Heute heißt es wieder Hamster und Ratte hören gerne Platte!
Die 18. Folge vom Road Trip, der sich ums Plattensammeln, Musikhören und Konzertbesuche dreht, ist da. Wobei immer ein neues Album als Soundtrack vorgestellt wird. Zur Story gibts grundsätzlich eine Illustration mit Hamster, Ratte und der vorgestellten Platte. Dabei werden die Hauptfiguren Ratte und Hamster jedes Mal neu erfunden, denn sie werden von verschiedenen IllustratorInnen präsentiert. Heute gibt’s eine Handzeichnung von Comicmacherin Anna Haase aus Berlin. Das heutige Soundtrack-Album stammt von Oxo86.
Für die MusikkennerInnen unter euch habe ich Song-Zitate von anderen Bands eingestreut. Ihr findet die Lyrics meistens in Hamsters direkte Rede verpackt, heute sind es drei. Die Lösung gibt’s am Ende der Story. Viel Spaß beim Lesen und erraten!
Du willst die anderen 18 Rattster-Folgen für Vinyl-Keks lesen? Hier im Archiv findest du die komplette Fortsetzungsgeschichte. Aber los jetzt zur heutigen Folge, hier ist:

Rattster „im Bierhimmel“
(Stafel 3, Folge #3)
Soundtrack: Oxo86 – 30 Jahre Oxo86 – Die Hoffnung stirbt zuletzt…
Die Sonne scheint, aber nicht für dich Wie es weitergehen soll? Frag mich nicht. Nichts zu verlieren und noch weniger zu gewinn’n, Dein Leben ist ne Katastrophe und du hängst mittendrin. (Das wird vorüber gehen - A-Seite - 30 Jahre Oxo86)
Die Bierpulle glänzte tiefgrün in der heißen Sonne, dezenter Schaum schwappte auf der schalen Plörre gegen die warme Innenwand der Flasche. Das Etikett war etwas abgezupft worden, bevor das Bier neben einer Bank am Strandboulevard achtlos vergessen wurde. Doch jetzt hatte es einen neuen Liebhaber mit feucht glänzenden Augen angezogen, der zärtlich über das bedruckte Papier mit seiner krummen Pfote strich. „So you are giving up drinking, you’ve given up fun,“ murmelte Ratte, während er Hamsters Lyrics-Spleen mit diesem Song-Zitat nachahmte und das Vermissen mitsamt Bierdurst nur schlimmer machte.
Er wurde bald wahnsinnig, fühlte sich schlaff, antriebslos und ausgelaugt. Seit Wochen war Ratte alleine in der sengenden Sonnenglut umher getappt, weil Hamster nach seiner Krankenhaus-Suff-Aktion mit diesem Straßenmusiker im Beiwagenmotorrad davongebraust war.
Er erinnerte sich nur ungefähr an ihre Worte beim Abschied und murmelte:
„Ich hätte Hamster hinterherkommen sollen, aber wohin? Und ich hätte zu trinken aufhören sollen, aber warum?“
Mit diesen Fragen auf Repeat im Rattenschädel war er einfach lethargisch im ausgedörrten Umland des Touristenortes, an dem er Hamster verloren hatte, im Kreis herumgewandert. Seine Gedanken hatten sich dabei ebenfalls hoffnungslos im Kreis um Hamster gedreht, wie in einem Hamsterrad. Wieder und immer wieder hatte sich ihm das Bild von Hamster aufgezwungen, bis ihm schwindelig wurde und sich alles vor seinen Augen drehte. Er vermisste Hamster inzwischen noch mehr, als die verdammte Plattensammlung.

„Auf dich Hamster, nimm’s mir nicht übel, wenn ich saufe, aber du bist ja sowieso weg“ motzte er zutiefst deprimiert. Sein haariger Rattenarm führte das Gesöff mit nackter Pfote ans graubraune Maul, er wartete auf die Transformation. Das Wunder nahm seinen Lauf, der goldene Ährensaft begann weich über seine Zunge zu rinnen, schon breitete sich die warm-malzige Schutzhülle tröstend in seiner Kehle aus, floß weiter Richtung Mageneingang.
