Seit ihrer Gründung im Jahr 2019 haben sich Old Ruins Schritt für Schritt einen festen Platz in der deutschen Underground-Metal-Szene erspielt. Was ursprünglich als Studioprojekt begann, entwickelte sich schnell zu einer Band, die mit ihrem atmosphärischen Mix aus Black Metal, melodischem Death Metal und epischem Storytelling für Aufmerksamkeit sorgt. Inspiriert von der düsteren Welt des Kultspiels Diablo erschaffen die Gelsenkirchener Klanglandschaften, die weit über klassische Fantasy-Themen hinausgehen und musikalische Geschichten voller Dunkelheit, Nostalgie und Atmosphäre erzählen.
Mit ihrem neuen Album „Mount Arreat“ setzen Old Ruins die Reise fort, die bereits auf ihrem Debüt „Always Heading East“ begonnen hat. Grund genug, mit Sänger und Gitarrist Christian „Kraje“ Krajewski über die Entstehung der Band, die Entwicklung ihres Sounds, die Faszination hinter dem Diablo-Konzept und die Herausforderungen bei der Umsetzung ihres bislang ambitioniertesten Werks zu sprechen.
Norman: Ich freue mich, dass Ihr die Zeit gefunden habt. Es gibt sicherlich Leute, die euch noch nicht kennen, wollt ihr euch mal vorstellen?
Kraje: Hallo zusammen. Wir sind Old Ruins aus Gelsenkirchen und spielen Blackmetal. Neben mir gehören zur Band Mike Gelnar (Schlagzeug) , Ersin Kara (Gitarre) und mein Bruder Oliver (Bass). Ich selbst spiele Leadgitarre und übernehme die Vocals.
Wie ist Old Ruins damals 2019 entstanden – war das von Anfang an ein konkretes Bandprojekt oder eher eine spontane Idee aus einer Jam-Session?
Tatsächlich ist die Band aus mehreren Jam-Sessions mit unserem ex-Drummer Alex entstanden. Es war auch nicht geplant das die Band live überhaupt in Erscheinung tritt. Eigentlich wollten wir nur die Konzeptidee auf eine Platte bringen. Das dann ein so großes Interesse an der Band und der Musik entstanden ist , war weder geplant noch vorherzusehen. Also haben wir uns dann entschieden doch als Liveband aufzutreten.
Welche musikalischen Einflüsse haben euch in der Anfangsphase am stärksten geprägt?
Als stärksten musikalischen Einfluss kann man schon Immortal bzw I, Demonaz oder Dissection nennen. Das ist auch heute noch so auch wenn wir beim neuen Album durchaus etwas mehr Atmosphäre eingebaut haben.
Erinnert Ihr euch noch an den Moment, in dem klar wurde: „Das hier ist mehr als nur ein Nebenprojekt“?
Wir haben damals unsere EP mitten in der Coronazeit released. Eigentlich keine gute Zeit für einen Release. Aber ohne jemals auch nur ein einziges Konzert gespielt zu haben, sind weit mehr als die Hälfte unserer CDs verkauft worden. Als dann das erste Live Konzert nach Corona möglich war, sind wir auf einem Open Air aufgetreten. Gut 400 Leute die endlich mal wieder Livemusik erleben wollten. Und dann standen da einfach schon richtig viele Leute mit unseren Shirts. Und nach dem Konzert wurden dann noch einige CDs und Shirts gekauft. Da war irgendwie klar, dass wir also auch Live mit der Musik gut ankommen.
Wie sah eure erste gemeinsame Vision aus – und wie sehr hat sie sich bis heute verändert?
Die Vision war damals wie heute die selbe. Thematisch dreht sich bei uns alles um das Videospiel Diablo. Wir haben uns gefragt, wenn man die düsteren Geschichten aus dem Videospiel vertonen würde, wie könnte das dann klingen? Und so haben wir versucht die Atmosphäre aus dem Spiel in die Musik zu transportieren. Nicht nur die Lyrics, auch die Musik selbst soll etwas erzählen. Das ist die Vision und Essenz von Old Ruins
Euer Sound bewegt sich zwischen melodischem Death Metal, Black Metal und atmosphärischen Elementen – war diese Mischung von Anfang an geplant oder hat sie sich organisch entwickelt?
Auch wenn die Richtung in etwa klar war , so haben wir mit der Zeit immer mehr experimentiert. Wir sind bewusst nicht im hohen Tempo unterwegs und legen viel Wert auf Abwechslung. Die Songs sollen eine Geschichte erzählen und Geschichten erzählen sich am besten mit einem schönen Spannungsbogen.
Seitdem der Mike bei uns am Schlagzeug sitzt hat sich der Sound dann auch nochmal verändert.
