ihren Exerzierplatz pflegten. Das vorderste Tier harkte den Kiesboden, die Katze dahinter zerwühlte alles mit den Tatzen, worauf das dritte Biest wieder alles glatt harkte und immer so weiter im unendlichen Kreis.
Eine Stimme drang an ihre Ohren: „Keine Sorge, sie sind vegetarisch und arbeiten viel, was ihre Gedanken an Suchtmittel und Fleisch bremst.“
„Alles gut!“, versicherte Ratte abwehrend in Richtung des Guru, der auf sie zukam. Er hatte die Gestalt eines zerzausten Chihuahua, der über den Kiesplatz auf sie zu trippelte und in einem roten Overall steckte. „Jungchen, tu mir den Gefallen, spiel mit,“ wollten die uralten Opossum-Augen auffordernd Ratte sagen. Ihm war klar, sie hatte sich die Sache in den Dickschädel gesetzt.
Der struppige Aschram-Anführer erläuterte: „Ein weiterer Bestandteil der Kur sind Einheitskleider und Namensschilder. Statt deines Vornamens steht jedoch das Suchtmittels darauf. Sensibilisierte Kontrolle, ein Rückfall bei kollektiver Selbstüberwachung ist nahezu unmöglich.“ Bewundernd nickte Opi und inhalierte den dicken Qualm ihrer Pfeife.
Ratte schrie deutlich betroffen auf, als man ihm soeben seinen grünen Wollmantel auszog und den Einheits-Overall aushändigte: „Halt, mein Mantel ist mein vertrautes Haus!“ „Jetzt warte doch erstmal ab,“ sagte das alte Opossum ermunternd und paffte weiter, indem es wohlwollend Ratte’s „Nein“ überging.
Würdevoll steckte der Großmeister das Namensschild „Alkohol“ an seinen Overall. Wehleidig fühlte Ratte sich in der Situation gefangen, jedoch nicht in der Lage, die ungerechte Behandlung zu stoppen. Er hoffte inständig, Opi würde zur Vernunft kommen und ihren Irrtum erkennen. In Ratte’s Kopf spielte sich ein weiterer Song ab. Die kleine schwarze LP drehte sich in seiner Vorstellung um sich selbst, wie der Drehschwindel in seinem angeschlagenen Gleichgewichtsorgan. Er spürte die Stimme des Sängers durch sich hindurch gehen als Sturm der eigenen Wehrlosigkeit.
majd meg magamnak se parancsolok az életem egy véletlen az életem véletlenek sorozata illúzió a kontroll
(Übersetzt: Ich beherrsche mein Leben nicht, mein Leben ist eine Aneinanderreihung von Zufällen, eine Illusion der Kontrolle)
Bajok, B-Seite, Ÿdeg, Elme
“Nein, nein, das ist ein Irrtum,“ widersetze Opi sich nun, denn das Oberhaupt des Aschrams ging ebenfalls mit einem Overall auf sie zu, „es geht um meinen Enkel.“ Selbstsicher schmauchte sie an ihrer Pfeife und wies mit der Pfote auf Ratte. Pech gehabt, es belehrte der Spirituelle sie eines besseren: „Es ist deine Bestimmung, denn du hast den Weg zur Erleuchtung hierher gesucht und gefunden, Schwester.“ Er machte eine bedeutungsschwere Pause, bevor er souverän fortfuhr: “Euer Aufenthalt im Guru Mániá Aschram inklusive Parkgebühren kostet den gelben Reisebus.“
Das graue Opossum schluckte entsetzt. Der Oldiebus war bestimmt kein Zahlungsmittel! Doch erdrückend wog die Pflicht des guten Vorbilds auf der älteren Generation. Bevor Opi sich von diesem lästigen Pflichtgefühl befreien konnte, wurde dem gequält dreinblickenden Tier bereits die blaue Latzhose entrissen. Hamster feixte, als Opi einen Overall mit dem Namensschild „Nikotin / Cannabis“ erhielt. Beleidigt schniefte Opi in ihren weißen Kinnbart: „Das sind überhaupt gar keine Drogen.“ Doch angesichts der vornehmen Durchsetzungskraft der spirituellen Autorität verstummte sie.