Mit einem Prusten spie er die Bierbrühe wieder aus und quäkte: „Ih, das ist ja widerlich!“
Er ließ die warme Bierflasche in den glühenden Sand fallen und schniefte: „Ich verstehe es nicht, Bier schmeckt mir einfach nicht mehr…total psycho!“
Er sehnte sich in diesem Moment so sehr nach einem Unterschlupf zum Verkriechen vor der ganzen unerträglichen Welt. „Ich will einfach nicht mehr!“, heulte er mit letzter Energiereserve, als ein markanter Sound an seine Rattenohren drang. Es waren relativ ruhige Töne mit einem Reggae-Rock-Sound und langgezogenen Trompetentönen, die ihn innehalten ließen. Dann zog das Tempo an mit Gitarre, Bass und Schlagzeug. „Diese Stimme kenne ich doch?“, sagte er, als die Stimme des Sängers den Song begann mit den Worten: “Wenn jeder Tag ein einziger Abfuck ist…“ Ratte nickte zustimmend, der Song handelte von dem Entfliehen vor Wahnsinn und Kopfkino. Dann setzte die ganze 5-köpfige Combo in den Refrain ein, der Ratte zwar an seinen umstrittenen Krankenhausaufenthalt erinnerte, zeitgleich aber die ultimative Lösung brachte.
Da hänge ich lieber am Hahn, als am Tropf Hab lieber nen Filmriss, als Kino im Kopf Ein Leben wie ne Achterbahn, auf und ab, Kurz kotzen und weiterfahrn (Achterbahn - A-Seite - 30 Jahre Oxo86)
Weiter bahnte sich der laute Sound durch die wärmespeichernden Pflastergassen des öden Tourikaffs in seine Ohren, füllte sie mit Lebensfreude. Diese Musik gab ihm neue Kraft und voll Begeisterung erkannte er die Band: „Das sind Oxo86!“ Es waren seit genau dreißig Jahren die Trompeten, der beschwingte ikonische Ska-Streetpunk-Sound mit Raspel-Stimme, den er nur zu gut kannte. Die Message, die in dieser Musik lag, holte ihn schon immer ab mit Trinkchansons, der gewissen Nachdenklichkeit, Lebenslust und einer Portion Wut im Bauch. Wollte er der Loser bleiben, der allenfalls Energie für Selbstmitleid aufbrachte? „NEIN!“, schrie er laut, damit er es selbst, verflucht noch mal, hörte.
Überstürzt raste er dem Song entgegen und gelangte an eine triste, blassgrünlich gekachelte Kneipe. Von hier kam der Sound und er betrat die Treppe zur schmalen Einganstür. Seine Füße tapsten durch einen Schaumteppich aus Bierblasen. Er zögerte kurz, spähte durch die enge Glasfront in den dunklen Raum und staunte: „Eine Schaumparty?“ Bis unter die Decke war die von innen geflieste Kneipe mit Bierschaum gefüllt. In den Räumlichkeiten der schmalen Kaschemme sah er eine kleine Bühne. Halb im Bierschaum versunken stand dort die mehrköpfige Band Oxo86. Sänger Willi gestikulierte wild mit erhobenem Zeigefinger, das Mikrofon schräg hochgehalten, Glatze, Sonnenbrille, Schiebermütze. Beim Trompeten-Solo blubberten Bierblasen aus dem Blechinstrument, die bunte Bühnenbeleuchtung spiegelte und brach sich darin. Im farbig beschienenen Bierschaum bewegten sich wild tanzende Silhouetten, Biergläser füllten sich im Takt an den Zapfhähnen der Kneipe, das hier war der Bierhimmel! Schon drängte Ratte an die Theke, grabschte nach einem vollen Bierglas. Glänzende, kühle Kondensperlen leuchteten vor seinen Augen, er leckte sich gierig das Maul. Von der Bühne knallte ihm der absolute Trink-Hit der neuen Oxo86-Scheibe um die Ohren, Bierhumpen prallten klirrend aneinander.
Sehe ich euch saufen, dann weiß ich wer ich war Dann muss ich lachen, doch manchmal Komme ich darauf nicht klar. Ich war am besten! Ihr Amateure! (Für die Ewigkeit - A-Seite - 30 Jahre Oxo86)
Stimmen grölten die Hymne mit, schnelle Punk-Beats, Ska-Fanfaren für die Ewigkeit. Plötzlich war Ratte hellwach, er lachte voll Euphorie im Konzertlärm: „Ich bin der Beste, ihr Amateure!“ Mit neuer Power riss er das frisch Gezapfte an sich, spülte das eisige Bier die Kehle runter auf ex. „Ahhhh!“, entfuhr es ihm. Mit ausladender Bewegung am grünspeckigen Mantelärmel wischte er den Schaum aus seinen Tasthaaren und schaute prahlerisch in die Runde.