Ein neuer Drummer bringt natürlich einen anderen Groove mit. Und Mike hat sich auch beim Songwriting für die neue Platte gut mit eingebracht. Hier konnte er ja auch mal die Songs von Grund auf mitgestalten statt zu spielen was wir vorher geschrieben hatten.
Wir sind insgesamt als Truppe gut zusammengewachsen und auch nochmal etwas mutiger geworden. Also kann man schon sagen, dass sich alles schön organisch entwickelt hat.
Gibt es eine Band oder ein Album, das euren Stil indirekt „gebaut“ hat?
Das kann man so direkt nicht sagen, da wir sehr viele unterschiedliche Einflüsse aus vielen Bands und Phasen in diesem Album hören können. Aber wir wollten vom Sound und der Atmosphäre irgendwas zwischen Immortal-At the Heart of Winter und Dissection-Reinkaos um mal etwas beim Namen zu nennen.
Wie entscheidet ihr, ob ein Song eher brutal, melodisch oder atmosphärisch wird?
Das entscheidet sich eigentlich über das Thema bzw die Lyrics des Songs. Wir haben bei diesem Album so gearbeitet, dass wir erst festgelegt haben worüber der Song gehen soll, bevor wir angefangen haben ihn zu schreiben. Wenn das Thema klar ist dann ist es einfacher den Song aufzubauen. Mal stand dann sofort ein Riff wo man wusste , dass wird jetzt fetzig, aber es gab auch Situationen wo auch die ersten Zeilen Text darüber entschieden haben, in welche Richtung der Song geht. Und dann schauen wir halt ob dem Song noch was fehlt. Braucht es noch etwas Melodie ? Drosseln wir hier das Tempo um den Part größer wirken zu lassen?
Manchmal haben wir einen Song auch komplett auf links gedreht um das Beste rauszuholen.
Hat sich euer Songwriting über die Jahre eher vereinfacht oder komplexer entwickelt?
Ich würde schon sagen das wir komplexer geworden sind. Auch wenn wir eher nach dem Motto : „Weniger ist mehr“ agieren. Es ist dabei noch nicht mal vom technischen Bereich her. Wir haben da schon so etwas wie unsere Komfortzone. Es ist eher die Art wie wir die einzelnen Bausteine zusammensetzen.
Viele eurer Songs wirken wie Kapitel einer Fantasy-Welt – wie wichtig ist Storytelling für eure Musik?
Es ist wichtig für uns das die Songs interessant klingen. Wer dann im Thema ist und sich auch noch für diese Fantasy-Welt begeistern kann, der wird die Songs natürlich auch intensiver, oder auch kritischer wahrnehmen. Es muss aber so sein das man eigentlich auch keine Vorkenntnisse braucht um die Songs gut hören zu können. Es ist also schon wichtig für uns weil dann das Hörerlebnis nochmal ein anderes ist. Aber wie vorher schon gesagt ist das Storytelling nicht nur durch die Lyrics sondern auch durch die Musik wichtig für uns.
Welche Rolle spielt die Inspiration durch die Diablo-Welt konkret im kreativen Prozess?
Tja was soll ich sagen? Ich empfinde enorme Nostalgie, wenn ich an die Zeit denke wo ich als Teenager Diablo 2 gespielt habe. Aber auch die anderen Teile haben mich immer irgenwie abgeholt und inspirieren mich natürlich auch im Bezug darauf was wir in Zukunft alles noch schreiben können. Es geht ja hier auch nicht immer darum stumpf die Geschichte zu erzählen, sondern auch mal aus einer anderen Perspektive zu schreiben. Das wird bestimmt interessant aber zunächst ist jetzt erst einmal Fokus auf den Release angesagt.
Gibt es ein übergeordnetes Konzept hinter euren Releases oder entsteht jedes Album für sich?
Das erste Album erzählt die Geschichte des dunklen Wanderers aus Diablo 2. Bei Mount Arreat knüpfen wir direkt an das Ende vom ersten Album an. Hier geht es um die Erweiterung von Diablo 2: Lord of Destruction. Ich kann nicht genau sagen wie viele Stunden ich wirklich mit dem Game verbracht hab, aber es war von Anfang an klar das man für die Erweiterung ein eigenes Album schreiben muss. „Mount Arreat“ ist also so etwas wie die logische Entwicklung nach Always Heading East“
Wie schafft ihr den Spagat zwischen Fantasie und emotionaler Authentizität?
Ich bin mir nicht sicher ob ich diesen Spagat wirklich schaffe. Ich bin vielleicht sogar emotionaler und authentischer weil ich mich voll auf die Fantasiewelt einlasse.
Wie nehmt ihr die deutsche Underground-Metal-Szene wahr, gerade im Ruhrgebiet?
