„I hate Winnipeg“ sangen die famosen Weakerthans einst in ihrem Song „One Great City!“. Ganz schön kalt soll es da mitunter werden, sagte mir einst der ebenso famose Greg Rekus. Klingt auch eher semigeil und beide müssen es ja wissen, stammen sie doch aus eben jenem Winnipeg. Ich persönlich liebe Winnipeg. Zumindest geht es in die Richtung. Ich war aber auch noch nie da. Kenne eben nur Musik von dort und die ist allesamt richtig gut (nicht zu vergessen, die Politpunkband Numero Uno, Propagandhi). Noah Derksen kommt jetzt mit seinem neuen, bereits vierten und am 21.05. in Eigenregie veröffentlichten Album „Mercy On The Skyline“ dazu. Auch er befeuert meine Liebe zu der Stadt, in der ich noch nie war, die so furchtbar kalt ist – und die so wunderbare Musik hervorbringt.
Anders als die oben aufgeführten Bands und Künstler dürfte sich Noah Derksen allerdings nicht unbedingt in Winnipegs Punkscene herumtreiben. Offiziell firmiert er zwar als Singer-Songwriter, aber da ist noch viel mehr, wie ich finde und das nicht nur, weil er „Mercy On The Skyline“ quasi im Bandgefüge aufgenommen hat.
Führt uns „Are You Living Your Life“ zwar noch sanft und sachte in das Album ein, lässt der Song dank der stilistisch typischen Slide-Guitar aber schon jetzt Derksens Hang zum Americana durchscheinen. „Would you dance by yourself in the pouring rain. Would you scream at the top of your lungs with no shame. Are you rolling the dice? Are you living? Are you living your life?“ Diese Frage müsst ihr schon für euch selbst beantworten. Noah Derksen liefert euch aber ein paar hilfreiche Gedankenstützen dazu.
Mit der – so wie ich das interpretiere ambivalenten – Ode an den US-Schriftsteller „Chuck Palahniuk“ nimmt „Mercy On The Skyline“ aber schon deutlich mehr an Fahrt auf. Klar, Palahniuks wohl bekanntestes Werk „Fight Club“ lebt auch nicht gerade von Streicheleinheiten und Derksen bietet uns einen – by the way verdammt radiotauglichen – Indie- vielleicht nicht Rocker, aber zumindest Popper.
Dann wird’s Zeit für den ersten Gastauftritt. Zusammen mit der ebenfalls aus Winnipeg stammenden Künstlerin FONTINE zelebriert Noah Derksen mit „Walking Home“ einen fast lupenreinen Countrysong. Weitere Gastauftritte werden später folgen. Das wunderbar verträumte Titelstück „Mercy On The Skyline“ featured die nicht gänzlich unbekannte US-Musikerin Lori McKenna und direkt im Anschluß daran liefert die ebenfalls aus den Staaten stammende Musikerin May Erlewine die wohl zauberhafteste Zweitstimme seit Erfindung der Zweitstimme. Aufgrund der hervorragend harmonierenden Gesangsleistung ist „Lover I’m Gonna Miss You“ für mich persönlich eines der Highlights des Albums.
Insgesamt zehn Songs stark ist diese Platte. Die Betonung liegt auf „stark“ und für mich persönlich bietet Noah Derksen einen musikalisch neuen Blick auf diese Stadt, die ich liebe, ohne sie zu kennen. Gute Musik, die sich nahtlos in die mir bisher bekannte gute Musik aus Winnipeg, Manitoba einreiht.
So. Angepriesen ist „Mercy On The Skyline“ jetzt hoffentlich genug. Kommen wir zur etwas kniffligen Frage, wie ihr jetzt an das Teil rankommen könnt. Am besten wohl direkt bei Noah Derksen ordern. Noch besser: ihr fliegt da hin, packt vorsichtshalber einen dicken Parka ein, klingelt an seiner Tür, nehmt die feine Scheibe mit und berichtet mir dann hinterher wie Winnipeg so war. Danke im Voraus!