Zu seinem Schrecken erkannte er nun im Schaumbad vage die ersten Katzensilhouetten. Da war sie wieder, seine angeborene Angst. Er duckte sich reflexhaft tiefer hinter die ausgetrunkenen Gläser. Fröhliche Trompetentöne von der Bühne, Bassist Runkels ruhigerer Part dazu, Willis raue Stimme, zwar emotional aber gleichzeitig hoffnungsvoll, machten ihm wieder Mut.
„Pah!“ Ratte klaute sich das zweite Bier und sprach trotzig: „Sollen sie mich doch fressen. Beim Oxo86-Konzert sterben, wäre ein würdiger Abgang.“
Er nahm einen großen Schluck, von der Bühne klang lockerleichter Gassen-Ska, der steckte an mit Exzesslust. Ein Rudel aus Feinden konnte im Suff schnell ein Rudel aus Freunden werden. Als gäb’s kein Morgen zu feiern, dies Motto einte das Publikum.
Hatte ihm gerade der Nacktkater mit rotem Backenbart, Hosenträgern und einer dunkelroten Bomberjacke am Plattenstand zugeprostet? Auf des Katers T-Shirt war ein Helm gedruckt mit dem Schriftzug „SCARP – Skincats Against Rat Prejudice“. Na bitte! Er lachte, es waren wohl nicht alle Nacktkatzen Rattenfänger. Ratte schob sich durch den Schaum nach ganz vorne in die Frontrow. Ein lederner Fußballschuh wurde direkt vor seiner Schnauze auf den Monitor geknallt, er erkannte schemenhaft die Schiebermütze des Sängers, der den Ska-Punk-Saufhit ins Micro raunzte. Wild reckte er Zeigefinger und geballte Faust, sang mit ausdrucksvoll brüllender Stimme.
Und so erkläre ich frisch und frei Wer noch was weiß, war nicht dabei Schwerelos wie im All Exen schneller als der Schall! (Schwerelos - B-Seite - 30 Jahre Oxo86)
Elektrisiert angelte Ratte nach einem auf den Schaumwellen vorüber schaukelnden Bierglas. Sein drittes Bier innerhalb von zehn Minuten. Er prostete überschwänglich dem Bomberjacken-Kater am Plattenstand zu und kippte das Edelvergorene auf ex in seinen Schlund. Das Bier schmeckte ihm endlich wieder und es prickelte anstachelnd. Im Publikum zündete ein Bengalo, sodass Bühne und Lokal in dichten rosa-weißen Rauchschwaden untergingen. Rötlich-hellgelb sprühte die hochgereckte Stadion-Fackel ihr heisses Feuer über den Bierschaum.
Auch wenn er die einzige Ratte war in der ganzen Meute, stürzte er sich torkelnd in den Skank, schubsend, boxend und hopsend. Der Tanz zwischen Fressfeinden berauschte ihn mit Adrenalin. Gleichgültig gegen den Tod, geschützt vom im Bengalolicht flackernden Schaumbad, ließ er alles raus, jedwede Gefahr missachtend. Übermütig stieß er sich mit Schwanzspitze und Hinterpfoten gleichzeitig in einer Schraubbewegung vom Boden ab, griff sich sein viertes Bier aus irgendeiner Kralle, soff es leer und warf das Glas krachend an die grünlich gekachelte Lokalwand.
Nur noch ein Glas und das war’s! Machen wir uns nichts vor, wir glauben nicht daran. Das mit uns - ne einzige Farce! Es endet schlimm und fängt schlimmer wieder an! (On & Off - A-Seite - 30 Jahre Oxo86)
Dann verlor er die Balance und knallte vor zwei bekannte, ultragewaltbereite Katzengestalten auf den schaumnassen Boden. Blasen zerplatzen unter seinen Pfoten, wie die letzte Hoffnung. Diese Begegnung würde er dieses Mal wohl kaum überleben, denn es waren die beiden Killerkatzen Atze und Skincat. Auch Hamster konnte ihn heute nicht beschützen. Enge Augenschlitze taxierten ihn, schon bohrten sich Krallen in seinen Mantel, seine ekelhafteste Vergangenheit hatte ihn eingeholt. Trompetensolo passend zum Highnoon im Westernfilm, dramatische Schlagzeugbeats, auf der Bühne posierte Gitarrist Schlenther beim Spielen breitbeinig, angriffslustig schrie Sänger Willi in sein Mikrofon.
