Manche Bands machen einfach ihr Ding! Und das ohne großes Tamtam, ohne künstliche Attitüde und ohne den Anspruch, sich ständig neu erfinden zu müssen. Die Neat Mentals gehören genau in diese Kategorie. Seit rund zwölf Jahren mischt die Band aus dem Stuttgarter Raum Punk, Rock und alles, was sonst noch Spaß macht. Dabei bleiben sie vor allem eines, authentisch!
Mit ihrem neuen Album „Fortune And Fate“ zeigen sie, dass Punk für sie keine Schublade ist. Zwischen eingängigen Melodien, Rock’n’Roll-Einflüssen und überraschenden Ausflügen in härtere Gefilde machen die Neat Mentals einfach das, worauf sie Lust haben. Im Interview sprechen Philipp und Flo über die Anfänge der Band, DIY, Tourpannen, Lieblingsbands, kaputte Gitarrengurte und warum es auch nach zwölf Jahren noch wichtig ist, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.

Ich grüße euch und freue mich das ihr die Zeit gefunden habt. Für die Leute die euch nicht kennen, haut mal raus wer ihr seid.
Philipp: Hey Norman, zunächst einmal ein dickes Dankeschön, dass Du Dir die Mühe machst, dieses Interview mit uns zu führen! Wir sind die Neat Mentals und behaupten weiterhin frecherweise, dass wir aus Stuttgart kommen. Zu Gründungszeiten vor rund 12 Jahren haben tatsächlich noch drei von uns vieren dort gelebt, mittlerweile ist es aber nur noch einer. Mittlerweile sind wir im ganzen Ländle verstreut, finden aber immer noch die Zeit und Muse, gemeinsam Musik zu machen – ganz ohne Besetzungswechsel in all den Jahren! Musikalisch laufen wir offiziell wohl immer noch als Punkband, allerdings finden wir selbst, dass wir schon immer etwas über den bekannten Tellerrand geschaut haben und so wirst Du auf unserem aktuellen Album „Fortune And Fate“ (VÖ 17.07.) schon auch Passagen raushören, die eigentlich eher in den Metal Hammer gehören!
Wie kam es eigentlich zu Neat Mentals und wann war der Moment, an dem ihr gemerkt habt: „Okay, das könnte mehr als nur ein paar Proberaum-Biere werden“?
Philipp: Franco, Pete und ich kennen uns schon seit unserer Jugend. Wir kommen alle drei aus der Peripherie der Schwäbischen Alb und damals wie heute fällt man sich da gegenseitig recht schnell auf, wenn man Rockmusik mag. Wir hatten auch schon vor den Mentals eine Band zusammen, die Smalltown Rockets. Franco stieg aus privaten Gründen aus und wir hatten uns ein paar Jahre aus den Augen verloren. Eines schönen Tages rief er bei mir an und meinte: „So! Hab wieder Bock und Zeit, lass uns wieder ‚ne Band machen!“ Ich den Pete angerufen, der wollte auch, den Flo hatte der Franco in Heilbronn aufgegabelt. Ist zwar schon lange her, aber ich meine mich zu erinnern, dass wir schon bei den ersten 2-3 Proben recht produktiv waren und noch wichtiger: auch sehr schnell einen gemeinsamen musikalischen Nenner gefunden hatten. Ich denke, da war klar, das kann mehr werden…
Flo: Also aus meiner Perspektive lief das so: Eines schönen Abends saß ich an der Bar meiner damaligen Stammkneipe in Heilbronn – dem Stereo Total – und dann kam da so ein Dude auf mich zu, den ich zwar schon einige Male gesehen aber noch nie ein Wort mit ihm geredet hatte. Frank hieß der. Und der meinte dann „Hey, du spielst doch Schlagzeug oder?“ und ich so „mhm“ und er so „Ich hab da so paar alte Kumpels, wir hatten mal ne Band, dann war ich verheiratet und wir keine Band mehr, jetzt bin ich nicht mehr verheiratet und will wieder ne Band, hast du Lust mal zu Jammen?“ und ich so „mhm“. Ja und dann haben wir uns mal getroffen und gemerkt, dass das sowohl menschlich, als auch musikalisch gut passt. Das war´s dann eigentlich auch schon.
