Nur Idioten behaupten, dass Punk irgendwann alt wird!
Wenn die The Idiots ihr frühes Manifest „They Call Us The Idiots“ wieder auf die Menschheit loslassen, dann ist das keine staubige Archivnummer für Plattensammler. Das ist eher so, als würde jemand nach Jahrzehnten wieder den Strom im Proberaum anschalten – und plötzlich fliegt dir der Verstärker um die Ohren.
Das ursprünglich Mitte der 80er erschienene Debüt der The Idiots gehört zu den kantigen Grundsteinen des deutschen Punk-Untergrunds. Jetzt kommt das Ding als Wiederveröffentlichung zurück auf Vinyl – und klingt immer noch so, als hätte jemand die Tür eines Jugendzentrums von 1986 aufgestoßen.
Punk mit Stahlkappen
Die The Idiots kamen Ende der 70er aus Dortmund – einer Gegend, in der Stahlwerke, Kneipen und grauer Himmel schon immer einen ziemlich guten Nährboden für laute Musik abgegeben haben. Zwischen Oi!, frühem Hardcore und einer ordentlichen Portion Metal-Schmutz entwickelten die The Idiots ihren eigenen Sound: roh, direkt und ohne Sicherheitsgurt.
Mit „They Call Us The Idiots“ lieferten die The Idiots damals einen Soundtrack für Kellerclubs, besetzte Häuser und lange Nächte mit billigem Bier. Keine überproduzierten Arrangements, keine Rockstar-Allüren – nur Gitarren, die sägen wie Kreissägen, und Songs, die schneller durch sind als eine Polizeikontrolle vorm Jugendzentrum.
Bayrischer Wald – Motorsäge statt Postkarte
Der Opener „Bayrischer Wald“ haut direkt rein. Ein Riff wie eine Motorsäge im Morgengrauen, ein Tempo wie ein Moped ohne Bremsen. Hier zeigen die The Idiots sofort, was ihre Stärke ist: kurze, aggressive Songs mit genug Schmutz unter den Fingernägeln, um jede Hochglanzproduktion alt aussehen zu lassen.
Der Song wirkt wie eine ironische Postkarte aus der deutschen Provinz – aber statt Alpenidylle gibt’s Gitarrenfeedback und eine ordentliche Portion Punk-Spott. Genau solche Tracks machten die The Idiots damals zu einer der eigenständigsten Stimmen im deutschen Underground.
Samstag Nacht – zwei Minuten Freiheit
Mit „Samstag Nacht“ liefern die The Idiots dann einen Song, der sich anfühlt wie ein ganzes Wochenende in zwei Minuten. Arbeit vorbei, Schule vorbei – jetzt wird die Nacht aufgedreht.
Der Track funktioniert wie ein kollektiver Schlachtruf: raus aus dem Alltag, rein ins Chaos. Die The Idiots schaffen es hier, das Lebensgefühl der Szene einzufangen – Freundschaft, Lärm und dieses kurze Gefühl von Freiheit zwischen Freitagabend und Sonntagmorgen.
Einfluss auf die Szene
In den 80ern suchte die deutsche Punkszene noch ihren eigenen Ton. Vieles kam aus England, manches aus den USA – aber Bands wie die The Idiots gaben dem Ganzen eine eigene Farbe.
Punk aus dem Ruhrpott klang eben anders: härter, direkter, manchmal mit einem Augenzwinkern. Die The Idiots verbanden Punk mit metallischer Energie und ebneten damit auch späteren Hardcore- und Crossover-Bands den Weg.
Haltung statt Nostalgie
Heute wirkt diese Wiederveröffentlichung erstaunlich aktuell. In Zeiten, in denen wieder viel über Anpassung, Konformität und gesellschaftlichen Druck gesprochen wird, erinnert diese Platte daran, worum es im Punk eigentlich immer ging: Haltung.
Selbst machen. Laut sein. Sich nicht verbiegen lassen.
Und genau deshalb knallt „They Call Us The Idiots“ auch heute noch aus den Boxen, als wäre seit 1986 kaum Zeit vergangen.
Also: Wird Punk alt?
Zurück zur Anfangsfrage: Wird Punk irgendwann alt?
Wenn man sich anhört, wie diese Songs immer noch knallen, dann lautet die Antwort ziemlich klar:
Nein.
Solange Bands wie die The Idiots ihre Verstärker aufreißen und uns daran erinnern, dass Musik auch eine Haltung sein kann, bleibt Punk genau das, was er immer war – laut, unbequem und verdammt lebendig.
Vinyl ist für mich nicht nur Musik, sondern ein Erlebnis. Die von mir beschriebenen Alben, habe ich alle ausgepackt, angeschaut und angehört. Gerne auch mehr als ein Mal. Bei den Reviews mache ich mir immer ein eigenes Bild durch entsprechende Recherche und das konzentrierte Anhören. Das ist meine Art den Künstlern entsprechende Wertschätzung für ihre Kreativität und Kunst entgegenzubringen.
So kann es vorkommen, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens, die Platten in seltenen Fällen vergriffen sind.
Dazu gibt es für mich keine Alternative: über Platten schreiben, in dem man die Pressetexte abschreibt ohne die Platte in den eigenen Händen gehalten zu haben, macht für mich keinen Sinn. Danke für euer Verständnis. Lagartija Nick.

