Werwolf in Aspik liefern mit „Supermond über Bitterfeld“ einen eigenwilligen Mix aus elektronischer Popmusik, Rock, Punk und Neuer Deutscher Welle. Schräge Texte, dadaistischer Humor und liebevoller DIY-Sound machen das Album zu einem charmanten Geheimtipp der Berliner Underground-Szene.
Zwischen Synthesizer-Nebel, schwarzem Humor und tanzenden Schatten
Manche Alben treten auf wie gekrönte Herrscher einer untergehenden Welt. Andere schleichen sich durch den Hintereingang, tragen einen schief sitzenden Heiligenschein und hinterlassen auf dem Weg ins Ohr eine Spur aus Konfetti, schwarzem Humor und elektronischem Flimmern. Supermond über Bitterfeld von Werwolf in Aspik gehört eindeutig zur zweiten Sorte. Hier wird nicht die musikalische Apokalypse beschworen – hier tanzt der ganz normale Wahnsinn mit leicht schiefem Grinsen über den Friedhof der guten Geschmäcker.
Das Berliner Quartett Werwolf in Aspik öffnet eine musikalische Wunderkammer, in der elektronische Popmusik auf eine raue Prise Rock trifft und Punk, DIY-Geist sowie die schillernden Schatten der Neuen Deutschen Welle durch die Ritzen kriechen. Die Zutaten liegen nicht fein säuberlich in beschrifteten Schubladen. Sie purzeln vielmehr wie Fundstücke aus einem verstaubten Kuriositätenkabinett durcheinander. Und während draußen die Welt ihre Ernsthaftigkeit poliert, schrauben Werwolf in Aspik lieber an den schrägen Seiten des Lebens.
Das Ergebnis ist eigenwillig, unterhaltsam und angenehm unprätentiös. Kein musikalischer Wolkenkratzer, der bis in die Stratosphäre wachsen möchte, sondern ein kleiner, flackernder Leuchtturm für all jene, die sich im Nebel zwischen Pop, Absurdität und liebevoller Anarchie gern ein wenig verirren.
Wenn das Lachen einen Schatten wirft
Der eigentliche Zauber dieser Platte sitzt nicht allein zwischen den Tasten der Synthesizer. Er lauert in den Texten, in den Titeln und in jenem Humor, der sich wie ein schiefes Lächeln durch das gesamte Album zieht. Mal blitzt er anarchisch, bissig und leicht überdreht auf, mal tapst er mit dadaistischer Unschuld durch die Szenerie. Das Böse und das Kindliche reichen sich die Hand – und niemand weiß so recht, ob gerade ein kleiner Aufstand beginnt oder ein besonders absurder Kindergeburtstag.
„Peinlich ein Mensch zu sein“ bringt diese Haltung bereits mit seiner Formulierung auf den Punkt. Das Menschsein wird hier nicht auf einen goldenen Sockel gehoben, sondern darf ruhig einmal über seine eigenen Schnürsenkel stolpern. Zwischen Selbstironie, Gesellschaftsbeobachtung und gepflegtem Nonsens öffnet sich ein schräger Spiegel, in dem die eigene Spezies plötzlich reichlich sonderbar aussieht. Werwolf in Aspik brauchen dafür weder erhobenen Zeigefinger noch den schweren Mantel des Weltuntergangs. Ein schiefes Wort, ein absurder Gedanke – und schon bekommt die vermeintlich vertraute Wirklichkeit Risse.
Dabei wirkt der Humor von Werwolf in Aspik nie wie eine mühsam aufgesetzte Grimasse. Er ist vielmehr das unsichtbare Bindemittel, das die unterschiedlichen musikalischen Zutaten zusammenhält. Das Augenzwinkern bleibt, selbst wenn die Band sich in die dunkleren Ecken ihrer Fantasie wagt. Man darf lachen, staunen und sich gelegentlich fragen, in welchem Kellergewölbe diese Einfälle eigentlich ausgebrütet wurden.