Welche Band beeinflusst euch vermutlich mehr, als ihr öffentlich zugeben würdet?
Flo: Ich glaube, uns beeinflussen jeweils sehr unterschiedliche Bands und noch dazu viel zu viele als das wir – oder zumindest ich – das hier jetzt irgendwie festlegen könnte. Was ich aber immer wieder merke ist, der Einfluss der Bands, die man eben die letzten paar Wochen bis zur nächsten Probe gehört hat – der taucht dann in der Probe recht schnell auf, der Einfluss.
Philipp: Mich persönlich immer AC/DC. Kann ich aber auch öffentlich zugeben, hahaha! Wenn ich mir speziell die Leads auf „Fortune And Fate“ anhöre, würde ich sagen: Iron Maiden. Die sind ja vielleicht auch bisschen verpönt im Punk?! Andererseits kenne ich auch ne Menge Leute in der Szene, die Maiden abfeiern!
Was macht euch als Band aus, außer schlechter Witze und zu wenig Schlaf?
Philipp: Na na na, junger Mann! Unsere Witze haben stets Niveau! Und schlafen kann man ja dann bei der Arbeit wieder. Ich denke, was ich oben schon gesagt hatte: 12 Jahre ohne Besetzungswechsel und wir mögen uns immer noch! Dadurch funktionieren wir mittlerweile auch fast schon blind zusammen auf der Bühne, zumindest wenn wir ältere Sachen spielen. Wegen der räumlichen Distanz proben wir selten und fahren meistens auf gut Glück zu den Gigs, um dann von uns selber überrascht zu sein, wie gut das dann wieder geklappt hat, so aus dem Off heraus! Außerdem agieren wir sehr spontan und nicht eingeübt und reagieren sehr spontan und direkt auf unser Publikum. Neulich meinte doch tatsächlich einer auf nem Festival zu mir, dass er es ja total krass fände, dass wir als Band uns unter den „normalen“ Gästen herumtreiben würden. Klar Mann! Wir sind ja nicht Aerosmith, hab ich ihm geantwortet, hahaha! Wir sind weiterhin dankbar und demütig für die Möglichkeiten, die uns geboten werden und nehmen das alles als nicht selbstverständlich hin. ich denke, das wissen und/oder spüren die Leute.
Flo: Also für mich eindeutig die Art und Weise wie wir miteinander umgehen – egal ob im Proberaum oder außerhalb. Wir kommen einfach gut miteinander aus! Außerdem auch, dass es keinen wirklichen „Band-Leader“ im klassischen Sinne gibt, also einen, der immer alles entscheidet oder sich in den Vordergrund spielt – wir sind irgendwie alle gleich was das angeht auch wenn wir total verschiedene Menschen sind.
Gab es einen Moment, in dem ihr kurz davor wart, alles hinzuschmeißen?
Philipp: Meistens am Morgen danach, aber nur bis das Aspirin gewirkt hat, hahaha! Im Ernst: ich glaube nicht wirklich, also zumindest bei mir nicht.
Flo: Ich habe solche Momente manchmal im Proberaum, wenn irgendein neu eingebrachter Song meine Fähigkeiten am Schlagzeug überschreitet, weil irgendwelche 7/16tel Betonungen eingebaut sind und ich dann irgendwann genervt und ungeduldig werde. Dann habe ich manchmal kurz meine 5 Minuten aber dann geht‘s auch schnell wieder. Also meistens.
Was war bisher euer größter „Das kann doch nicht wahr sein“-Moment?
