Es gibt Musik, zu deren Be-, bzw. Umschreibung die besten Worte nicht helfen. Deshalb hat der Rock’n’Roll-Gott die Referenzbands erfunden. Aber finde ich die denn überhaupt, wenn es um Abrichten aus Leipzig geht? Die gibt’s bestimmt, denn irgendwie war doch – wenn man mal ehrlich ist – schon alles mal da in der Rockmusik. Aber gibt’s die auch in meinem kleinen und bescheidenen Musikkosmos?
Ich versuch’s halt mal mit den mir zur Verfügung stehenden üblichen Verdächtigen, wenn es um Noise-Rock geht, als da wären, die irren Waliser von McLusky und die New Yorker Noise-Legende Sonic Youth. Letztere stellen mich wegen ihrem nonkonformen Songwriting bis heute vor eine große Herausforderung, erstere liefern seit je her mit das nonkonformste Gitarrenspiel, das ich kenne. Beides gibt’s auf „Aufheben“, dem vierten Release von Abrichten, mal mehr, mal weniger deutlich zu hören.
Dazu kommt aber, dass Abrichten auf Deutsch singen. Dadurch wirkt der kantige Sound des Trios irgendwie noch kantiger, lädt zumindest deutsche Muttersprachler wie mich aber dazu ein, den sechs Songs auf „Aufheben“ uneingeschränkt meine Aufmerksamkeit zu schenken.
Nun, Muttersprachler hin oder her, in Gedichtinterpretation war ich in der Schule immer scheiße. All die Goethes und Fontanes, ich hab‘ die Typen noch nie verstanden und ich glaube, so standardmäßig gab’s für mich halt immer ’ne 3-4. Nun versuche ich mich mit den Texten von Aufrichten auseinanderzusetzen und rechne auch dabei nicht mit mehr als mit einer 3-4.
Einzig der Text zu „Chef“, den kann ich nachvollziehen, (vermutlich) richtig interpretieren und ich meine doch schon, auch eindeutig verstehen. „Der Chef ist heute wieder sehr produktiv. Er gönnt sich zunächst eine Nassrasur. Er schaut in den Spiegel und freut sich. … Er geht optimistisch ins nächste Quartal.“ Da kann ich voll mitgehen, liebe Abrichten. Muss man auch nicht unbedingt des ollen Karls sein „Das Kapital“ gelesen haben, um die Ungerechtigkeiten der (Arbeits-)welt nachvollziehen zu können. Es reicht dazu: selber Arbeiter*In sein!
Ich mag aber den trockenen und sarkastischen Humor, der bei Abrichten stets mitschwingt und für dessen Wahrnehmung man auch nicht zwangsweise jede Textzeile verstehen muss. Das Ganze dann – und damit kommen wir zurück zur Musik auf „Aufheben“ – verpackt in einen produktionstechnisch ebenfalls mit Ecken und Kanten versehenen Klangteppich. Das passt so dermaßen und macht das Gesamtprodukt einfach nur unglaublich authentisch. Abrichten sind von nun an meine neue Referenzband, sollte mich wer fragen, was denn Noise-Rock sei!
Das giftgrüne Tape wurde vom Chemnitzer Label It’s Eleven Records veröffentlicht und ist dort auch zu haben. Der Release ist der Beweis dafür, dass schickes Artwork und Layout auch im kleinen Format möglich sind. Dicke Empfehlung an alle, die Musik nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch als Herausforderung (im positiven Sinne!) haben wollen. Achtung: Die Auflage lag bei nur 100 Stück und „Aufheben“ ist schon seit geraumer Zeit draußen. Hurry up, before it’s too late!

