Wiener Band, 20-jähriges Bandjubiläum, sechstes Album – und die Truppe rund um Phal:Angst zeigt mal wieder eindrucksvoll, wie man Industrial und Post-Rock ineinander verwurzelt, ohne dass es nach reinem Genre-Bingo klingt. Die Band kommt ursprünglich aus der anarchistischen DIY-Punk/Hardcore-Ecke Wiens um die Jahrtausendwende, gegründet 2006 im Club rhiz (wo jetzt auch, sehr stimmig, am 25. September das Jubiläumskonzert zum Album stieg).
„Minor Tremors“ ist der Nachfolger von „Whiteout“ und schon optisch ein Kontrastprogramm: Wo das Vorgängeralbum in kalten Schwarz-Weiß-Tönen mit winterlicher Straßenansicht daherkam, gibt’s hier ein Cover in warmen Orange- und Apricot-Tönen mit einem Vogelschwarm in Formation. Und tatsächlich zieht sich diese Farbverschiebung auch klanglich durch – mehr Melodie, mehr Zugänglichkeit, ohne dass die Band dabei ihre düstere Grundhaltung komplett verrät. Nur fünf Songs auf der Platte, aber die haben’s ordentlich in sich: keine Strophe-Refrain-Häppchen für zwischendurch, sondern Stücke, die langsam wachsen, sich verdichten und wieder auseinanderfallen dürfen, ganz ohne Eile.
Elektronik trifft auf massive Gitarren, zarte atmosphärische Passagen auf maschinellen Lärm – bei Phal:Angst entsteht daraus keine gemütliche Harmonie, sondern bewusste Reibung. Schön und unangenehm zugleich, wie’s die Band selbst wohl auch beabsichtigt. Aufgenommen und gemischt wurde das Ganze von FAZO666FAZO (bekannt u.a. als Schlagzeuger von Baits und Bull Nakano), gemastert erneut vom langjährigen Weggefährten Alex Vatagin.
Thematisch bleibt man im gewohnt unbequemen Terrain: Faschismus, politische Hoffnungslosigkeit, aber eben auch Empathie, Kollaboration und Liebe „in einer brennenden Welt“ (sehr zeitgemäß, leider). Der Gesang ist dabei bewusst weit nach hinten gemischt und wird quasi Teil des Gesamtklangs, statt als Frontperson die Songs zu dominieren – die eigentliche Kommunikation läuft hier eher über Gitarren, Elektronik und Rhythmus.
Kurz gesagt: Kein Album für nebenbei, keine drei-Minuten-Häppchen für den nächsten Swipe zwischendurch. Wer sich auf sowas zwischen Mogwai, Nine Inch Nails und Godspeed You! Black Emperor einlassen mag – Phal:Angst liefern nach zwei vollen Jahrzehnten immer noch zuverlässig unbequeme, aber absolut lohnende Musik ab.
Erwerben könnt ihr das Album über den folgenden Link:
PHAL:ANGST – MINOR TREMORS
Viel Spaß beim Hören und Entdecken!

