Dreißig Jahre Baba Zula, und die Istanbuler geben immer noch keine Ruhe – zum Glück. Das Kollektiv um Murat und Esma Ertel gilt seit 1996 als DIE Adresse für türkische Psychedelic, irgendwo zwischen orientalischem Dub, Anatolian Rock und hypnotischem Saz-Getrance. Wer den Namen nicht kennt: Spätestens seit Fatih Akins Doku „Crossing the Bridge“ von 2005 sind die als progressive Speerspitze türkischer Musikkultur bekannt, und „XXX“ (ja, mit drei X, weil 30 Jahre – sehr charmant gelöst) reiht sich da nahtlos ein. „XXX“ ist der Nachfolger von „İstanbul Sokakları“, welches 2024 erschien und von der Anne rezensiert wurde – hier geht’s zur Review.
„XXX“ ist mit genau 30 Minuten und 30 Sekunden ziemlich knapp gehalten für Baba Zula-Verhältnisse, aber das wirkt eher wie eine bewusste Zuspitzung als wie Ideenmangel. Sieben Tracks, ein Mix aus Instrumentalstücken und Taksims (diese traditionellen, improvisierten Einleitungen aus der türkischen Klassik) plus Songs mit Texten, die zwischen surreal und politisch bissig pendeln. Jedes Baba Zula-Album behandelt laut der Band einen anderen Aspekt der Türkei, und diesmal geht’s um Natur und um lokale Gemeinschaften, denen Land und Wälder weggenommen werden. Klingt erstmal nach schwerer Kost, ist aber musikalisch wahnsinnig groovy: pulsierende Rhythmen, verfremdete Saz-Klänge, analoge Elektronik, dazu Gastmusiker an Synthesizer/Orgel (İklim Tamkan) und Kontrabass (Eylül Güntekin), die dem Ganzen noch mehr Textur geben.
Der Opener „Günlüklü Koyu Havası“ ist ein kurzes Instrumental, bei dem die Saz gegen aufgenommene Naturgeräusche antritt – schöner, unaufgeregter Einstieg. Richtig krass wird’s aber am Ende: „Hak Bitmez Güç Bitee“ („Recht geht nicht aus, Macht schon“) featured die Stimme der 75-jährigen Hatice Kocalar, einer Dorfbewohnerin aus der Ägäis-Region, die gegen umweltschädliche Regierungspolitik protestiert. Wie sie über wabernde Saz-, Percussion- und Kontrabass-Patterns hinweg ruft, ist purer Gänsehaut-Moment und ein richtig starker Album-Abschluss.
Kurz: „XXX“ ist fokussiert, politisch, tanzbar und trotzdem tief verwurzelt in der eigenen Tradition – ein Beweis dafür, dass sich eine Band auch nach drei Jahrzehnten noch nicht wiederholen muss. Glitterbeat Records hat da echt ein Gespür für Künstler*innen und Bands mit psychedelischer Note von bspw. Nusantara Beat, Altin Gün, … und weiteren.
Erwerben könnt ihr das Album bei Glitterbeat Records über den folgenden Link:
BABA ZULA – XXX
Viel Spaß beim Hören und Entdecken!

