Im letzten Jahr gab es wieder ein Jubiläum zu feiern: 55 Jahre Ton Steine Scherben und jeweils den 75. Geburtstag von den verstorbenen Bandbegründern Rio Reiser und R.P.S. Lanrue. Das Ganze wurde gebührend gefeiert mit einer fetten 2025er Tour durch Deutschland, an der im Durchschnitt einmal wöchentlich ein Live-Auftritt stand. Die beiden Ur-Scherben Funky am Cajón und Kai am E-Bass hatten dabei Unterstützung am Mic von Birte Volta, einer Singer-Songwriterin mit absoluter Leidenschaft in der Stimme.

Ich habe euch Fotos mitgebracht von vier Gigs, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Gestartet ist das Ganze mit einem pompösen Geburtstagsspecial in der restlos ausverkauften 800 Plätze starken und barrierefreien Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin zu Rio’s Geburtstag im Januar. Die Barrierefreiheit habe ich auch gleich mal bei einer Rollstuhl-Nutzerin gecheckt: Jap, war alles super soweit und gut zugänglich für sie. Realitäts-Check bestanden.
Allerdings muss ich zugeben, habe ich keine high Quality Fotos. Ich saß auch viel zu weit oben im Rang und konnte ohne Opernglas nicht viel sehen von der Show. Ein Foto hinab auf die Bühne habe ich euch allerdings mit dem Handy gemacht, als die Lichtflecken von der reflektierenden Discokugel durch den Saal tanzten. Sehr nice, I love Disco. Aber nicht Disco im Sitzen. Plätze tauschen war natürlich auch nicht, wer das meiste ablatzt darf in der Frontrow bleiben, so ist das nun mal.

Aufgetreten mit Musik, Rede oder Darbietung sind an dem Abend viele unterschiedliche Leute: die verbliebenen Ton Steine Scherben, Angehörige und Freunde, ein ganzer Chor, Jan Plevka, Die Kapelle der letzten Hoffnung, Schauspieler:innen Laura Tonke und Kai Danowski, Sebastian Krumbiegel, Bernadette La Hengst, Claudia Roth und mehr. Manches hat mir gefallen, anderes leider überhaupt nicht. Das habe ich aber auch nicht erwartet, da das Line-Up nicht 100% meinen Musikgeschmack trifft, aber so ist das eben bei Festivals.
Genau drei Monate später habe ich mir dann im April ein Kontrastprogramm zur Volksbühne gegönnt. Und zwar in Marbach am Neckar, im schnuckligen Kultladen Café Provinz. Hier auch wieder ausverkauftes Haus mit seinen 100 Plätzen für Ton Steine Scherben und Birte Volta. Als Support Act gab es einen Singer Songwriter an der Klampfe. Die Frontrow war im Schneidersitz 50cm von den MusikerInnen entfernt. Man wechselte sich ab aus physiologischen Gründen, immer wenn die Beine eingeschlafen waren oder der Durst drängte. Dahinter ganz entspannt die Leute auf Stühlen oder im Stehen.

Auch hier sind wieder alle Generationen am Start gewesen, immer gut am Mitsingen in der familiären Athmo. Gespielt wurden zwei Set’s mit einer Pause in der Mitte. Das war auf jeden Fall ein schöner Abend, an dem einem das Herz aufgehen kann zwischen den Fachwerkhäusern in Hügellage bei gutem Wein.

Ein weiteres viertel Jahr später bin ich dann wieder in Berlin zur Stelle, dieses Mal im SO36 mit Not The Ones als Vorband. Die Frontrow findet sich allein zurecht, wir stehen wo wir wollen. Auch wer im Rollstuhl angefahren kommt hat hier freie Platzwahl bis in die erste Reihe. Weitere Scherben-Mitglieder kommen auf die Bühne, wie zum. Beispiel Nikel Pallat, der den Song „Guten Morgen“ performt.

Im Support gibt es 77-Punkrock von Not The Ones aus Ost-Berlin. Sehr gute Show! Nikel Pallat präsentiert euch hier die Set-List von diesem Abend auf dem Backstage-Foto.

Kid, die Sängerin von Not The Ones hat auch eine Version von „Ich will nicht werden…“ auf englisch und deutsch gemeinsam auf der Bühne mit Ton Steine Scherben gespielt. Funky am Cajón rockt dazu das SO36, das Publikum feiert es.