Was soll ich sagen? Ich kann gar nicht so viel saufen, Wie ich kotzen könnte über diesen Haufen! Ich gönne jedem von denen ein Mahnmal im Garten! Sie kommen als Feinde, worauf wollen wir noch warten? (Ich kann gar nicht so viel saufen - A-Seite - 30 Jahre Oxo86)
Dann ging alles ganz schnell, etwas kaltes, schweres wurde ihm fest in die Pfoten gedrückt, jemand zerrte ihn hinter den Plattenstand. „Oi, oi! Halt mal mein Bier, ich hasse Bonecats,“ hörte er eine Stimme knurren. Perplex hielt Ratte sein fünftes Bier in der Pfote, dann sah er verwundert den SCARP-Kater mit geschmeidig ausgefahrener Krallenfaust auf Atze und Skincat zu stürzen.
Der Kater hatte scheinbar auf diese Prügelei gewartet, der sich sofort weitere Katzen anschlossen. Es sah nicht gut aus für Bonecats.
Ratte nahm einen Schluck Bier, schüttelte voll Genugtuung den Kopf, als er verfolgte, wie seine Erzfeinde geschlagen gen Hinterausgang drängten. Nachdenklich vertiefte er sich in die Ware des unbeobachteten LP-Standes, strich liebevoll über die Vinyl-Raritäten. Wenn er doch bloß seine eigene Vinylsammlung wiederhätte, die er sich Stück für Stück ergaunert hatte.
Die neue Scheibe „30 Jahre Oxo86 – Die Hoffnung stirbt zuletzt“ fiel ihm in die Pfoten. Er pfiff anerkennend durch seine Nagezähne. Es war die blaue Limited Edition vom Label Sunny Bastards, die neben der roten und orangen Version der Bernau Punkrock League präsentiert wurde. Stabiles Gatefold Cover, Lyrics Sheet, es war perfekt. Das Albumcover zierte unter anderem ein grün gefliester Hauseingang, daneben ein runder Lorbeerkranz mit Taube, einem Trojan Records Helm und ein Banner mit dem Schriftzug „Spirit of 96“.
Von der Bühne ballerte der nächste gut gelaunte Bier-Kracher der neuen Oxo-Scheibe, die er grad in den Pfoten hielt. Vorwärtstreibender Ska-Punk Sound, Trompetenfanfaren, unbeschwerter Gesang.
Halt mal ganz kurz mein Bier! Was soll denn schon passieren? Vertraue mir, ich pass auf. (Die teuersten Worte - A-Seite - 30 Jahre Oxo86)
Niemand interessierte sich mehr für Ratte. Er nahm noch einen Schluck, schaute sich um, schnappte die LP und torkelte mit Bier und Beute raus. Bald schlief Ratte betrunken unter der alten Stadtmauer ein, mit Bierglas und Vinyl im Arm träumte er von Hamster.
Als er am nächsten Morgen erwachte und zur Kneipe kam, war der Bierschaum der Partynacht zu dünnen, weißen Krusten getrocknet. Scherben von Biergläsern und zertrümmertes Mobiliar zeugten von einer wilden Schlägerei. Er hatte wohl gekämpft und überlebt, ganz ohne Hamsters Hilfe. Allerdings wusste er nicht im geringsten, wie ihm dies gelungen war.
„Wer noch was weiß, war nicht dabei,“ murmelte er und zuckte die Achseln.
Er sah die Oxo86-Schallplatte in seiner Pfote. In diesem Moment vermisste er Hamster und seine geliebte Plattensammlung so sehr. „Das schlechte Gefühl will einfach nicht verschwinden, ganz egal, wie viel ich saufe,“ seufzte er.
Aus der Ferne hörte er leise einen Oxo86 Song, der sich rasch unter lauter werdendem Motorenlärm näherte. Schnelles Schlagzeug von Sadlowski, glasklare Trompete und ein Chor zum Mitgrölen. Diese Hymne tat gut und versprach ihm ganz klar im schwermütigen Moment: Du bist nicht allein!
Das wird vorübergehen, vorübergeh’n! Und solange kannst du auf mich zählen! Das wird vorüber gehen! Und ganz egal, Ob hier alles in Scherben fällt, ich bin am Start! (Das wird vorübergehen - A-Seite - 30 Jahre Oxo86)
Die Beschallung rührte von den überdimensionalen Boxen eines weißen Beiwagen-Motorrads mit goldenen Sternen her, auf dem eine orangegelbe Pelzgestalt mit Sturmbrille saß. Rattes Puls stieg an. Kein Zweifel, da kam Hank Heavyheart, dieser Strassenmusikant mit seiner Phantasmaphon Angeber-Gitarre. Offenbar war er ohne Hamster unterwegs. Von seinen Gefühlen gepackt sprang er direkt vor das Motorrad auf die Strasse und schrie: „Halt! Wo hast du Hamster gelassen?“
Das Gespann kam mit einer Vollbremsung vor ihm zum Stehen.
„Ratte, spinnst du? Fast hätte ich dich überfahren!“, keifte Hamster. Als sie die Sturmbrille absetzte, brauchte Ratte ein paar Sekunden, um zu schnallen, dass dort direkt vor ihm Hamster auf dem Bock saß. Da lachten beide und umarmten sich.
„Hungäääääääär!“, erklang plötzlich der wütendste Schrei, den Ratte jemals gehört hatte. Im Beiwagen kauerte ein winziges, pelziges Wesen mit nur einem einzigen Nagezahn im Maul. Es sah ein bisschen aus, wie ein mini Bär mit schwarzer Fellzeichnung an den Beinen und einer roten Bandana als Lätzchen. Jetzt brüllte es mit melodischer Stimme, die ohne Verstärker einen ganzen Saal beschallen konnte: „Hungäääär-hungär-huuuuuuun-gär- uhhhäääääh!“
Was da brüllte, so laut und grässlich, wie zehn Bären zusammen, war ein dickes Feldhamsterbaby.
Ratte blickte verdattert, dann wühlte er eifrig in seinen tiefen Manteltaschen und holte ein altes Stück Brot hervor, das er dem Schreihals reichte.
„Autsch!“, quiekte Ratte, als der kleine Propper ihm in die Pfote biss. Misstrauisch beglotzte das fette Wuschelding ihn aus bockigen Augen, während es einzahnig an dem Brotkanten knabberte.
„Kids are ready to join the action, kids are ready to reclaim the street,“ sagte Hamster, sichtlich stolz auf ihren eigenen Nachwuchs. Dann fügte sie hinzu: „Darf ich vorstellen, das ist Hæmstÿ. Hank und mein Baby, du bist Onkel geworden.“
„Huhu, Hæmstÿ!“, winkte Ratte. Aber er wurde nur argwöhnisch von dem bissigen Hamsterbaby betrachtet. Da holte er aus seiner Manteltasche die blaudurchscheinende Oxo86-Vinyl hervor. Als er sie zeigte, wurden Hæmstÿ’s Augen groß und es zeigte aufgeregt mit den Pfötchen auf die runde blaue Scheibe. Zusammen betrachteten sie die Bilder im Gatefold-Cover. „Awww, wie knuffig,“ entfuhr es Ratte unvermittelt und er fühlte nur noch Liebe für dieses einzahnige Wuschelding.
„Life has been given to grab and enjoy,“ stellte Hamster klar. „Wir haben uns Monate nicht gesehen, Ratte. Ich und der Strassenmusiker hatten in der Zeit eine heiße Beziehung, sage ich dir, und das Kleine ist dabei rausgekommen. Die Beziehung ist futsch, aber das Baby bleibt als Souvenir.“ So waren Feldhamster eben, die kurze große Liebe, danach lieber alleinerziehend.
„Ich weiß, Hamster sind Eigenbrötler und trennen sich grundsätzlich immer super dramatisch,“ nickte Ratte wissend, der als Wanderratte hingegen besonders sozial war.
„Hank hat mir bisschen was auf der Ukulele gezeigt,“ sagte Hamster und begann, statt großer Worte, einen ernüchternden Herzschmerz-Song von Oxo86 als Erklärung zu singen. Dazu schrammelte sie auf der Cigarbox Ukulele den superschnellen Song von Oxo86, einer der temporeichsten auf dem ganzen neuen Album. Ihr Ukulelen-Spiel klang schon richtig gut, fast konzertreif.
Mayday! Mayday! Over and Out! Schiffbruch der Herzen, Sturm und Drang! Mayday! Mayday! Over and Out! (Mayday - A-Seite - 30 Jahre Oxo86)
„Außerdem hat mir Hank sein Motorrad als Kinderwagen geliehen,“ sagte Hamster, als sie fertig war mit der Showeinlage.
