Ja, das wurde aber auch mal Zeit. Endlich ein Roman aus Deutschland, der dem Heavy Metal und Hardrock der 1980er huldigt. Gute Bücher über Metal gibt es durchaus einige auf dem Markt, meistens sind es dann aber eher Sachbücher und Biografien, Romane fallen mir eher wenige ein. „Fargo Rock City“ und “ Eine zu 85% wahre Geschichte“ von Chuck Klostermann sind schon tolle Bücher, ein klassischer Roman ist ersterer aber nicht und zweiterer eher weniger Metal-lastig. Und deutschsprachig ist der Chuck natürlich auch nicht.
Bei deutschsprachigen Autoren fallen mir spontan nur die großartigen „Jungsmusik“ Romane von Micha-El Goehre (ein Vinyl-Keks Interview findet ihr hier) ein, die ganz eindeutig Metal-Romane sind. Bei „Mofaheld“ von Lars Niedereichholz (u.a. bekannt durch Mundstuhl) ist Protagonist Marc zwar auch der Metal-Szene entsprungen, der Plot wäre aber auch ohne den Metal Bezug machbar.
Dies ist bei Dirk Karls „Kojoten in dunklen Gassen“ nicht möglich, Dreh-und Angelpunkt der Geschichte ist der Heavy Metal in all seinen Facetten und Spielarten.
Im Zentrum des Romans stehen die drei Freunde Leo, Toto und Phil , die in den 80ern eben jenem Musik-und Lebensstil frönten, welcher eng verbunden ist mit -Obacht! Klischees im Anflug- langen Haaren, Jeans, Leder, und Kutten mit Patches der Lieblingsbands. Ach ja, der gemeine Metalhead ist dem übermäßigen Konsum von Alkoholika und anderen Drogen meist auch nicht abgeneigt.
Die Geschichte der drei wurde aber nicht in die Zeit gelegt, als sich unter anderem im Zuge der New Wave of British Heavy Metal eine weltweite Heavy Metal Szene entwickelte, sondern spielt in Stuttgart in der postpandemischen Zeit.
Während Leo beruflich große Erfolge feierte und zwangsläufig irgendwann abstürzte, führt Toto heute den Plattenladen „Coyote Records“, in dem Metal Schallplatten zwar immer noch den Großteil des Sortiments einnehmen, Toto selbst aber den Bezug zu der Szene etwas verloren hat. Nur Phil fährt immer noch in Spandex Hosen auf seinem Bonanzarad durch die Straßen; Bandana, Kutte und Patronengurt als alltägliches Outfit. Alkohol und Drogen komplettieren das wandelnde Klischee.
Leo kehrt nach Stuttgart zurück und die Wege der drei treffen wieder aufeinander. Leo, seine Plattensammlung ist chronologisch sortiert, und Phil verstehen sich recht schnell wieder gut und in ausufernden Listening-Sessions reisen Sie mit den Leser*innen durch die Geschichte des 80er Metals. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Bewertungen der Platten der beiden große Empörung auslösen, da diese natürlich rein subjektiv sind und von der Expertenmeinung der Leserschaft bestimmt abweichen. So ist es mir jedenfalls ergangen, höhö.
Gerade Metal-Fans werden diese Szenen des exzessiven Schallplattenhören richtig Freude bereiten. Die von den beiden vorgetragenen Reviews ziehen sich durchs ganze Buch und sind der Grund, warum der Roman einzigartig ist.
Musik wird aber ja auch immer mit Erlebtem und mit Emotionen verknüpft, so dass die beiden immer wieder bei der Geschichte Ihrer Freundschaft landen. Eine Geschichte, die nach Aufarbeitung schreit, gerade zwischen Leo und Toto liegt viel Ungeklärtes in der Luft. Diese Momente sind es, bei dem der Roman seine Stärken entwickelt, da er dann eine tiefere Ebene anpeilt. Leider werden diese emotionalen Reibungspunkte oft durch die immer gleiche Erzähltechnik – Protagonist blickt im (inneren) Monolog oder im Dialog in die Vergangenheit- in den Roman eingebracht. Dem Handlungsstrang hätte eine zweite Zeitebene gutgetan, um mehr Abwechslung in die Erzählung zu bringen. Bei der gewählten Technik wirkt der Blick zurück etwas kurz abgehandelt und teilweise wirken die Dialoge dadurch „auswendig gelernt“.
Dirk Karl legt mit Kojoten in dunklen Gassen seinen vierten Roman nach Black Mustang Squad (2019), White Shark Squad (2021) und Klabauternächte (2022) vor. Wer seine vorherigen Bücher kennt wird sich hier direkt heimisch fühlen, denn Dirk schafft es erneut seine oftmals durchgeknallten Charakteren mit einer Liebenswürdigkeit zu versehen, bei der man einfach mitfühlen, mitlachen und mitweinen muss. Und die Dichte der (guten und schlechten) Wortwitzen und Sprüchen ist wieder verdammt hoch. Gut so!
Was das Buch so lesenswert macht ist, dass man merkt, dass hier einer über ein musikalisches Phänomen schreibt, dass er selbst erlebt hat. Dirk ist Jahrgang 1969 und selbst als Mathe-Nulpe erkennt man schnell, dass seine Jugend ziemlich sicher von vielen Erlebnissen geprägt war, die „seine Jungs“ im Roman erlebt haben. Außerdem werden weitere Themen wie Familie, Freundschaft und Weiterentwicklung nicht außen vor gelassen.
Trotz kleiner handwerklicher und stilistischer Schwächen kann ich für das Buch eine klare Leseempfehlung aussprechen, da diese Schwächen durch viel Herzblut ausgebügelt werden. Dieses Herzbblut ist unter anderem auch in dem Anhang wiederzufinden, in dem eine (logischerweise) unvollständige, aber trotzdem beeindruckende Liste von den Platten, die die drei Metalheads begleitet haben, vorzufinden ist.
Erschienen ist das Buch – wie seine anderen Bücher auch- im Verrai Verlag. Der Titel ist in jeder Buchhandlung bestellbar, der Amazonas ist mir persönlich aber nicht geheuer.

