Also, kamikaze kannte ich vorher ehrlich gesagt gar nicht, aber das Duo aus Köln und Düsseldorf – Jessi an Gesang und Gitarre, Flo an der Gitarre – macht seit 2017 ihr Ding komplett auf eigene Faust. Kein Label, kein Management, nicht mal eine richtige Musikausbildung, einfach selbst beigebracht und losgelegt. Sie nennen ihren Sound „soft riot pop“, und ich finde, der Begriff trifft es ganz gut: irgendwo zwischen zarten, fast süßlichen Melodien und einer ziemlich klaren, kämpferischen Haltung. Man merkt der Musik an, dass sie selbstgemacht ist, aber das wirkt nicht billig, sondern eher ehrlich.
Bevor das Album „The End“ überhaupt komplett da war, gab’s schon ein paar Singles, anhand derer man sich ein Bild machen konnte. „Dreamland“ war die erste – Dream-Pop mit ein bisschen Post-Punk und Jangle-Pop drin, ziemlich energetisch und melodisch, aber nicht übertrieben. Klingt jung und frisch, ohne dass es nach „wir wollen unbedingt cool sein“ riecht. Soundtechnisch fand ich’s auch erstaunlich rund für eine reine DIY-Produktion. Danach kam „Fallout“, und das war fast das Gegenteil: ruhiger, introspektiver, fast schon minimalistisch. So als wollten sie zeigen, dass es auch ohne viel Drumherum funktioniert.
Mein persönliches Highlight von den Vorab-Singles ist aber „X Me Out“. Da geht’s deutlich lauter und konfrontativer zu als bei den anderen beiden – verzerrte Gitarren, düstere Synthies, alles wirkt etwas nervös und gehetzt, im positiven Sinne. Es geht in dem Song um Ausgrenzung und diese kleinen, gemeinen Sticheleien im Alltag, und man hört richtig, wie der Song zwischen „am liebsten würde ich zurückschlagen“ und „ich lass das jetzt einfach los“ hin und her pendelt. Der Refrain hat was Mantra-artiges, fast trotzig. Wer auf den alten New-Wave-Sound von Ende der ’70er oder den frühen ’90er-Alternative-Rock steht, wird sich bei den Gitarren sofort zuhause fühlen – klingt aber trotzdem nicht angestaubt oder nostalgisch.
Was mir an „The End“ insgesamt gefällt: Die Themen ziehen sich konsequent durch. Es geht immer wieder um Selbstbehauptung, gerade wenn man aus einem eher engen, reaktionären Umfeld kommt, um den Umgang mit Ausgrenzung und Sexismus, und um die Suche nach einem Ort – ob das jetzt ein „Dreamland“ ist oder einfach die eigene Stimme –, an dem man sich nicht ständig rechtfertigen muss. Dabei jammern die Texte nie rum, sondern wirken eher reflektiert und kämpferisch, ohne dabei die eigene Verletzlichkeit zu verstecken. Genau diese Mischung aus Wut und Zärtlichkeit macht für mich den Reiz aus. „The End“ ist kein Album, das mit großen Gesten auf sich aufmerksam machen will – eher ein leiser, aber bestimmter Widerstand, der einem trotzdem im Kopf bleibt. Freue mich hierbei umso mehr auf alles, was von kamikaze folgen wird.
„The End“ gibt es ausschließlich auf Tape – auf 100 Stück limitiert – zu erhalten über den folgenden Link:
kamikaze – The End
Viel Spaß beim Hören und Entdecken!

