Jaaaa! Genau so sehen die aus! Die gestressten DHL-Fahrer und Mütter mit drei Kindern im Schlepptau, die im Penny lauthals schreien: „Zweite Kasse Bitte“! Am schlimmsten sind aber immer noch die Rentner*Innen. Die haben ja bekanntlich am wenigsten Zeit. Und da fehlt dann in der Regel auch das „Bitte“. Also das Coverartwork von Oiro’s neuestem Schrei „Zweite Kasse Bitte“ trifft da jedenfalls schon mal ins Schwarze.
Dann schnell mal rüber zu den Texten gezappt. Ich weiß ja schon, warum mir englischsprachige Musik im Grunde lieber ist. Das versteh‘ ich zwar in der Regel schon auch, jedoch muss ich ebenfalls in der Regel nicht so angestrengt mitdenken. Ist halt nicht so verkopft und kompliziert, im Vergleich dazu, wie diese deutschsprachigen Abipunkbands von heutzutage und auch anno dazumal gerne ihre Inhalte formulieren.
Letztes Jahr haben wir mit Oiro zusammen auf einem Festival gespielt und abgesehen davon, dass das saunette Kerle waren, konnte man mit denen auch ganz normal reden. Auf „Zweite Kasse Bitte“ fordern mich Oiro dagegen textlich schon derbe heraus. Und treffen damit sicherlich genau den Nerv, auf den Fans des Genres so stehen. Fans, die die Herausforderung im geschriebenen und gesungenen Wort gerne suchen.
Mit bisschen drüber nachdenken, kann aber sogar ich mit Oiro mitgehen. Teilweise. Und so meine ich, u.a. den Refrain des Titelstücks richtig interpretieren zu können. „Menschen Menschen. Habens eilig. Können nicht warten. Sind gefährlich. Zweite Kasse bitte.“ Poesie, die den Alltag beschreibt. Vielmehr das alltägliche Erleben, nicht erst seit Corona.
Und damit dann zum letzten Baustein, der Musik. Die Drums von Oiro kommen weiterhin vom Band. Das hört man und aus rein logistischen Gründen ist das ja auch ganz praktisch, wenn’s zum Gig geht. Mir persönlich sind allerdings schwitzende Menschen mit zwei Holzstöcken in den Händen lieber. Der Gesang von Jonny ist wie eh und je nörgelnd bis genervt und stilistisch garantiert nichts für Leute, die enthusiastische und entertainende Menschen am Mikro erwarten. Andererseits sind Oiro schließlich auch gekommen, um zu nörgeln, wenn auch manchmal etwas kompliziert verpackt.
Das restliche Instrumentarium drückt und quietscht und knarzt an allen Ecken und Enden und erzeugt einen Klangteppich zwischen Punk und Noise. Zusammen ergeben sämtliche Zutaten erneut ein gutes Oiro-Album, wenn man bereit ist, gewisse Abstriche, z.B. was die künstlichen Drums anbelangt, zu machen. Das ist Musik, bei der der Kunstbegriff hoch angesiedelt werden muss.
„Zweite Kasse Bitte“ erschien am 8.05. auf Major Label und ist z.B. bei jpc erhältlich.