Am Rande habe ich wieder ein kurzes MusInclusion-Interview geführt mit Frank, weil ich das Thema ganz normal integrieren möchte in meine Konzertberichte. Er erzählt mir, dass er jedes Jahr als Rollstuhlfahrer mit seiner Assistenz auf sehr vielen Konzerten unterwegs ist. Besonders positiv hat ihn im Sommer 2025 die Änderung der Rollitribüne in der Zitadelle Berlin Spandau überrascht. (Wir hörten 2023 bei MusInclusion #29 im Interview mit Laura & Heiko von den schlechten Bedingungen der Rollstuhltribüne in der Zitadelle Spandau beim Ärzte-Konzert)

Dies hat sich nun grundlegend geändert, erzählt Frank mir im Ton Steine Scherben Band-Shirt. Zitadelle Spandau können wir uns also merken, wenn wir mit unseren Buddies im Rollstuhl auf Konzerte fahren. Pluspunkte: Der Zugang war nicht mehr nur über Kopfsteinpflaster erreichbar, wo es schwer bis unmöglich war, die Rampe alleine zu befahren. Außerdem stand die Tribüne nicht mehr in der prallen Sonne und Frank wurde von Mitarbeitenden nach seiner Zufriedenheit oder Änderungsideen gefragt. Das nenne ich doch mal einen Erfolg, schön, wenn Dinge sich ändern. Für dein Update vielen Dank, Frank!
Ansonsten hat ihm das SO36 wie so vielen anderen KonzertbesucherInnen, mit denen ich immer wieder spreche, in punkto Barrierefreiheit sehr gefallen. Nicht umsonst hat das SO36 im letzten Jahr einen Preis verliehen bekommen für seine Arbeit zur Inklusion. Schaut euch den Teaser dazu gerne an.

Ein weiteres viertel Jahr später ging es im November in die Kulturkirche in Kiel. Eine Location wie sie unterschiedlicher nicht sein könnte von den vorangegangenen. Mit dieser schließe ich jetzt die Tour durch unterschiedliche Veranstaltungsorte ab. In der Kirche mussten wir wieder sitzen, und zwar in knallharten, unbequemen Kirchenbänken. Klar, dass von Ton Steine Scherben die Aufforderung kam, aufzustehen und den Raum im Gang zu nutzen zum Tanzen. Das ist dann auch ausgiebig passiert und viele hat es nicht auf den Bänken gehalten.

Aufgetreten sind wieder Funky, Kai und Birte, dieses Mal ohne Supportact. Die Kirche in der sie ihre zwei Sets mit Pause gespielt haben, war in schlichter Holzbauweise errichtet, und ist an die 150 Jahre alt. Ein moderner Jesus aus Leuchtröhren verströmte Superstar-Vibes.
Im Publikum gefiel dieser scheinbare Widerspruch und ich habe das Thema öfter in Gesprächsfetzen aufgeschnappt. Rio Reiser war gleichzeitig kritisch und nahm gelegentlich die Bibel als Inspiration. Wer jetzt mehr zu Rio Reisers Verhältnis zu Religion wissen will, wird zum Beispiel fündig im Deutschlandfunk Kultur Interview mit Hannes Eyber von 2016. Von Hannes Eyber und Jens Johler gibt es auch ein 100-Seitiges Buch über Rio Reiser, welches hier beim Vinyl-Keks besprochen wird.

Beim Vinyl-Keks.eu gibt’s heute wieder die Farbfotos, wohingegen es schwarz-weiß Fotos mit Interview zum Bestellen und Nachlesen als Print im Fanzine Plastic Bomb gibt. Ein Interview mit Kai und Funky von Ton Steine Scherben habe ich nämlich im Plastic Bomb Fanzine #134 für euch geführt. Dort geht es u.a. um die neuesten Pläne zu Musik- und Film-Veröffentlichungen oder wie Kay & Funky sich mit Birte Volta zusammengefunden haben. Ich finde die Mischung für meine Konzertfots so ganz gut, online farbige Bilder als Fotoserie und im Print andere schwarz-weiß Fotos zum Interview.
Das 2025er Vinyl-Album von Kay & Funky von Ton Steine Scherben feat. Birte Volta gibt es z.B. direkt beim Label Glitterhouse. Und bei Fire and Flames erhaltet ihr das Album von Not The Ones mit einem Ton Steine Scherben Cover.
P.S.: Ich teile in meinen Beiträgen keine Links mehr zu Meta-Accounts, höchstens als Ausnahme, wenn es echt keine anderen Spuren im Netz gibt. Dafür teile ich lieber Webseiten ausserhalb von Meta, die von den AkteurInnen persönlich bereitgestellt wurden, weil ich es oft authentischer finde und oft viel Arbeit, Zeit und Liebe darin steckt. Schade also, allen Neugierde-Traffic auf die olle Werbeschleuder umzuleiten, wo zur Kontoerstellung gezwungen ist, wer mehrere Posts lesen mag.
Also, als Social Media Alternative teile ich daher lieber Links zum Fediverse, denn die auf öffentlich gesetzten Beiträge können dort auch Leute ohne eigenen Mastodon-Account sehen. Hier findest du uns mit Vinyl-Kes.eu auf Mastodon. Natürlich auch meinen Mastodon Account mit vielen Konzertfotos, aber auch andere RedaktuerInnen von uns sind dort aktiv, wie zum Beispiel Anne, Nathalie mit Musinclusion und weitere. Auch bei BlueSky gibt es uns. Von daher kann ich an dieser Stelle getrost auf Meta verzichten, es gibt schließlich so viel zu entdecken, denn die Internet-Landschaft erfindet sich ja immer wieder neu.