Vampirtöchter, Haarpomade und andere Absonderlichkeiten
Drei Titel bleiben nach dem ersten Durchlauf besonders hartnäckig im Gedächtnis hängen: „Graf Draculas Töchter“, „Pomade“ und „Venus von Willendorf“. Sie wirken wie vier Türen in ein Kabinett, in dem die Gegenstände ihre gewöhnliche Bedeutung abgelegt haben und nun ein geheimnisvolles Eigenleben führen.
„Graf Draculas Töchter“ lässt bereits im Titel die Schatten alter Horrorgeschichten über eine Popbühne huschen. Doch statt sich in gotischem Pathos einzurichten, scheint hier das Groteske mit einem verschmitzten Blick aus dem Sarg zu lugen. Der Vampirmythos bekommt Gesellschaft von jenem schrägen Alltagswahnsinn, in dem das Absurde plötzlich ganz selbstverständlich erscheint.
„Pomade“ wiederum zieht den Blick weg von den Gruften und hinein ins Badezimmer. Zwischen dunkler Legende und profanem Pflegeprodukt liegt eine herrlich absurde Fallhöhe. Wo andere Bands vielleicht den Mond beschwören, genügt hier offenbar schon ein Griff ins Regal, um die Fantasie auf Wanderschaft zu schicken. Das Banale wird zum Kuriosum, der gewöhnliche Gegenstand zum kleinen Fremdkörper im Popuniversum.
Mit „Venus von Willendorf“ schimmert zudem ein Stück urgeschichtlicher Ikonografie durch die eigenwillige Bilderwelt der Band. Die steinerne Vergangenheit trifft auf elektronische Gegenwart – als hätte jemand ein Museumsstück aus seiner Vitrine befreit und direkt auf die Tanzfläche gestellt. Zusammen mit den übrigen Titeln entsteht so ein Kosmos, in dem kulturelle Fundstücke, Alltag und groteske Fantasie munter ihre Plätze tauschen.
Schwing dein Tanzbei im elektronischen Schatten!
Musikalisch bildet die Elektronik das Fundament. Darüber ranken sich Rockelemente, Punk-Attitüde und die leicht verbeulten Chromleisten der Neuen Deutschen Welle. Das klingt weniger nach einer streng vermessenen Genrearchitektur als nach einem selbst gebastelten Raumschiff, dessen Einzelteile aus verschiedenen Jahrzehnten stammen – das aber erstaunlich zuverlässig abhebt.
Melodien und Refrains bleiben hängen, während die Rhythmen den nötigen Schub liefern. Tempo und Dynamik wechseln, ohne dass die Platte ihren Bewegungsdrang verliert. „Supermond über Bitterfeld“ bleibt durchgehend tanzbar, muss dafür aber nicht ständig mit derselben Geschwindigkeit durch die Nacht rasen. Mal scheint der Boden unter den Füßen zu federn, mal bekommt der musikalische Motor einen kleinen Schubser. Die Unterhaltung bleibt in Bewegung.
Auch die Produktion fügt sich in dieses Bild. Sie trägt einen liebevollen Vintage-Schimmer, als hätte sich etwas Patina auf die Regler gelegt und niemand wäre auf die Idee gekommen, sie hektisch wegzupolieren. Die DIY-Ästhetik wirkt nicht wie ein modisches Accessoire, sondern wie ein natürlicher Bestandteil der musikalischen Persönlichkeit. Nichts muss künstlich glänzen, nichts wird zum monumentalen Klangpalast aufgeblasen. Dieses sympathische Downsizing ist eine Stärke: Die Band vertraut ihren Einfällen, statt sie hinter Hochglanzfassaden zu verstecken.
Kein Altar für musikalische Perfektion
Wer nach verschachtelten Kompositionen bei Werwolf in Aspik sucht, die bei jedem Durchlauf neue Geheimtüren öffnen, sollte seine Erwartungen allerdings nicht zu hoch schrauben. Die eigentliche Magie von „Supermond über Bitterfeld“ liegt weniger in verborgenen musikalischen Labyrinthen als in seinen Texten, seiner schrägen Vorstellungswelt und der Fähigkeit, aus absurden Gedanken kleine Ohrwürmer zu formen.