„Pfoten weg!“, motzte Hamster hingegen aggressiv und grabschte sich ihr Karate-Stirnband zurück, wobei sie kampfeslustig in die Hamusuta Dachi Stellung ging und den Chihuahua anvisierte. Das Schild mit dem Namen „Koffein“ kommentierte Hamster durch ihre langen Nagezähne gezischt mit einem grimmigen „Vergiss es!“.
Der Guru winkte gläsern lächelnd ab, er war ein diplomatisches Kerlchen. Methodisch korrekt wies er freundlich lächelnd zum Arbeitseinsatz am Steinhaufen in seinem unbegrünten Garten. Ratte tat es für Opi, Opi tat es für Ratte – es freute sich der Dritte. „Ich schulde niemandem etwas, niemand schuldet mir etwas,“ schleuderte Hamster erhobenen Hauptes ihr Statement in die Welt.
„Schwester, ich biete dir 50% Rabatt auf deinen Aschram Aufenthalt. Nimm dies Schicksal an, reinige dich, meditiere, diene,“ versuchte es das weise Idol mit verklärter Mine. Doch Hamster riss ihm nur wütend die blaue Latzhose und den grünen Mantel aus den Pfoten, stapfte schnaubend zum Bus und knallte die Tür zu. Das war ihr zu abgehoben, aber wenn Ratte und Opi unbedingt ihre Familienprobleme auf dieses Art ausleben wollten, sollten sie.
Sie würde jetzt erstmal eine Runde auf’s Laufband der Soundmaschine steigen und sich abreagieren. Auf dem Plattenteller der Soundmaschine lag immer noch die EP von Ÿdeg und Hamster begann loszuspurten. Es drehten sich die Zahnräder und Keilriemen der Soundmaschine angetrieben vom Laufband, Kontrolllämpchen flimmerten, die Nadel ruhte sacht auf der sich bewegenden Vinylscheibe. Der Song untermalte mit seinem Takt genau den ruhigen Herzschlag beim anfänglich entspannten Joggen. Doch dann zog die Geschwindigkeit an, bis sie in in einen schnellen Spurt mündete. Aus dem Sprechgesang wurde dabei intensives Screaming im Namen der Freiheit, die Hamster sich von niemandem nehmen ließ. Sie drehte an den Lautstärkereglern, der Schall quoll invasiv aus allen Fugen des maroden Schulbusses. Laut und rebellisch!
szerintem tudom mi az a szabadság, ezért nem tudok lenyugodni, annyira távolra kerültem, hogy innen nem lehet visszamenni én már tudom mi az a szabadság, ezért nem tudtok átbaszni
(Übersetzt: Ich glaube, ich weiß, was Freiheit ist, deshalb kann ich mich nicht beruhigen, ich bin so weit weg, dass ich von hier aus nicht mehr zurückkehren kann. Ich weiß schon, was Freiheit ist, deshalb könnt ihr mich nicht hereinlegen)
M5, A-Seite, Ÿdeg, Elme
„Pfui dieser Krach, die meditative Ruhe ist gestört, schlechte energetische Schwingungen,“ kläffte der erhabene Genius verärgert. Er lächelte mit viel Mühe über die herüber schallende Rebellion hinweg und mahnte: „Selbstloses Dienen und Meditation stehen an erster Stelle. Schwestern und Brüder, an die Arbeit!“ Dann schlug er den Gong. Die Aschramkatzen begannen den Dienst im Steingarten, Ratte und Opi folgten zögerlich.
Bald stöhnte Opi altersschwach von der harten Wühlarbeit in der bleichen Herbstsonne und Ratte war Dank Hangover speiübel beim Harken. Mit Schweißperlen im Stirnfell schob er die Harke weit von sich, meditieren war gleichfalls undenkbar. Beim nächsten Gong war Ratte’s Spur daher noch zerwühlt. Mit Ungemach rügte der Lehrmeister seine Schlechtleistung: „Du störst den rituellen Fluss der Gemeinschaft, Bruder. Praktiziere ein Straf-Asana.“ Damit führte er Ratte zur Mitte des Kiesgartens und befahl ihm, exponiert im Yogasitz auf dem Gesteinshaufen Platz zu nehmen.
