Licht einer Wellenlänge zwischen 575 und 595 nm hat eine stimmungsaufhellende, stimulierende Wirkung. Es wird häufig mit Lebensfreude, Lust und Kreativität, sowie Erfolg und Mut in Verbindung gebracht. Aber es handelt sich hier auch um eine Warnfarbe. Und ich behaupte, dass aus den genannten Gründen Orange das Artwork von Poesie & Widerstand dominiert. Außerdem wird der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen (der 25.11.) im Englischen Orange Day genannt, weil Orange eine Zukunft ohne Gewalt gegen FLINTAS symbolisieren soll. Und somit schlägt das Artwork einen Bogen zu Sarah Leschs 2021 erschienenen Album Triggerwarnung, bei dem es genau darum ging, nämlich um Gewalt gegen Frauen*. (Wobei feministischen Themen, soweit ich mich erinnere auf all ihren Alben präsent sind.)
Triggerwarnung fand ich ein super wichtiges Album, mit dem ich mich dennoch schwergetan hab, wie ihr hier nochmal nachlesen könnt. Ganz anders verhielt es sich mit Poesie & Widerstand. Ich war sofort begeistert und bin es auch noch nach dem rund 56235872365 mal hören.
In diesem Album steckt exactly das, was das Cover suggeriert. Es beginnt mit „Plädoyer“. Womit sollte Widerstand auch sonst beginnen? Doch dieser Widerstand hier ist nicht laut und kommt ohne Molotowcocktails aus. Ja, es wird nicht mal skandiert, es wird empowerd. Und das halte ich für eine der klügsten widerständigen Strategien, wie zum Beispiel im wunderschönen „Anna-Lisa“ und ich bin mir sicher, dass auch Anna-Lisa wunderschön ist. Und ja, ich habe mir beim Hören natürlich Vulva-Keksausstecher bestellt. Denn die Erzählung von Anna-Lisas Geschichte ist die Erzählung von Widerstand im Kleinen und davon, wie dieser erst reifen muss. Widerstand durch die Entscheidung für oder gegen einen Lebensentwurf, für oder gegen Konventionen, für oder gegen einen Macker mit Lastenrad und eine Entscheidung für sich selbst und für die Liebe. Und in Zeiten eines Kulturkampfes von rechts ist/ kann eine Entscheidung für die Liebe das Widerständigste sein, was ein Mensch machen kann. Und dabei zeichnet Sarah Lesch ihre Figuren herzlich und komisch und ja stereotyp. Und ja, Kunst darf das. Aber hört selbst:
Genauso widerständig ist es, als Frau einfach zu sein. Einfach Frau zu sein und damit sind wir auf der B-Seite der Platte angekommen. Sorry ich habe ein paar Songs übersprungen um diese Review auf einer Leser*innenfreundlichen Länge zu belassen, denn meine erste Assoziation, die ich beim Hören von „Allerschönste Frau der Stadt“ hatte, muss ich hier mit euch teilen.
Und dazu muss ich euch kurz abholen und Kontext herstellen. Wir gehen mal kurz rund 100 Jahre zurück, nach Berlin ins Eldorado. Kennt ihr? (Wenn nicht, dann empfehle ich diese Doku auf Netflix.) Eine der Artists die mit und durch das Eldorado bekannt wurde, war Claire Waldoff. In ihren Liedern sang sie von freier Liebe, Feminismus und selbstbestimmtem Leben, der Ton bissig und bisweilen durchaus komisch und eingepackt in zarten Samt des Chansons. „Raus mit den Männern“ ist euch sicherlich schon mal über die Ohren gelaufen. An diese Art des Chansons von Claire Waldoff erinnert mich „Allerschönste Frau der Stadt“ von Sarah Lesch und ich finde das ganz wunderbar. Wenn sich schon Zeiten zu wiederholen scheinen, dann ist es auch genau richtig daran zu erinnern, dass es Orte gab, die durch ihr bloßes Sein ein Safespace waren, der Lebenslust und Liebe ermöglichte und von Kunst mitgetragen und gestaltet wurde. Wobei ich nicht weiß, ob Sarah Claire Waldoff und Chansons der 1920er als Referenz für ihr Stück genutzt hat, ob sie überhaupt an diese Lieder beim Komponieren gedacht hat.
Und ich schrieb ja, dass das Album ohne skandieren auskommt, aber jetzt muss ich das vielleicht doch zurücknehmen. Vielleicht ist es schon skandieren, wenn eine Frau von sich sagt, dass sie die allerschönste Frau der Stadt sei und vielleicht sollten wir Frauen* das einfach mal öfter machen. Trotz oder wegen Winkeärmchen, ob Bohrmaschinenzaubermaus, Primaballerina oder nicht. Empowerment ist es auf jeden Fall.
Im Ganzen erzählt Sarah Lesch in 9 Songs kleine Geschichten aus dem Alltag und den Grenzen, an die Menschen dort bisweilen geraten. Und auch wenn sie in „Heute“ behauptet, dass sie keine Hoffnung zu verteilen hat, so schenkt sie doch Hoffnung durch Solidarität und zeichnet einen zarten Ausblick auf eine mögliche Zukunft. Und auch einen Weg dorthin. Einfach mal machen. Es muss gar nicht das große Ding sein mit Weltrettung und so. Die eigene kleinen Welt reicht manchmal, die Hand reichen, ein paar Blumen pflanzen, ein Gedicht schreiben und sein eigenes Leben leben auch gegen Widerstände. Das reicht auch erstmal. Das ist schon ganz schön viel Widerstand & Poesie.
Und was natürlich auch immer geht: Künstlerinnen unterstützen und ihre Tonträger kaufen und Konzerttickets und da bietet es sich an, dass Sarah Lesch gerade auf Tour ist. Termine findet ihr hier und zum Shop fürs Vinyl oder Merch geht’s hier.
