Wenn ich über Schottland und meine Besuche in dem Land spreche, sagt man mir nach, dass meine Augen strahlen und man spürt, dass ich das Land wirklich sehr gerne habe. Wer könnte das Land mit den freundlichen Menschen, den tollen Städten, den Lochs und Glens, den Low- und den Highlands, Dudelsäcke und Kilts nicht lieben und ins Schwärmen geraten? Ich glaube, dass ihr euch meine strahlenden Augen jetzt vorstellen könnt und belasse es dabei.
Auf alle Fälle konnte ich aufgrund dieser Umstände, dem Angebot das Debütalbum von Conscious Pilot zu rezensieren, nicht widerstehen. Die Band stammt nämlich aus Glasgow und das hat schon genügt mich anzufixen. Das erste kurze Reinhören hat das dann noch bestätigt und mich in der Ansicht bestärkt, dass wirklich viele tolle Sachen aus Schottland kommen.
Die Band
Conscious Pilot besteht aus Joe Laycock (Gesang und Gitarre), Emmy Leishman (Gitarre und Gesang), Chris McCrory (Drums) und Jack Sharp (Bass und Gesang) und hat sich vor zwei Jahren gefunden. Bei der Aufzählung fällt auf, dass drei der vier Bandmitglieder singen und das sorgt für eine tolle Abwechslung. Musikalisch sind wir im Post-Punk. also rohe Energie mit einem experimentelleren, dunkleren und kunstvolleren Sound mit treibende Basslinien, minimalistische Gitarren, introspektive oder politische Texte sowie eine ästhetische Abkehr von greller Punk-Mode hin zu einem minimalistischen, oft androgynen Stil. Das ist, nach den letzten Rezensionen mal etwas anderes.
Das Album
Das Debütalbum trägt den durchaus spannenden Namen. Human Poultry, also menschliches Geflügel, und das ist durchaus mehrdeutig interpretierbar. Einmal natürlich für Menschen als Nutztiere, also gesellschaftskritisch, und einmal einfach ironisch und subversiv, also typisch Punk. Beides wäre passend, kann aber nur durch den Blick in die Songs hinein geklärt werden, dazu dann später mehr. Erschienen ist das Album beim Hamburger Label Devil Ducks im Mai 2026. Chris McCrory, der Drummer, hat das Album gemeinsam mit Seth Evans (Black Midi, Shame, Geordie Greep) und Adele Phillips (Fontaines DC) in den Rak Studios in London aufgenommen und abgemischt. Den Feinschliff lieferte abschließend Felix Davis (Geese, The Vaccines). Das Cover hat der schottische Künstler Keiti Forbes beigesteuert. Für ein Debütalbum sind die Beteiligten durchaus ansehnlich. Erhältlich ist das Album als Schallplatte und auch als digitales Angebot.
Die Songs
Insgesamt 13 Songs sind auf der Platte zu finden.
Den Auftakt macht Canapè und das ist dann doch ein deutlicher Hinweis auf die Bedeutung des Albumtitels, denn was sonst sollte mit Canapè gemeint sein, wenn nicht Fingerfood? Etwa das Sofa? Insbesondere, wenn es in dem Appetizer, der Song ist nur knapp eine Minute lang und führt langsam ins Album ein, nur wenige Worte, nämlich Human Poultry in Wiederholung. Zum Ende erfolgt die Überleitung in den nächsten Song.
Dieser ist der namensgebende Song des Albums. Human Poultry. Der Song ist hektisch, dafür sorgen der Bass und die Gitarre. Inhaltlich gibt es endlich Aufklärung. Der Mensch wird hier als Produkt bewertet. Mit Belehrung gewürzt, wie ein Baum herangezogen und muss dann in Langeweile leben. Harte Gesellschaftskritik!
Es folgt Internet Support. Harter Stoff, zumindest in meiner Deutung, denn ich sehe das Lied als Kritik am Internet. Dort werden Dingen angeboten, die kurzzeitig mental unterstützen, aber schlussendlich keine wirkliche Auswirkung haben. Hier liegt der Fokus auf der Gitarre und dem Gesang, reißt einen musikalisch aber nicht unbedingt vom Hocker.
Weiter geht es mit My God is so Angry. Musikalisch sind wir wieder etwas chaotischer und sehr Drum- und Basslastig. Das alles passt melodisch zum bösen Gott, der kein einfaches Leben und sehr unter seinen Gottkollegen zu leiden hatte. Deutung: Jeder muss unter seinem Leben leiden.
Face Down ist eins meiner Lieblingslieder der Platte. Gesanglich schön melodisch und sehr unterhaltsam. Auch hier ist die Deutung wieder schwieriger. Ist das lyrische Ich Opfer oder Täter? Auf alle Fälle geht es um Alkohol und wohl in Mengen und dem Rausch.