„Lächerlich, was kümmert mich der Sektenfutzi,“ fand Ratte, erleichtert das Gartengerät los zu sein und auszuruhen. Doch die blendend kalte Sonne der Erniedrigung wurde eine hämmernde Axt gegen seinen rührseligen Brummschädel, seine Zunge ein eingetrockneter Lederlappen, die heißkalten Steine zum eisigen Lavastrom. Seine innere Hölle war zerreissende Katerstimmung, ihm wurde plötzlich bewusst, dass der Alkohol Schuld an seiner Situation war. Er kauerte voll Dehnungsschmerz im Yoga-Knotensitz auf der Schandbühne. Die Beine waren ihm eingeschlafen auf dem scharfkantigen Geröll, sein Magen rebellierte, er wimmerte reuig ein klagendes Mantra: „Nie wieder Alkohol, nie wieder Alkohol, nie wieder Alkohol…“
„Nie wieder Alkohol ist ja schön und gut, aber dieser Pranger ist reinster Psychoterror. Was habe ich Ratte bloß angetan?“ Kämpfend mit einem Schwächeanfall litt auch Opi, zudem hatte sie Schuldgefühle und machte sich schwere Vorwürfe. Hatte sie das Richtige getan? Sie war verzweifelt, fühlte sich unfähig zu denken. Dringend musste etwas passieren, um das Elend zu beenden, welches sie mitverursacht hatte.
Jetzt ballerte ein neuer Song aus dem Bus heraus, es war der Song, den Ratte innerlich gesungen hatte. Krachig und kurz, innerhalb von einer Minute brüllte der Sänger die Worte der Wehrlosigkeit heraus. Dieser heftige Sound ließ das Opossum aufhorchen, es stoppte die unnütze Arbeit im toten Garten, überlegte. Ein Break im Song veranlasste eine 180°Grad-Wendung, die auch sie gedanklich vollzog. In einem langsamen Rhythmus bestärkten die Lyrics die Zerrissenheit ihrer Gewissensbisse, getragen von zerfasernden Gitarrenklängen, die sich mäandernd verloren wie in einem neuen Lied.
és beismerem ha tévedtem, én beismerem ha tévedtem, csak sosem tudom ha tévedtem, én csak próbálok megmaradni, mindenki szenved, tényleg mindenki
(Übersetzt: und ich gebe zu, wenn ich mich geirrt habe, ich gebe zu, wenn ich mich geirrt habe, nur weiß ich nie, ob ich mich geirrt habe, ich versuche nur, zu überleben, jeder leidet, wirklich jeder)
Bajok, B-Seite, Ÿdeg, Elme
Da passierte es! Abrupt endete der Song. Die Bustür flog auf, hochkonzentriert im Hámstoeira Kampftanz wirbelte Hamster auf den Steinhaufen zu. Das altersschwache Opossum hielt die Luft an, als es die Aschramkatzen mit den Harken bemerkte. Bedrohliche Kriegerinnen mit Garten-Hellebarden, die der Guru jetzt mit dem Gong aktivieren wollte.
Blitzschnell schlug die goldbraun-schwarze Fellkugel kopfüber ein Hámstoeira Hámsterrad und sauste weiter. Der Weise hämmerte martialisch auf seinen Gong, doch die Katzen grienten friedlich. Sie waren körperlich da, aber geistig tief in Meditation versunken, unerreichbar für die Außenwelt. Geschickt zertrümmerte Hamster mit plumpen Hüften und gezieltem Chapa de hámster Kick den Steinhaufen. Dann stemmte sie die Pfoten in die Seiten: „Kommt jetzt!“
So einfach ist das, dachte Opi begeistert. Doch die gerupfte Koryphäe startete einen listigen Versuch, faltete brav die Pfötchen und verbeugte sich: „Überdenkt die Abreise, nur hier erreicht ihr Erleuchtung.“ Dann gab er süffisant den entscheidenden Hinweis: „Übrigens werden die Kosten für den Aufenthalt bei vorzeitiger Abreise nicht erstattet. Ergo: Der Bus bleibt hier.“ Die greise Beutelratte erstarrte perplex. „Steht geschrieben auf der AGB-Tafel an der Parkplatzeinfahrt,“ schwor der Erleuchtete geschäftstüchtig und machte sich größer, als er war.
Hamster starrte angriffslustig zum mickrigen Chihuahua, sogleich duckte der sich weg und winselte ängstlich. “Papperlapapp, wir reisen jetzt ab,“ ließ Hamster mitleidig von ihm ab. „Ich wollte sowieso gerade ein Pfeifchen rauchen gehen,“ meldete sich Opi und schleppte ihre müden Knochen ächzend zum Bus. „Sie hören von meiner Anwältin zwecks Mahnverfahren,“ bellte gekränkt der Chihuahua, doch es hörte ihm niemand zu, denn der Wohnsitz der Fahrzeughalterin war eh nicht ermittelbar.