Ratte klatschte und schaltete sofort:
„Mit seinem geilen Motorrad können wir aus diesem überhitzten Touridorf abhauen und unsere Plattensammlung zurückholen…“,
„…und die Soundmaschine. Ganz genau so dachte ich es mir“, pflichtete Hamster bei.
„Lass uns gleich losfahren,“ beschlossen sie und umarmten sich.
Grantig starrte Hæmstÿ die beiden an und verlangte mit Schmatzgeräuschen hartnäckig mehr Brot. Hastig begann Ratte blödsinnige Grimassen zu schneiden, um den Zwerg zu besänftigen, doch es nützte nichts. Voll Ablehnung zerrte Hæmstÿ an seinem grünen Mantel. Ratte grinste über diese Faxen, Hamster schob ihr Karatestirnband zurecht, setzte die Sturmbrille auf und startete den Motor.
Der Anlasser war mit der Musik-Anlage gekoppelt, aus den Boxen des weißen Beiwagenmotorrads dröhnte ganz laut ein Song von Oxo86. Sofort beruhigte Hæmstÿ sich bei Willis Stimme, das Kleine quietschte sogar ein bisschen mit. „Hæmstÿ liebt Oxo86,“ lachte Hamster. Schließlich gab es unter der rauen Schale der Band eine Viersong-EP, die Oxo86 für Kinder unter dem Titel „If the Kids Are United“ veröffentlicht hatten.
Mit einem Song aus Oxo86’s Kindheitserinnerung in den Boxen rollten sie los, ihrem zerstörten Zuhause entgegen. Sänger Willi ließ daran keinen Zweifel, dass ein gutes Daheim keinen Palast brauchte, so wie einst Ratte und Hamsters Unterschlupf. Nostalgie und Sehnsucht gehörten zu dem Lied über eine glückliche Kindheit in einer gebrandmarkten und untergegangenen Welt, begleitet wie immer vom Ska-Streetpunk-Sound, der seit Jahrzehnten typisch ist für Oxo86.
Und wie der Seemann den Sternen, Folgen wir den Strassenlaternen, Auf dem Weg nach Haus! Auf dem Weg nach Haus! Sie nennen es Ghetto und soziales Abstellgleis, Ich könnte kotzen, weil ich es besser weiß! (Auf dem Weg nach Haus - A-Seite - 30 Jahre Oxo86)
Zutiefst berührt vom ereignisreichen Tag, beschloss Ratte: „Ich werde nie mehr trinken. Ich trage jetzt Verantwortung, weil ich Onkel bin.“ Fast wurde er ein wenig traurig, als er sein altes Leben aufgab. Hatte er wirklich schon alle Biersorten probiert? Das Strassenpflaster unter ihren Rädern wurde rötlich von der Morgensonne überflutet, die Laternen glommen schwach im Dämmerlicht, als die Sterne verblassten, um einem neuen Tag auf ihrem Roadtrip Platz zu machen.
Es sieht ja fast so aus, als könnten die nächsten Folgen angefüllt mit seichter Popmusik, Niedlichkeit und Nüchternheit so vor sich hin plätschern. Wären da nicht all die Biersorten, Hamsters Ex und die verlorene Vinyl-Sammlung, die für Molltöne im Leben sorgen. Ob sie die Platten on Top wiederbekommen, erfährst du in der nächsten Folge, wenn es wieder heißt: Hamster und Ratte hören gerne Platte.
Die LP zum Soundtrack, das Album 30 Jahre Oxo86, gibts u.A. in schwarz bei der Bernau Punkrock League und in blau bei Sunny Bastards.
Lösung Lyrics Zitate:
„So you are giving up drinking, you’ve given up fun“ – Giving Up Drinking, Peter and the Test Tube Babies
„Kids are ready to join the action, kids are ready to reclaim the street“ – Kids are ready – Los Fastidious
„Life has been given to grab and enjoy“ If the Kids Are United – Sham 69
P.S: Ihr wisst ja, dass ich ungerne Meta Links teile, in dieser Folge musste es aber so sein, da ich keine andere, aktive Webpräsenz finden konnte. Allerdings ist hier ein tolles Interview mit Anna Haase und dem Comic Blog 7 auf einen Strich. Etwas älter, aber ich fand’s trotzdem schön zu lesen.