My Time is Mine ist musikalisch fröhlich und von den Instrumenten her leise und ruhig. In dem Lied geht es um das Verschwendung von Zeit und darum, die Zeit sinnvoller zu nutzen und dann doch immer wieder das Gleiche zu machen.
Horatio Burns ist ein flotter Song. Angetrieben von Bass, harten Gitarren und Drums begleiten wir Horatio, einen Regisseur, der mit seinem eigenen Leben nicht klarkommt. Welchen Film dreht er gerade? Den der Band? Ist es dann ein autobiographischer Song? Er macht auf alle Fälle Spaß.
Wenden wir uns Snooker zu und der Ode für den vermutlich besten Snookerspieler der Welt. Ronnie O’Sullivan. Dem ist der Song Ode to Ronnie gewidmet und es geht nur um das Versenken von Kugeln und darum, dass Ronnie darin der Beste ist. Endlich ein Song, dessen Inhalt ich auch verstehe. Musikalisch solide im Zusammenspiel, wobei der Bass und die Drums abermals hervorstechen.
In Back on the Farm sind wir wieder beim Anfangsthema gelandet, meiner Meinung nach. Man kann der ganzen Situation nie komplett entkommen. Am Ende ist man wieder auf der Farm und nichts anderes als menschliches Geflügel. Wir sind also wieder kritisch. Musikalisch leitet die Gitarre diesmal. Ist das noch Punk?
Gavin&Me ist mit seinen fast sechs Minuten harte Kost. Einzelne Melodien wiederholen sich immer wieder und das gesamte Lied wirkt deshalb sehr künstlich künstlerisch. Inhaltlich haben wir hier wieder eine Ode, diesmal an Gavin, der das lyrische Ich immer wieder begeistert aber auch als Seelsorger herhalten muss. Teile des Songs sind auf Französisch, aber wer Gavin ist, bleibt für mich ein Geheimnis.
New Sensation ist dann ganz anders, es unterhält einfach. Musikalisch rund und nach dem letzten Song entspannend. Gesungen wird es von Emmy und nach diesem Lied hätte ich mir das öfter gewünscht. Thematisch geht es um eine neue Empfindung, die das lyrische Ich im Bann hat und sie dann zur eigenen Empfindung macht.
In Built To Please geht es um Menschen, die nur da sind, um anderen zu gefallen und anderen alle möglichen Gefallen zu tun. Ja, für andere ist das toll, für die Menschen selbst leider nicht und es ist gut, wenn es diesen Menschen endlich auffällt. Inhaltlich überzeugend. Musikalisch sind wir am Anfang etwas ruhiger, der Song nimmt dann ab der Mitte wir dann schön Fahrt auf.
Den Abschluss bildet Wilful Delay. Der Song startet toll und sehr rockig, verliert sich dann aber immer mehr und so wird der Abschluss nicht großartig, sondern wie der Rest der Scheibe, gewöhnungsdürftig. Inhaltlich ist der Song stärker. Ich sehe dort Kritik am 9-5 Leben und der freien Entscheidung einfach mal einen Gang rauszunehmen und in Kauf zu nehmen, später abzuliefern.
Handwerklich versteht das Quartett durchaus sein Handwerk und auch die Arbeit des Studios und der Mitarbeitenden ist zu erkennen und positiv zu bewerten. Allein das reicht nicht, um ein überzeugendes Debüt abzuliefern. Dazu fehlt das Gesamtkonzept, die Eingängigkeit, eine Hymne, ein Song, der für alles andere entschädigt, der mitreißt und mehr ist, als nur ein weiterer Song.
Fazit
Der rote Faden fehlt mir bei den 13 Songs von Conscious Pilot – Human Poultry. Das kann ein Konzept sein und wird dann, wenn man es so sieht, auch konsequent umgesetzt. Leider gibt es auf der Scheibe unter den Songs kein Highlight. Die Songs sind gewöhnungsbedürftig. Beim zweiten und dritten Mal hören, nimmt man Nuancen wahr und die Platte gefällt dann mehr und mehr, aber der Wumms bleibt aus. Thematisch ist das ganze schon besser, von Gesellschaftskritik, über Snooker bis zum normalen Leben im Chaos, haben wir alles und das passt zu Punk. Es bleibt abzuwarten, wie ein zweite Album wird, um ein endgültiges Fazit zur Band zu fassen. Aktuell scheint es aber so, dass nicht nur super tolle Sachen aus Schottland kommen.
Wer zugreifen will, kann das im Shop des Labels machen oder auch bei anderen Händlern des Vertrauens nachfragen.

