Zwei Mann, ein Studio, eine Menge Fuzz-und andere Pedale – darum geht es hier wohl heute. Also eigentlich geht es um das zweite Album von Hawel/MacPhail mit dem Titel „sorrow Wonderland“ und ob drin ist, was draufsteht — ob also mehr Sorrow oder mehr Wonderland in den zwölf Songs auf der Platte steckt — das ist die eigentliche Frage, die sich hier stellt. Und meine bisher meistens sehr positiven Erfahrungen mit Duos bzw. 2-Personen-Combos lassen die Erwartungshaltung hier von Anfang an nicht gerade niedrig ausfallen. Das Album ist übrigens auf La Pochette Surprise Records erschienen, einem Label, das für mich fast schon ein Garant für spannende und interessante Veröffentlichungen geworden ist.
Rick McPhail — übrigens möglicherweise bekannt von Tocotronic und/oder seinem Soloprojekt Mint Mind — und Frehn Hawel von der Hamburger Band Tigerbeat hatten ihr Debüt-Album Transmissions From The Upper Room 2021 rausgebracht. Laut Pressetext und etwas eigener Internetrecherche sah das wohl so aus: Freunde, die sich in McPhails Heimstudio treffen, Fuzz-Pedale ausprobieren und irgendwann anfangen, Songs zu schreiben. Einfaches Konzept soweit. So ein eigenes Studio ist halt auch einfach echt praktisch!
Fünf Jahre ist das her. Was dazwischen lag, fasste der Herr Hawel – ebenfalls laut Internetquellen – ganz lapidar folgendermaßen zusammen: das Leben. Die Musik musste warten – so ist das halt manchmal, das kennen vermutlich alle Menschen, die irgendwas mit Musik zu tun haben. McPhail hatte sich zwischenzeitlich eine Auszeit von Tocotronic genommen, Hawel ist heute unter anderem Mit-Organisator des Reeperbahnfestivals. Dass die beiden trotzdem — oder vielleicht gerade deshalb — wieder als Hawel/McPhail zusammengefunden haben, hört man dem Album an.
Sorrow Wonderland klingt genau danach — und das ist ausdrücklich als Kompliment gemeint. Schon die Eröffnung lässt keine Missverständnisse zu: Zerre, verrückte Alien-UFO-Sounds, als würde gleich ein Raumschiff von der Startrampe kippen. FUZZ IST DIE MACHT — das scheint hier das Motto, und es wird geflangert und gefuzzet, bis die Pedale brennen. Wer Thee Oh Sees oder den leider früh verstorbenen Jay Reatard im Plattenschrank stehen hat, weiß sofort, wo er gelandet ist. Das Ganze klingt dabei aber nie nach bloßem Retro-Abklatsch, sondern nach zwei Leuten, die diese Sounds wirklich verinnerlicht haben und daraus etwas Eigenes destillieren. Gerade stimmlich bzw. was den Gesang angeht, heben sich die beiden von anderen Duos dieser Art ab – der Gesang hat schon fast poppige Einschläge und ist nicht das, was man – oder ich – bei so Garage-Mucke erwartet hätte. Auch das ist keineswegs negativ gemeint.
Was das Album dann für mich über reines Garagen-Rock-Handwerk hebt, ist der Umgang mit Tempo und Dynamik. Über die zwölf Songs variiert das Duo beständig — mal aufgedrehter Punk-Punk-Punk, mal nachdenklichere Indie-Momente — und hält so das Hirn wach, das bei allzu gleichförmigem Fuzz-Beschuss ja gerne mal auf Autopilot umschaltet. Bei Golden Ticket drängen sich unweigerlich Queens of the Stone Age ins Bewusstsein, dieser gleiche schwebende Groove zwischen Druck und Coolness. Hawel schreibt und singt alle Songs, McPhail sitzt hinterm Schlagzeug und an den Reglern — eine klare Arbeitsteilung, die dem Material spürbar guttut.
Thematisch bewegen sich Hawel/McPhail auf Sorrow Wonderland durch Entfremdung, Langzeitbeziehungen und das Älterwerden — und durch ein Umfeld, in dem Kunst sich zunehmend nach Verwertbarkeit und der Anzahl digitalem Geklicke zu rechtfertigen hat. Ihre Antwort darauf kommt aus dem Fuzz-Pedal.
Ob am Ende mehr Sorrow oder mehr Wonderland überwiegt? Vermutlich keins von beidem — eher das trotzige Gleichgewicht zwischen den beiden. Und das ist gut so.
Auch optisch finde ich das zweite Album der beiden durchaus ansprechend, irgendwie erinnert mich das Cover an so klassische Monty Phyton Film-Covers – die sind auch gern mal Collagen-artig gestaltet. Nicht ganz so „gruselig“ allerdings. Zusammen mit dem Gelb oder Schwarz der auf 250 Stück limitierten Platte ergibt das Rosa des Covers einen sehr schönen Kontrast! Gefällt mir gut.
Bestellen kann man die Platte dann HIER!

