Geil! Dampfwalzen-R’n’R à la Zeke, so mein erster Eindruck, als Rotting System aus Istanbul mit „The Garden Of Eden“ auf ihrer neuen 4-Track-EP „Bastards Of Istanbul“ (VÖ war am 15.05. auf dem Berliner Label Smith & Miller Records) loshämmern. Kommt richtig gut, so früh am Morgen und kurz nach dem Aufstehen. Ein paar Sekunden und Moshparts später dann ein weiterer Eindruck. Rotting System scheinen wohl auch NYHC-Größen wie die Cro-Mags zu mögen. Bis hierhin also eine absolut interessante, aber keinesfalls abwegige Mischung. Das Gitarrensolo, irgendwo straight aus dem Thrashmetal-Underground sticht den Geier aber vollends endgültig ab. Wie geil ist das denn, meine Herren?!
Spannend dann auch, dass Rotting System die alttestamentarische Geschichte von Adam und Eva – und auch Lilith! – metaphorisch heranziehen. Ich mein‘, die Band kommt doch aus der Türkei. Aber hey, ich steck in diesem Religionsschlamassel mal so gar nicht drin und für die Darstellung der absolut ehrenwerten Kernaussage des Songs, die Ungleichbehandlung von Mann und Frau, eignet sich der Bibelquatsch natürlich bestens. Auch in einem muslimisch geprägten Land.
Bis hierhin also alles richtig gemacht, liebe Rotting System. Hören wir mal weiter. „Under The Guillotine“ steckt noch tiefer drin in New York City. Ein geiler Banger, der es aber schafft, sich nicht machohaft und muskelbepackt aufzuspielen. Der Titel: unmissverständlich und Amnesty International hätte da sicherlich so seine Mühe und Not damit, Zeilen wie „Blade nears neck, justice is loveless“ einfach stillschweigend zu akzeptieren. Aber hey, eine Band namens Rotting System muss doch zwangsweise auch ein klein wenig polarisieren, oder?
A-Seite rum und ich bin hellauf begeistert. Mit „Still In The Thrashzone“ werden inhaltlich etwas versöhnlichere Töne angeschlagen. Eine Ode an den Moshpit als der Ort, der dem Underground gehört. „Underground belongs to us, rockstars fuck off!“ Ehrlich gesagt, find‘ ich die fast schon süß, die Denkweise. Der Song selbst ein ähnlicher Nackenbrecher wie vorhin noch „The Garden Of Eden“.
„Bastards Of Istanbul“ ist dann musikalisch nochmal das Pendant zu „Under The Guillotine“ und schlägt wieder deutlich radikalere, weil auch politischere Töne an. „Do you think your crimes have no cost? Only mercy you’ll see is our violence“. Ich mag ja keine Gewalt und teilweise sind mir Rotting System nun mal zu gewalttätig in ihren Ansichten. Andererseits finde ich es mutig, sich als türkische und in der Türkei ansässige Band so radikal zu äußern. Denn, da sind wir uns wahrscheinlich schon einig, auf wen Rotting System da so offensiv ihr musikalisches und inhaltliches Sperrfeuer abfeuern. Und dass der Gegner wiederum auch nicht gerade zimperlich mit seinen Widersachern umgeht, davon kann mutmaßlich eine hohe Dunkelziffer an politischen Gefangenen und Verfolgten ein Hasslied von singen.
Was bleibt, ist eine musikalisch richtig gute HC-EP (die Kategorisierung „Crossover“ wird zwar gerne auf die Band angewandt, weshalb ich sie mal mit aufgenommen habe, auch wenn ich da nicht wirklich das raushören kann, was ich unter Crossover verstehe), über die inhaltliche Radikalität müssen wir nochmal sprechen. Die vorgeschlagenen Lösungsansätze könnten unter gegebenen Umständen zu noch mehr Ärger führen. Und bevor ich hier noch klinge, als wäre ich irgend so ein dubioser Diplomat, hör‘ ich lieber auf mit schreiben und spreche stattdessen eine Kaufempfehlung an alle, die sich gerne zwischen ihren Platten von Whiplash bis zu Biohazard suhlen, aus.
Richtig gut finde ich die edle Aufmachung der 7″ im Hardcover mit Textbeilage und schwarzer Innenhülle sowie einem geradezu passend zu den archaischen Missständen, die Rotting System hier anprangern auch archaisch wirkenden und eindrucksvollen Artwork. Da kommt die Kleine doch glatt wie eine Große daher. Ist sie aber auch! Zu haben am besten über Smith & Miller Records.