Philipp: Puh! Wie viele Zeilen hab ich für die Beantwortung dieser Frage? Den größten dieser Art gibt es eh nicht. Es gab so viele individuelle und nicht gegenseitig in Relation stellbare davon. Eine Tour in England zu fahren, einen geilen Song geschrieben zu haben…und dann noch mal einen, der Umstand, dass sich mit Flight13 und Gunner Records zwei renommierte Szenelabels für uns interessiert haben, oder letztes Wochenende einen Apfel mit den super Dudes von MakeWar geraucht zu haben, hahaha!
Flo: Ähnlich wie bei den uns beeinflussenden Bands – da gab´s schon so einige. Von vergessenen Gitarren oder Schlagzeugteilen (also vergessen mit zum Gig zu bringen) über vom Main-Act „versehentlich“ geklaute Instrumente die wir dann selbst irgendwie wieder irgendwo einsammeln mussten bis zum kaputten Bus auf der Tour irgendwo in Bochum…
Philipp: Achso, ich hab die Frage jetzt eher als ein positives „Das kann doch nicht wahr sein“ verstanden. Na gut, jetzt haste halt beides…
Wie entsteht bei euch ein Song – geordnetes Chaos oder chaotische Ordnung?
Philipp: Mittlerweile eigentlich sehr diszipliniert. Ein Song wird nur dann angegangen, wenn auch bereits ein Text, mindestens aber ein Textentwurf dazu vorliegt. Einer von uns bringt die Grundstruktur mit und wir arbeiten ruhig, konzentriert, manchmal auch diskutierend daran, bis jeder mit dem Ergebnis zufrieden ist, mindestens aber damit leben kann. Wir haben das unglaubliche Glück, direkt im Tonstudio unseres Kumpels Sven proben zu können und können deshalb alles Erarbeitete direkt und in guter Qualität aufnehmen.
Wer bringt die verrücktesten Ideen mit in den Proberaum?
Philipp: Songs jetzt, oder was?! Oder eher so Sachen wie Manner-Kekse mit Knoppers-Geschmack?
Flo: Also musikalisch macht das gerne der Peter – der hat manchmal so Phasen da schreibt er Songs, nur um sich selbst an der Gitarre herauszufordern (so kommt es mir jedenfalls vor). Da gibt‘s dann wilde Betonungen auf unmenschliche Zahlen oder Halbzahlen oder kaum mit zu zählende Intros oder so Kram. Dauert gerne mal ne Weile, aber oft wird dann doch noch was Gutes draus.
Welcher eigene Song wird eurer Meinung nach unterschätzt?
Philipp: Ich denke, das setzt voraus, dass wir ihn zunächst mal selber unterschätzen, sprich nicht live spielen. Ich persönlich würde gerne unseren allerersten Song „Thing To Do“ wieder mit ins Set aufnehmen. Coole catchy Schwedenrocknummer. Wissen die anderen aber noch gar nix von und den müssten wir tatsächlich erst wieder proben, hahaha!
Flo: Also mein klarer Favorit bleibt Strangers von der Wasteland-Platte. Da sind wir aber tatsächlich mal zur Abwechslung recht uneinig unterwegs, hahaha.
Gibt es einen Song, bei dem ihr heute denkt: „Den würden wir so nie wieder schreiben“?
Flo: Ja also rückblickend betrachtet „Good Ones“ oder „Little Sunshine“ von der Humanoid-Platte. Beide inhaltlich recht platt und aus meiner Sicht eventuell auch nicht mehr so ganz zeitgemäß.
Philipp: Wir hatten mal so ne komische Psychedelic-Hippie-Nummer geschrieben, die wir tatsächlich bei den allerersten Konzerten auch live gespielt hatten. Wohl aber eher aus Mangel an Alternativen und ich weiß auch gar nicht mehr, wie die hieß. Aufgenommen haben wir die auch nie und die wäre heutzutage auch schlicht und ergreifend fehl am Platz.
Welche Textzeile von euch würdet ihr euch selbst tätowieren lassen?
Flo: Ich schwanke zwischen „not my fight, not my war“ aus „Sorrow“ oder „everyone is on the run“ aus „Alive“ – beides auf der neuen Platte die am 17.07. kommt.