„Friede sei mit dir, Bruder,“ winkte Ratte zum Abschied und so fuhren sie erleichterter, als sie gekommen waren, vom Aschram fort. So muss es sein.
Im Bus fand Ratte bald die Erweiterung seines Mantra: “Nie wieder Alkohol ist auch wieder nicht gut.“ Vorübergehend vergessen waren Kopfschmerzen, Übelkeit und der unerträgliche Brand des Morgens danach. „Die Entziehungskur hält nicht lange vor“, bemerkte Hamster skeptisch.
Opi allerdings saß still und krumm in ihrem Busfahrerinnensitz. Dieser Tag hatte sie tierisch mitgenommen. Heimlich dachte sie daran, wie gerne sie wieder zu Hause bei Rattes Opa wäre. Für einem überraschenden Weihnachtsbesuch war sie gestartet und als Oma’s Taxi geendet. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals irgendwas versprochen zu haben und nahm es sowieso nie allzu genau. Wenn sie nicht bald die dusslige Plattensammlung fänden, würde sie abhauen. „Die jungen Leute heutzutage sind allesamt viel zu materialistisch,“ schimpfte sie leise legitimierend in ihren weißen Bart.
Hamster joggte neben Ratte im ausgebauten Fond des Oldtimerbusses auf dem Laufband und träumte: „Ich wünsche mir zu Weihnachten endlich wieder allein im Unterschlupf zu sein mit dir.“ „Ja, zusammen chillen und unsere Plattensammlung hören,“ sprach Ratte. Sie alle fühlten sich erschöpft, aber gleichzeitig widerstandsfähiger und ausformulierter in ihren Plänen denn je.
Das Laufband der Soundmaschine meterte ab, der ramponierte Bus tuckerte durch die herbstfarbene Küstenlandschaft, ein Lied von Ÿdeg begann als drohende Psychothrillerkulisse. Dunkel und getrieben, dann wurde es von hellem Screaming und klaren Gitarrenklängen übernommen, die es schafften, aus der drängenden Stimmung auszubrechen. Schlussendlich konnte der Song ins Positive umkehren, ja sogar Hoffnung spenden. Abwartend verhallte der letzte Takt dieses Mal als positives Open End, während das Meer zur Rechten rauschte und die Küstenstrasse sich vor ihnen frei ins Unbekannte schlängelte. Sie waren nicht im Aschram getauft worden, aber mit allen Wassern gewaschen, bereit für die Zukunft.
tervek, álmok, tudom, nem is rossz a szar, más is ebbe’ van ez amúgy nem nagy ügy, komolyan, nem nagy ügy nem jöhet már semmi ami meg tudna kicsit is hatni fel tudna kicsit is baszni egy ilyen év után
(Übersetzt: Pläne, Träume, ich weiß, das ist gar nicht so schlecht, andere haben das auch, das ist wirklich keine große Sache, im Ernst, keine große Sache. Es kann nichts mehr kommen, was mich auch nur ein bisschen beeinflussen könnte, was mich nach einem solchen Jahr auch nur ein bisschen fertigmachen könnte)
Ui, A-Seite, Ÿdeg, Elme
Wenn ich doch bloß in die Zukunft schauen könnte, könnte ich euch jetzt schon sagen, wie es weitergeht. Aber leider ist mir das nicht möglich. Ich schwöre, ich kann den Biestern auch nicht in den Kopp schauen. Die machen, was ihnen grad einfällt. Schlimm! Das Einzige, was ich zu 100% bestätigen kann: Weihnachten steht vor der Tür. Ob Ratte und Hamster das Fest on the Road feiern müssen? Wir werden ja sehen.
Hier kommt noch die Auflösung zu Hamster’s Lyrics Zitat:
„Nur meine kleinen Pfeifen, kann ich mir nicht verkneifen“ Shit-Hit – Ton Steine Scherben
„The magical mystery tour is dying to take you away“ Magical Mystery Tour – The Beatles
Die 7“ ist erschienen bei It’s Eleven Records. Bestellen kannst du sie Hier.
Full Live-Set Video:


