Hardcore hat die unangenehme Angewohnheit, sich regelmäßig selbst zu zitieren. Dieselben Riffs, dieselben Parolen, dieselben Posen. Modern Guilt interessiert das herzlich wenig. Die Schweden nehmen den Bauplan des frühen US-Hardcore und pusten den Staub runter. Anschließend machen sie genau das, was viele vergessen haben: Songs schreiben. Keine Stilübung, kein Retro-Zirkus und schon gar kein Versuch, zwanghaft das Rad neu zu erfinden. „Mind The Trap“ dauert kaum fünfzehn Minuten. Länger würde diese Platte vermutlich auch gar nicht aushalten. Dass hier keine Anfänger am Werk sind, hört man vom ersten Takt an. Die Mitglieder waren bereits bei Bands wie Anchor, Division of Laura Lee oder Sharp Tongues aktiv. Trotzdem wirkt nichts routiniert oder abgeklärt. Im Gegenteil. „Mind The Trap“ hat diesen Hunger, den viele Bands nach dem dritten Album längst verloren haben. Die Songs klingen, als müssten sie genau jetzt raus. Nicht morgen. Nicht nach der nächsten Tour. Jetzt!
„Always“ macht kurzen Prozess. Kein Intro zum Warmwerden, kein atmosphärisches Gitarrengeklimper. Der Song tritt die Tür ein, wirft einmal den Raum um und ist fast schon wieder verschwunden. Hardcore war nie dafür gedacht, höflich anzuklopfen. Der Titeltrack legt direkt nach. Kurze Riffs, trockene Breaks, Gangshouts, die eher nach verschwitztem Proberaum als nach Studiochor klingen. Gerade diese Unmittelbarkeit macht den Reiz aus. Nichts wirkt geschniegelt. Nichts wurde auf maximale Streaming Kompatibilität gebügelt. Das Album hat Ecken. Zum Glück. „Staying Alive“ trägt zwar einen Titel, der sofort Kopfkino auslöst. Doch hat er mit weißen Anzügen und Discokugeln aber ungefähr so viel gemeinsam wie ein Baseballschläger mit einer Rückenmassage. Statt Durchhalteparolen gibt es einen Song, der Druck aufbaut, ohne ständig auf die Zwölf schlagen zu müssen. Das funktioniert erstaunlich gut.
„Our Time“ und „The Link“ gehören zu diesen Stücken, die gar nicht groß auffallen wollen und gerade deshalb hängen bleiben. Hier zeigt sich, wie eingespielt Modern Guilt bereits sind. Jeder Break sitzt. Kein Riff läuft einen Takt zu lang. Niemand versucht, sich in den Vordergrund zu spielen. Das Ego bleibt draußen vor der Tür. Bei „No Peace“ wird endgültig klar, wo die Band ihre musikalischen Wurzeln hat. Negative Approach, Youth of Today oder Cro-Mags schweben permanent über der Platte, aber Modern Guilt kopieren ihre Helden nicht. Sie übernehmen deren Haltung. Das ist ein entscheidender Unterschied. Die Platte riecht nach Achtzigern, lebt aber im Hier und Jetzt. „Plug And Play“ ist vielleicht der cleverste Titel des Albums. Bequeme Musik sieht anders aus. Modern Guilt funktionieren eher wie Sand im Getriebe. Alles läuft scheinbar rund, bis plötzlich nichts mehr rundläuft. Genau dieses kleine Störgeräusch zieht sich durch die komplette Platte.
Mit „The Lights“ nehmen die Schweden minimal Tempo raus. Keine Ballade, keine Verschnaufpause. Eher dieses kurze Luftholen, bevor der nächste Schlag kommt. Hardcore braucht solche Momente. Sonst stumpft man irgendwann genauso ab wie bei einem Actionfilm, in dem jede zweite Minute etwas explodiert. „Loss For Words“ bringt dann genau das auf den Punkt, was „Mind The Trap“ insgesamt auszeichnet. Kein Gramm Fett zu viel. Andere Bands hätten aus denselben Ideen drei Minuten gemacht. Modern Guilt brauchen kaum die Hälfte. Mehr Disziplin als viele Fitnessstudios. „Mighty“ beendet das Album schließlich genauso, wie es begonnen hat. Ohne großes Theater. Kein epischer Schlussakkord, keine künstlich aufgeblasene Dramatik. Der Song sagt alles, was gesagt werden muss, dreht sich um und geht. Irgendwie sympathisch.
Überhaupt ist diese Platte angenehm frei von jeder Selbstdarstellung. Modern Guilt wollen niemandem beweisen, wie hart sie sind. Sie spielen einfach Hardcore. Punkt. In einer Szene, in der manche Bands mehr Zeit in Instagram-Trailer investieren als ins Songwriting, wirkt das fast schon rebellisch. Die Produktion passt dazu. Druckvoll, lebendig und genau schmutzig genug. Man hört den Raum. Man hört die Instrumente arbeiten. Vor allem hört man eine Band und keinen Computer, der jede Ecke glattgeschliffen hat. Genau das verleiht „Mind The Trap“ Charakter. Das Rad erfinden Modern Guilt nicht neu. Wozu auch? Ein gutes Rad fährt schließlich auch nach vierzig Jahren noch. Entscheidend ist, wer draufsitzt. Und Modern Guilt treten ordentlich in die Pedale. Ohne Schnickschnack, ohne Nostalgie-Kitsch und ohne den Drang, aus Hardcore plötzlich Kunstperformance zu machen. „Mind The Trap“ ist eine Platte, die kommt, zuschlägt und wieder verschwindet. Fünfzehn Minuten später ist alles vorbei. Nur der Drang, direkt noch einmal auf Play zu drücken, bleibt erstaunlich hartnäckig.
Ihr habt nun Bock auf fetten Hardcore? Dann ab zu Refuse Records und sichert euch ein Exemplar der limitierten Vinyl.

