Wie macht man aus einer Platte viele Platten? Ganz einfach: die, die als große gedacht war, bringt man jetzt als viele kleine raus. Und warum macht man das? Na im Falle der aus Wernigerode stammenden, überzeugten DIY-Punks Schnaps garantiert nicht aus kommerziellen Gründen. Das weiß man und das macht der hier vertretene Song „Konsumverweigerung“ auch nochmal indirekt und dennoch mehr als deutlich klar. Doch dazu gleich mehr.
Nee, wenn man Schnaps ist, dann macht man das, weil man über die Jahre viele tolle FreundInnen kennengelernt hat. Und mit denen teilt man ja bekanntlich gerne. Und so kamen Schnaps auf die prima Idee, anstatt ein neuerliches Album voller Schnaps auf dem bandeigenen Label SchnapsMusicIndustry herauszubringen, lieber viele kleine (wie viele da noch kommen mögen, ist der Redaktion aktuell noch nicht bekannt) Split-Singles zu veröffentlichen.
Supi das und den Anfang, also den „Schnaps Singles Club Vol. I“, teilen Schnaps sich mit ihren Freundinnen Refugiadas aus São Paulo, die sie auf deren erster D-Tour in Leipzig kennengelernt haben. Seite A, Seite B: so what?! Hier gibt’s die „Seite Schnaps“ und die „Seite Refugiadas“. Fangen wir aber mal mit den Krauts an, vielleicht wegen Heimvorteil oder so…
Mit dem oben schon angesprochenen „Konsumverweigerung“ begeben sich Schnaps auf relativ ungewohntes Terrain mit diesem harten Staccato-Riff. Hallo wach und geiler HC-Punk! Gefällt mir ausgezeichnet und so aus dem Stegreif raus küre ich den Song zu meinem offiziellen Schnaps-Lieblingssong. Auch die Message find‘ ich gut, auch wenn ich mich da selbst so ein klein wenig ertappt fühle, bin ich doch letztlich auch Konsument und freue mich an schönen Dingen, auch wenn ich jetzt schon wieder insgeheim über das unvermeidliche und bald kommende Weihnachten abkotze.
„Liebesleben der Mantis Religiosa“ macht dann klar, das wäre ein ganz schön abwechslungsreiches Schnaps-Album geworden, wäre es denn auch eines geworden. Da bleibt mir zunächst gar nichts anderes übrig, als an Blink-182 und deren Balladen zu denken, bei dem Intro. Aber klar, ist zum einen ja auch quasi ein Liebeslied. Schließlich geht es um die Liebe zwischen Gottesanbeterin und Gottesanbeter. Hach, wie romantisch! Dass er dabei aber nicht nur bildlich gesprochen den Kopf verliert, ja das wissen doch diejenigen unter uns, die mal einen Bio-LK besucht haben, sicherlich. Im Schnaps-eigenen Universum, das derben, aber gehaltvollen Humor mit Bravour in Bezug zu ernsthaften (politische) Themen setzt, wird aus dieser Romanze zum anderen ein pro-feministischer Song gestrickt. Gastsängerin Katrin setzt dem Ganzen das berühmte I-Tüpfelchen auf. Auch ein guter Song!
Kommen wir zu den Gästen aus Brasilien. Die singen auf Portugiesisch. Das ist gut so, aber für mich leider nicht so verständlich. Umso besser also, dass bei diesem Produkt mit so rein gar nichts gegeizt wurde und die 7″ nicht nur im noblen Pappschuber, sondern auch mit einem mehr als informativen und doppelseitig bedruckten Beiblatt kommt. Und dieses verrät uns, dass „Juventude Desiludida“ DAS Punkerthema Numero Uno besingt: eine desillusionierte und anarchistische Jugend hat kein Vertrauen in Systeme, die Medien und schon gar nicht in irgendwelche FührerInnen. Sicherlich ein alter Hund im Punkerkosmos – aber gerade in lausigen Zeiten wie diesen, voller Rechts(d)ruck und diktatorischem Aufbegehren weltweit – wieder umso wichtiger zu erwähnen und zu besingen.
Singen und Musizieren, das tun Refugiadas wiederum in absolut zur Message passender Manier. Dieser Wagenburgen-HC-Punk ist absolut hörbar, wenn auch nichts Neues. So auch im zweiten Beitrag von Refugiadas, dem Song „Pai Ausente“, der inhaltlich so was wie das Pendant zu Schnaps‘ „Liebesleben der Mantis Religiosa“ ist. Nicht nur daran wird erkennbar: hier hat sich gefunden, was zusammenpasst. Tolle Sache – by the way auch tolles Artwork vom Portugiesen Samuel Lucas – dieser „Schnaps Singles Club“ und ihr könnt Vol. I als auch Vol. II (dazu gibt’s hier noch ’nen extra Beitrag) ab sofort und am besten direkt bei Schnaps erhalten.