Philipp: Tatsächlich haben wir nicht nur eins, sondern gleich zwei Tourtattoos. Eines gab’s in Bristol/UK und eines von unserem Freund Tante Jo (der hat auch das Artwork zu unserer 7“ „Virus/It Ain’t Easy“ gezeichnet) in Köln. Textzeilen möchte ich nicht auf meinem Körper. Find ich albern und in 20 Jahren sieht man die Sache dann ja doch anders, hahaha!

Was war das seltsamste, das euch jemals nach einer Show passiert ist?
Philipp: Schnaps zu trinken. Machen wir eigentlich nie! Oder vielleicht auch das, was sich eben jüngst ereignet hat und ich bei Frage 4 schon zu Protokoll gegeben habe. Der Herr konnte es quasi kaum fassen, dass er mit einem Bandmitglied leibhaftig in Kontakt und in ein Gespräch auf Augenhöhe kam. War schon weird und wenn ich ganz ehrlich bin, das fand ich einerseits irgendwie putzig und andererseits hat es schon auch etwas mein Bäuchlein gepinselt.
Welcher Auftritt war gleichzeitig der beste und schlimmste eurer Karriere?
Philipp: Also das muss man jetzt ja irgendwie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Ich versuch’s mal so: richtig scheiße war der Auftritt bei einem Festival in Ingolstadt. Da ist einem von uns der Gitarrengurt gerissen und bis Ersatz da war (der kam damals von dem Gitarristen von 100 Kilo Herz), hat das eine halbe Ewigkeit gedauert. Der Rest der Band damals noch wenig eloquent, hat es dann auch nicht geschafft, die kleine Meute bei Laune zu halten und so hat sich das dann irgendwie verlaufen vor der Bühne. Die Party drum herum war aber dennoch der Hammer. Wären wir also nur als Gäste dort gewesen, wäre das an diesem Tag vielleicht die bessere Lösung gewesen, hahaha!
Was darf auf keiner Tour fehlen?
Flo: Kaltes Bier und nette Menschen.
Philipp: Eigentlich der Gameboy, aber meiner ist leider schon lange am Arsch!
Gab es schon einmal einen Auftritt, bei dem wirklich alles schiefgelaufen ist?
Philipp: Gerissene Gitarrengurte und keinen Ersatz, Eiseskälte, weil keine Kohlen mehr für den Bollerofen und spielen dann nachts um halb 2!, Basedrumfell gerissen (passiert eigentlich echt nie!) und Gott sei Dank hatten Bambix nen Ersatz dabei! Gibt’s schon noch mehr, aber als ressourcenorientiert denkender und handelnder Sozialarbeiter ist mir die Frage eigentlich zu destruktiv gestellt, hahaha!
Flo: Absolut! Wenn ich mich recht erinnere war das das „Rock am Hinkelhof“. Da kamen wir recht spät an, haben absolute Grütze gespielt, dann ist Peters Gitarrengurt gerissen und er hat mehrfach versucht ihn mit Gaffa-Tape zu ersetzen, Philipp war dann so sauer, das er seinen Bass auf die Bühne geschmissen hat und ich hab dann am nächsten Tag meinen Drum-Hocker im Kühlanhänger vergessen (fragt mich nicht warum der drinne stand – oder möglichweise noch steht…).
Philipp: Das, was Flo da jetzt zusammengestellt hat, ist eher so eine Art Potpourri aus verschiedenen Abenden, hahaha! Achso, bei mir ist’s ja auch nicht anders. Damn! Du siehst aber, dass was schief geht, gehört zum Geschäft. Zumindest bei uns, hahaha!
Wenn eure Band ein Kneipengetränk wäre – welches wäre sie und warum?
Philipp: Bier. Das schmeckt so lecker und geht zu jeder Tageszeit!
Flo: Das ist einfach, wir wären ein Hürlimann Bier.
Philipp: Au ja, stimmt! Nicht nur irgendein Bier, sondern ein Hürlimann!