Die Underground-Metal-Szene im Ruhrgebiet ist voll von Bands die richtig Potenzial haben.
Leider hat es sich in den letzten Jahren so entwickelt das es hier im Ruhrgebiet schon fast ein Überangebot an Konzerten gibt. Man kann sich kaum entscheiden was man sehen möchte.
Angefangen hat das auch ein wenig damit das viele Konzerte aus Corona nachgeholt wurden und auf einmal hast du teilweise 6 Veranstaltungen an einem Tag relativ in der Nähe und auch oftmals die selbe Zielgruppe. So entgeht einigen Leuten da die ein oder andere Band die durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.
Was hat sich seit 2019 für euch im Umgang mit anderen Bands und Veranstaltern verändert?
Da hat sich eigentlich nichts verändert. Wir gehen schon immer so mit den Bands und Veranstaltern um wie wir auch behandelt werden wollen. Auf Konzerten hilft man sich beim Umbau um den Linecheck nicht zu behindern und man überzieht auch sein Set nicht. Immer fair bleiben, schließlich sitzen wir alle im selben Boot.
Gibt es eine Situation, die euch gezeigt hat, wie schwer oder wie stark diese Szene wirklich ist?
Eine einzelne Szene nicht direkt. Aber wenn wir eigentlich keine feste Fanbase hatten am Anfang und immer wieder vor neuen Leuten gespielt haben, dann ist es schon stark zu sehen das die Leute dann auch die komplette Show sehen und danach auch gerne noch zum plaudern an den Merchstand kommen. Aber es gibt natürlich auch die Momente wo 30 Mann für eine Band kommen und danach wieder verschwinden. Das erschließt sich mir nicht ganz. Wenn ich doch Eintritt für 3 oder 4 Bands bezahle, dann schau ich doch auch mal wenigstens rein.
Fühlt ihr euch eher als Teil einer Szene oder bewusst etwas außerhalb davon?
Ja ich würde schon sagen das wir teil der Ruhrpott Underground Szene sind. Auf jeden Fall sind wir Teil der Gelsenmetalalliance
Wie sieht euer Aufnahmeprozess aus – eher strukturiert oder chaotisch kreativ?
Chaotisch kreativ ist schon der passende Überbegriff
Produziert ihr viel selbst oder arbeitet ihr eng mit externen Studios zusammen?
Wir haben die Gitarren, den Bass und die Samples bei mir Zuhause aufgenommen. Drums und Vocals im Liquid Aether Studio . Dort wurde auch alles gemixt und gemastert.
Wir nehmen aber im Vorfeld immer alles zuhause oft selbst auf. Das ist Teil des Songwritings
Gab es beim neuen Album Momente, in denen ein Song komplett umgebaut wurde?
Ja die gab es und die wird es wahrscheinlich immer geben.
Als die anderen Songs sich nach und nach entwickelt haben ist uns aufgefallen das manche Ideen die wir ursprünglich hatten, doch nicht so gezündet haben. Das ist tatsächlich immer sehr spannend beim Songwriting und führt auch manchmal zu kleinen Diskussionen. Aber am Ende finden wir immer eine gemeinsame Lösung
Was war die größte technische oder kreative Herausforderung bei der Produktion von „Mount Arreat“?
Die größte Herausforderung war das Konzept stimmig umzusetzen. Die Songs so zu schreiben, dass sie gemeinsam ein Bild malen, aber auch einzeln funktionieren. Und natürlich auch den lyrischen roten Faden, sinnvoll in die Songs einzubauen.
Der Titel „Mount Arreat“ klingt sehr konzeptuell – was steckt hinter diesem Namen?
Der Berg Arreat ist nicht nur das Herzstück aus dem Artwork, welches der Timon Kokott für uns entworfen hat, es ist auch der Showdown im Spiel. Das Artwork hatten wir schon lange bevor wir die Songs überhaupt geschrieben hatten. Es war sozusagen unsere Inspiration.
Und als wir einen Albumtitel gesucht haben, genügte nur ein Blick auf das Artwork um zu sagen: „Mount Arreat“, damit ist alles gesagt.
Ist das Album eher ein klassisches Konzeptalbum oder eine lose Sammlung von Geschichten?
Ein bisschen von beidem. Die Geschichten der Songs sind schon bewusst in der Reihenfolge angeordnet so wie man sie im Videospiel auch erleben würde. Es ist aber nicht so das man einer Gruppe von Kriegern folgt die sich auf den Weg machen das Böse zu bekämpfen.
Es werden eher die Orte und Ereignisse beschrieben, also alles aus einem etwas anderen Licht beleuchtet.
Was unterscheidet dieses Album musikalisch am stärksten von „Always Heading East“?
