Finnland hat musikalisch einiges zu bieten. Bei Stolen Kidneys wird es allerdings nicht unbedingt gemütlich. Seit 2009 treibt die Band ihren ganz eigenen Sound zwischen Noise Rock, Sludge und Hardcore durch die Gegend. Auf ihrem dritten Album „Melankolia“ treffen die bekannten Einflüsse aus dem ’90er Post-Hardcore und Noise Rock auf die Schwere von Breach und Neurosis. Dazu kommen The Jesus Lizard, Shellac und mit „Radiopuhelimet“ auch ein Stück finnische Heimat. Nach „Maailma loppuu“ von 2022 stand die Band an einem Scheideweg. Noch tiefer in die schwere, sludgige Richtung oder den Sound öffnen und neue Wege ausprobieren. Zum Glück hat sie sich für Letzteres entschieden. „Melankolia“ entwickelt den bisherigen Stil weiter und lässt deutlich mehr Melodie und emotionale Tiefe zu, ohne die raue Grundstimmung aufzugeben.
Schon „Etkö Näe Tätä Kärsimystä?“ macht klar, dass hier nichts glattgebügelt wird. Gitarren wühlen sich durch die Songs, der Bass drückt ordentlich und die Drums halten das Ganze zusammen. Darüber liegt ein Gesang, der sich bestens in dieses kantige Gesamtbild einfügt. Mein persönlicher Favorit „Muutoksen Aika“ zeigt besonders schön, was Stolen Kidneys auf diesem Album auszeichnet. Die Nummer besitzt eine ordentliche Schwere, verliert sich aber nicht darin. Zwischen Noise und Wucht arbeitet sich immer wieder eine Melodie heraus. Genau diese Balance gefällt mir ausgesprochen gut. Auch „Piinava Hiljaisuus“ passt perfekt ins Gesamtbild. Stolen Kidneys arbeiten hier viel mit Spannung und Dynamik. Nicht jeder Moment muss sofort explodieren. Manchmal reicht es, wenn sich etwas langsam aufbaut.
Mit „Riemunjuhla“ folgt für mich eines der weiteren Highlights. Fast fünf Minuten nimmt sich die Band Zeit, um ihren Sound wirken zu lassen. Der Song lebt von seinen Wechseln und seiner Atmosphäre und zeigt, dass Stolen Kidneys ihre Songs nicht einfach nur mit möglichst viel Lärm füllen. Besonders hängen geblieben ist bei mir „Hylkiö“. Die Mischung aus Härte und emotionaler Schwere funktioniert hier hervorragend. Der Noise Rock Einfluss ist deutlich zu hören, während der Hardcore weiterhin ordentlich Druck macht. „Raakaa Voimaa“ gehört ebenfalls zu meinen Favoriten und bringt genau das mit, was der Titel verspricht. Rohe Kraft. Trotzdem bleibt die Nummer abwechslungsreich genug, um nicht zum stumpfen Brecher zu werden. Den Abschluss bildet der fast sechsminütige Titeltrack „Melankolia“. Für mich ein sehr passender Schlusspunkt, der noch einmal alle wichtigen Elemente des Albums zusammenführt. Düster, schwer und emotional, ohne dabei in Kitsch abzurutschen.
Und genau diese Mischung macht für mich den Reiz der Platte aus. Die bekannten Einflüsse von Unwound, Slint, The Jesus Lizard, Shellac, Breach und Neurosis sind weiterhin hörbar, gleichzeitig haben Stolen Kidneys ihren Sound um eine melodischere und emotionalere Ebene erweitert. Auch Bands wie Maximillian Colby, Navio Forge, Julia oder Breakwater werden als Einflüsse genannt und diese zusätzliche Farbpalette steht der Band ausgesprochen gut. Produziert wurde „Melankolia“ im Tonehaven Recording Studio im finnischen Lievestuore von Tom Brooke. Das Studio ist für Stolen Kidneys bereits eine vertraute Adresse und passt hervorragend zum Sound der Band. Der Klang bleibt massiv und dreckig, ohne dabei undifferenziert zu werden.
Das Mastering übernahm Will Killingsworth, der ebenfalls genau weiß, wie man einer solchen Platte die nötige Kante lässt. Nichts wirkt unnötig poliert und genau das ist hier die richtige Entscheidung. Stolen Kidneyshaben mit „Melankolia“ ihren Sound nicht einfach schwerer gemacht, sondern erweitert. Das Ergebnis ist ein düsteres, eigenwilliges und atmosphärisches Album, das seine Stärken vor allem dann zeigt, wenn man ihm etwas Zeit gibt. Für mich eine verdammt interessante Weiterentwicklung der Band und eine Platte, die definitiv mehrere Runden auf dem Plattenteller bekommt.
Und wenn Ihr jetzt Lust habt auf die Scheibe, dann solltet ihr bei Day Off Records vorbei schauen. Sicherlich hat auch euer Händler des Vertrauens, Zugang zu dem Album und kann euch glücklich machen.