Wer von euch würde als Erster bei einer Zombie-Apokalypse draufgehen?
Philipp: Alter, was kuckst du denn für Filme? Müssen wir uns Sorgen machen, hahaha! Also wenn das ganz besonders hungrige Zombies sind, dann wohl ich, weil ich der, ähem, größte von uns bin. Wenn die nur so nen kleinen Happen zwischendurch haben wollen, dann wohl der Pete, wenn die junges und junggebliebenes Fleisch bevorzugen, dann wäre wohl Franco fällig und wenn die aus irgendeinem Grund ganz viel Haare in der Fresse haben wollen, dann müsste Flo als erster dran glauben.
Flo: Vermutlich Frank, der würde einfach zu lange drüber nachdenken was jetzt die nächsten sinnvollsten Schritte sein sollten.
Philipp: Stimmt. Klingt am plausibelsten. Also dann, der Frank!

Was war die dümmste Idee, die ihr jemals als Band für genial gehalten habt?
Flo: Das ist jedes Jahr dieselbe – direkt beim Tourauftakt so viel trinken, dass es die nächsten neun Tage einfach nur noch eine Qual ist.
Philipp: Das sich gegenseitig Backpfeifen geben mit Tim in Jena. War so ne Art Mutprobe für stark alkoholisierte junge Erwachsene. Halte ich aber heute noch für genial, weil ich nur Zuschauer war und der Flo die Schellen eingefahren hat, hahaha!
Welcher Song von euch beschreibt euren Alltag am schlechtesten?
Flo: Am schlechtesten? Phu….das ist schwierig weil ja irgendwie die meisten Texte irgendwo aus dem Alltag heraus entstehen…ich würde jetzt sagen „Zeitverschwender“ weil ich glaube, dass wir – zum Glück – noch recht gut wissen was wir mit unserer Zeit anfangen sollen oder können…
Philipp: „Alcoholic“. Ist nur am Wochenende so!
Wenn eure Eltern eure Musik in drei Worten beschreiben müssten – welche wären das?
Flo: Ganz – toll – Sohn. (den jeweiligen Unterton überlasse ich eurer Fantasie)
Philipp: Ist – Ganz – Ok …. (aber eigentlich wollten wir, dass der Bub was G’scheites macht!)
Was nervt euch aktuell an der Punk- oder Hardcore-Szene?
Philipp: Grüppchenbildung und interne Abgrenzung, weil „not my style“ …oder so. Ist aber nichts Aktuelles, sondern ein alter, aber leider immer noch gerne getragener Hut. Punk war doch mal als das Ding gedacht, in dem jeder/jede so sein darf, wie er/sie ist und das dann auch ok sein darf. So hab ich das zumindest mal wo aufgeschnappt. Ich persönlich finde es mega, dass es im Punk so viele Subgenres gibt, v.a. wenn die dann noch bei ein und derselben Veranstaltung zusammengeworfen werden. Ist doch in allen Belangen viel interessanter, als zehn Hardcore-Bands am Stück!
Flo: Mich nerven Szenen insgesamt meistens. Szene bedeutet für mich immer, man ist irgendwie in sich geschlossen. Ich habe viele Szenen mitgenommen in meinem bisherigen Dasein, manche waren offener, manche geschlossener aber es ist immer irgendwie so ein Alles oder nichts Ding / gehört dazu oder eben auch nicht – das stresst mich extrem. Es gibt immer Dinge, die da irgendwie gut sind und wichtig – aber dann gibt es in derselben Szene aber auch wieder die Dinge, die den anderen genau entgegenstehen und niemand scheint das in Frage zu stellen – das übersteigt irgendwie meinen Horizont. Ich finde, man muss in keiner Szene sein, um ein cooler, interessanter oder korrekter Mensch zu sein – man muss einfach ein cooler, interessanter und korrekter Mensch sein.
Was läuft in der Szene besser als vor zehn Jahren?