Das wird wahrscheinlich der Sound sein. Wir haben bei diesem Album viel Wert darauf gelegt nicht alles zu glatt zu bügeln. Es ist aber auch nicht zu roh. Also haben wir schon ein wenig den Bogen zwischen Oldschool und moderner Produktion gespannt.
Gibt es einen Song auf dem Album, der für euch die Essenz des gesamten Werks trägt?
Eine schwierige Frage weil jeder Song ein wenig anders ist. Das könnte jeder Song sein weil alle irgendwie zusammen das Gesamtwerk ergeben. Rein musikalisch würde ich sagen das der letzte Track : „Tyrael’s Depair“ schon so etwas wie eine Quintessenz aus dem Album ist.
Wenn ihr „Mount Arreat“ in drei Worten beschreiben müsstet – welche wären das?
Kalt, Dunkel, Episch!
Gibt es einen Moment in eurer Bandgeschichte, auf den ihr besonders stolz seid?
Der Moment die eigene Musik auf einer Schallplatte aufzulegen ist schon was ganz besonderes. Umso schöner ist es das wir auch das zweite Album auf Vinyl rausbringen
Was war bisher euer größter Rückschlag als Band?
Nach dem Schlagzeugerwechsel mussten wir uns erst einmal komplett neu eingrooven.
Aber ich bin mir auch nicht sicher ob man wirklich von einem Rückschlag sprechen kann, wir hätten sonst „Mount Arreat“ wahrscheinlich nicht so geschrieben wie es jetzt ist.
Wie hat sich eure Beziehung zur Musik verändert, seit ihr als Band aktiv seid?
Man hört irgendwie anders Musik. Oft erwische ich mich dabei wie ich die instrumentalen Parts auseinander dividiere. Und wir haben einen Unterschied festgestellt zwischen Musik runterspielen, oder mit Leidenschaft spielen.
Würdet ihr heute etwas anders machen, wenn ihr nochmal bei Null anfangen könntet?
Ich glaube nicht. Alles ist so gekommen wie es sollte und musste zu seiner Zeit.
Wie wichtig ist euch die Live-Energie im Vergleich zur Studioarbeit?
Live-Energie ist schon was besonderes. Ich selber kenne viele Bands die mir auf Platte nicht so gefallen weil es da zu steril oder zu drucklos war, mich dann live allerdings total abgeholt haben,
Im optimalen Fall ist es im Studio gute Arbeit aber auf der Bühne dann nochmal einen Tacken intensiver. Darauf arbeiten wir jede Probe hin. Und zuletzt haben wir damit auch eine gute Figur gemacht.
Gibt es einen Traum-Festival-Slot oder eine Band, mit der ihr unbedingt einmal spielen wollt?
Als gebürtige Gelsenkirchener wäre ein Slot auf dem Rock Hard Festival natürlich schon was ganz besonderes. Aber auch mal im Vorprogramm von Groza, The Spirit oder Chapel of Disease wäre schon was feines
Wohin soll sich Old Ruins in den nächsten fünf Jahren entwickeln?
Erst einmal wäre es cool wenn wir in 5 Jahren noch so coole Musik zusammen machen.
Ich denke in dieser Zeit kann schon ein neues Album entstehen. Wenn wir in dieser Zeit auch noch ein paar coole Shows an coolen Locations spielen können, würde sich bei uns wahrscheinlich auch niemand beschweren.
Könnt ihr euch vorstellen, euren Sound irgendwann radikal zu verändern?
Kraje: Das kann ich mir nicht vorstellen , weil wir grade durch unseren Sound doch auch so ankommen wie es grade der Fall ist. Warum also etwas ändern was gut ist und auch ein Stück unser ganz eigener Stil sozusagen.
Es gibt genug Beispiele von Bands die damit auf die Nase gefallen sind. Auch wenn man nicht das selbe Album zehn mal hintereinander rausbringen will, und kleine Experimente auch förderlich und erwünscht sind. Aber so komplett weg von dem was einen als Band ausmacht halte ich nicht für sinnvoll und ist auch nicht mein Stil. Da bleibe ich mir lieber selbst treu statt mich zu etwas zu machen hinter dem ich nicht zu 100% stehe.
Ich danke euch für eure Antworten und wünsche euch viel Erfolg mit eurem neuen Album. Das obligatorischer letzte Wort liegt bei euch.
Wir bedanken uns für dieses Interview. Und ganz besonders cool finden wir, dass hier auch sehr spezielle Fragen zu unserer Band und dem Konzept gefragt wurden.
Wir hoffen das wir mit dem neuen Album alle Zuhörer auf eine kleine Reise mit in unsere Welt nehmen können.
Cheers