Flo: Keine Ahnung – bin ja in keiner „Szene“. Was läuft denn überhaupt irgendwo besser als vor zehn Jahren? Ich habe oft das Gefühl es wird viel geredet, aber passieren tut dann doch recht wenig – egal ob Szene oder Gesamtgesellschaft. Da nehme ich mich auch nicht raus – aber ich behaupte es immerhin auch nicht.
Philipp: Ich weiche deiner Frage etwas aus, sage aber dennoch was dazu. Der Grund: ich weiß nicht, was vor zehn Jahren anders war, denn ich nehme die Szene sehr subjektiv war und tue mir schwer damit, allgemeine Tendenzen oder Entwicklungen zu beurteilen. Auch meine Beobachtung, wie in der vorherigen Frage geschildert, ist sehr subjektiv und vielleicht liege ich da auch völlig mit daneben? Für uns als Band aber kann ich sagen, dass wir heute unsere Termine gebucht bekommen, an denen wir spielen wollen, dass es viele Leute gibt, die wir kennen und schätzen gelernt haben – und anders rum und dass wir unsere Platten auf fähigen Labels veröffentlichen können. Das alles war vor zehn Jahren natürlich noch schwieriger, bzw. gar nicht erst abzusehen. Ich hasse diese Phrase zwar, bringe sie jetzt aber halt trotzdem: „Wenn mir vor zehn Jahren mal eine*r gesagt hätte, dass die Neat Mentals mal…blablabla. Ihr wisst schon was ich meine. Auch wieder subjektiv, logischerweise an uns gemessen: für uns läuft es in der Szene besser, sprich „leichter“, als vor zehn Jahren. Ist vielleicht aber eher eine sozusagen zeitliche und nicht szenebedingte Konsequenz.
Gibt es Regeln im Punkrock, die längst über Bord geworfen werden sollten?
Philipp: Ich bin alt und war durchaus noch bei Shows, wo Jungs oben ohne im Pit und auch auf der Bühne waren. Dann war ich vor vielen Jahren bei einer Band in einem Laden – beide möchte ich nicht namentlich benennen – und der Drummer zog sein Shirt aus, weil es verdammt heiß und stickig war. Die Band wurde gezwungen, ihr Konzert abzubrechen und ich war zugegebenermaßen doch etwas entsetzt darüber. Heute ist mir klar, das Wohl des/der Einzelnen (in dem Fall des Drummers) sollte nicht zum Unwohlsein vieler anderer führen. Deshalb sind Regeln und deren – in diesem Fall knallharte – Durchsetzung zunächst mal eine harte Bezeichnung für Mechanismen in einer Szene, die doch immer so was wie „jeder und jede darf sein, wie er/sie will“ gepredigt hat. Ganz ohne scheint es aber dennoch nicht zu gehen.
Welche junge Band sollte man unbedingt auf dem Schirm haben?
Philipp: Ganz spontan und aus dem Bauch heraus: Hete aus Ravensburg. Die sind zwar auch nicht mehr so ganz jung, werden auf mich aber für immer einen jugendlichen Charme ausstrahlen und ich mag die Musik und die Menschen dahinter schon sehr.
Was bedeutet DIY für euch heute noch?
Flo: Also ich glaube, wir sind schon noch recht DIY unterwegs – wir schreiben unsere Songs selbst, wir spielen sie sogar auch selbst, wir nehmen unsere Songs selbst auf, mixen und Mastern sie selbst, machen die Artworks für die Platten selbst, wir schreiben selber E-Mails oder rufen Leute an, wenn wir Gigs suchen und und und…also DIY bedeutet für uns einen Arsch voll Arbeit neben der Arbeit für Freibier und nem Platz zum Schlafen.
Philipp: Huch, der Florian wieder mit seiner saloppen Art! Ich beantworte das mal eben bisschen förmlicher, gell: Wir haben „Fortune And Fate“ komplett alleine komponiert, aufgenommen, gemixt und gemastert. Das Artwork hat Flo zusammen mit seiner Partnerin gemalt (ist tatsächlich ein echtes Ölgemälde!) und sämtlichen graphischen Schnickschnack hat Pete erledigt. Abgesehen davon, dass das Album bei Gunner Records erscheinen wird, ist es also ein lupenreines DIY-Produkt. Wir haben keine Booking-Agentur und auch wenn wir uns ehrlicherweise schon des öfteren eine gewünscht haben, bekommen wir auch in diesem Aufgabenfeld alles alleine hin und haben uns inzwischen auch ein verlässliches Netzwerk an zuverlässigen und liebenswerten Menschen aufgebaut, die uns immer wieder gerne helfen, buchen, bei sich spielen lassen. Wenn du mich nach der „Bedeutung“ von DIY fragst, dann klingt mir das tatsächlich zu „bedeutungsvoll“. Fakt ist aber: die Neat Mentals sind definitiv eine DIY-Band!
Welches Album würdet ihr auf eine einsame Insel mitnehmen?
Flo: Ich glaube Jazz von Queen…oder doch A Night at the Opera…ach Mist!
Philipp: AC/DC – Riff Raff. Nur eins ist aber fies, also lass mich bitte, bitte auch noch Poison Idea – Feel The Darkness mitnehmen. Bittteeeeee!
Was war euer letzter musikalischer Fehlkauf?
Flo: „Eyes Of Oblivion“ von Hellacopters.
Philipp: Waaas?! Noch ganz dicht, Herr Kollege?! Ist doch ein spitzen Album! Ich für mich musste lange überlegen, hab aber tatsächlich was gefunden. Neck Deep mit „Life’s Not Out To Get You“. Hat mich optisch und vom Label her angesprochen und ich dachte eigentlich, das fällt durchaus in mein Beuteschema. Ein Blindkauf, der leider zum Staubfänger wurde.
Welche Fähigkeit besitzt einer von euch, die niemand erwarten würde?
Philipp: Pete spielt inzwischen schon unglaublich gut Gitarre, obwohl er gar keine langen Haare hat, hahaha!
Worüber könnt ihr euch stundenlang unterhalten?
Philipp: Wir spielen als mal gerne „Bands mit…“. Das geht so: einer sagt laut „A“ und rattert dann leise das Alphabet für sich runter. Ein anderer sagt „Stopp“ und wenn dann beispielsweise gerade „G“ angesagt ist, dann geht das reihum mit Bands, die mit „G“ anfangen. Nervenkitzel pur! Flo hat aber meistens kein Bock, Franco kein Repertoire, ich halte dem Druck nicht stand und gewinnen tut deshalb immer der Pete!
Bier oder Kaffee?
Flo: Darf ich trennen? Unter der Woche Kaffee am Wochenende Bier.
Philipp: Beides eigentlich gar ekelhaft – und trotzdem wird es hemmungslos konsumiert!
Früh im Studio oder nachts im Proberaum?
Flo: Eher die Nachtaktion.
Philipp: Beides vorstellbar und schon x-fach umgesetzt. Manchmal so lange nachts im Proberaum (bei uns auch gleichzeitig Studio), bis es schon wieder früh war!
Ramones oder The Clash?
Philipp: Ich muss da nicht lange überlegen: The Clash! Alle anderen drei Neat-en würden aber mit Sicherheit Ramones sagen.
Flo: Clash.
Philipp: Ach da schau an! Na dann würden halt die anderen zwei Neat-en mit Sicherheit Ramones sagen.
Spotify oder Plattensammlung?
Philipp: Da muss ich eigentlich weit ausholen, will ich aber nicht. Die Kurzversion: wir haben aufgrund der vielseitig negativen Entwicklung von und bei Spotify viel darüber diskutiert, wie weit wir diesen Zirkus noch mitmachen wollen. Dann haben wir in Wien gespielt und Jey, die Bookerin dort, meinte, sie habe uns auf Spotify entdeckt und uns deshalb eingeladen. Für uns kann Spotify also tatsächlich der Wegbereiter sein, um an heiß begehrte Spots und Gigs ranzukommen. Wir finden das nicht gut, aber wir akzeptieren es – und als Band haben wir uns deshalb für einen Verbleib bei Spotify entschieden. Ich als Privatperson höre überhaupt keine digital angebotene Musik. Zuhause gibt’s Vinyl und in der Karre die CD. Ziemlich altmodisch, was? Da ich es aber selbst mag, wenn jemand unsere Platten kauft, möchte ich auch andere Bands dahingehend unterstützen. Klar bleibt da so manches auf der Strecke, denn mein Geld und Stauraum sind beide nicht unendlich vorhanden. Das ist halt der Deal! By the way: ich denke nicht, dass wir es auf „herkömmlichem“ Weg jemals nach Wien geschafft hätten, zumindest sind all die vielen Emails, die ich im Laufe der Jahre dorthin geschickt habe, allesamt unbeantwortet geblieben.
Flo: Platten!
Headliner vor 100 Leuten oder Support vor 5.000?
Philipp: Headliner vor 5000! Oder aber ne Floorshow in nem verschwitzten Keller oder in einer unserer Lieblingsbars, der Safari Bar in Zürich. Da fühlen sich die 40 auf Augenhöhe mindestens genauso gut an, wie 5000 weiter weg. Denke ich zumindest, denn vor 5000 haben wir noch nie gespielt!
Flo: Headliner oder Support, egal, aber 100 Leute reicht mir.
Sommerfestival oder verschwitzter Kellerclub?
Philipp: Beides geil! Eben auf dem Balarock in Bad Laasphe gewesen. Der Hammer und mein Geheimtipp an alle! Super Bands, super Leute, super Wetter! Und wenn’s dann im tristen und trüben November wieder zu unseren Freunden in den Stern nach Aschaffenburg und in die eben schon angesprochene Safari Bar geht, dann ist das auch spitzenmäßig!
Flo: Beides geil!
Welchen Rat würdet ihr eurem Band-Ich vom ersten Probentag geben?
Flo: Orientiere dich nicht an anderen, was den Konsum von alkoholhaltigen Kaltgetränken angeht!
Philipp: Mache die Musik, die dir gefällt. Haben übrigens auch schon Eric Clapton und Edward Van Halen zu Protokoll gegeben. Na die zwei haben, bzw. hatten ja auch gut reden. Deren Zeug mochten schließlich auch noch Millionen anderer Menschen! Es gibt aber nichts Schlimmeres, als eine Band auf der Bühne ertragen zu müssen, die sich den jeweils aktuellen Trends anbiedert und dabei so unauthentisch wirkt, wie wenn Trump vom ollen Infantino ‚nen Friedenspreis bekommt. Leider schon oft erleben müssen, das mit den anbiedernden Bands mein‘ ich jetzt!
Was wollt ihr in fünf Jahren auf keinen Fall über Neat Mentals sagen müssen?
Flo: Wisst ihr noch, diese Show damals, die hätten wir lieber mal nicht spielen sollen.
Philipp: „Neat Mentals machen Altherrenrock“. Das würde nämlich implizieren, dass wir alt geworden sind. Und das will doch nun wirklich keine*r bei sich wahrhaben wollen!
Wenn ihr eine Werbetafel mitten in eurer Heimatstadt aufstellen dürftet – was würde draufstehen?
Philipp: „Neat Mentals – Selbst wenn man von hier kommt, kann man es zu nichts bringen“
Flo: Hoi, mir send‘s, dui Band.
Was habt ihr noch nie in einem Interview gefragt bekommen, würdet aber gerne mal beantworten?
Philipp: Ganz ehrlich, lieber Norman! Das war das längste Interview ever und du hast sehr vielseitig gefragt und außerdem hat es draußen ca 40 Grad Celsius. Ich kann nicht mehr, hahaha! Wir danken Dir aber abschließend nochmal für Deinen Support!