Das Album ist kein prunkvoller Tempel, in dem jedes Detail ehrfürchtig bestaunt werden will. Eher gleicht es einem leicht verwilderten Garten hinter einem alten Mietshaus: Hier wächst etwas krumm, dort blüht etwas Unerwartetes, und zwischen den Beeten steht ein Gartenzwerg, der verdächtig nach Gesellschaftskritik aussieht. Nicht jede Idee muss zum Meisterstück gerinnen. Entscheidend ist, dass der Gesamteindruck lebendig bleibt und die Musik ihren eigenen Charakter behauptet.
Ein Geheimtipp unter einem sonderbaren Mond
Werwolf in Aspik müssen mit „Supermond über Bitterfeld“ die Popwelt nicht neu vermessen. Sie brauchen keine musikalischen Kathedralen zu errichten und keine großen Wahrheiten in Stein zu meißeln. Ihr Reiz liegt gerade darin, die Absurditäten des Alltags mit einem schrägen Grinsen ans Licht zu zerren und ihnen einen Rhythmus zu verpassen. Das Album unterhält, überrascht mit seinen textlichen Einfällen und hält die Beine in Bewegung, während der Kopf noch versucht, die eine oder andere bizarre Idee zu sortieren.
Wer elektronische Popmusik mit einer Prise Rock, liebevollem DIY-Charme und einem herrlich schrägen Humor schätzt, sollte Supermond über Bitterfeld unbedingt eine Chance geben. Das ist kein Hochglanzprodukt für den musikalischen Massengeschmack, sondern ein eigenwilliger Geheimtipp für offene Ohren und tanzfreudige Gemüter. Wer sich zwischen anarchischer Frechheit und dadaistischem Augenzwinkern wohlfühlt, dürfte mit dieser Platte seinen Spaß haben.
„Supermond über Bitterfeld“ leuchtet nicht wie ein gleißender Stern über der gesamten Musikwelt. Eher hängt er als sonderbarer Himmelskörper über einer kleinen, verschrobenen Nische – dort, wo elektronische Klänge, absurde Einfälle und ein liebevoller Hang zum Anderssein zusammenfinden. Werwolf in Aspik liefern dazu den passenden Soundtrack: nicht monumental, nicht makellos, aber angenehm eigen. Und manchmal ist es schließlich viel schöner, unter einem schiefen Mond zu tanzen, als sich vom grellen Licht der Vernunft den Abend verderben zu lassen.
Das Album ist eine limitierte Edition und kommt mit einem Kampfgewicht von 180g. Das Cover ist traditionell im Silk-Screen-Print erstellt und das Cover hat vier Farb-Versionen: Gelb, Rot, Blau und Grün (Als Gladbach-Fan natürlich die beste Farbe. Danke Jörg.). Als Zubehör gibt es die von Kernkrach zu erwartenden giveaways: ein Beipackzettel mit Text und Fotocollagen im Stil einer Schülerzeitung aus 1980ern an einem gemischten Gymnasium aus Ostwestfalen und einem echten, aktuellen Foto (laut Ausdruck auf der Rückseite. Alles Dinge, die man als Fan unbedingt braucht und gerne mitnimmt. Am schönsten ist der Bestellweg über das Label Kernkrach Records bzw. Hertz Schrittmacher…
Vinyl ist für mich nicht nur Musik, sondern ein Erlebnis. Die von mir beschriebenen Alben habe ich alle ausgepackt, angeschaut und angehört. Gerne auch mehr als ein Mal. Bei den Reviews mache ich mir immer ein eigenes Bild durch entsprechende Recherche und das konzentrierte Anhören. Das ist meine Art den Künstlern entsprechende Wertschätzung für ihre Kreativität und Kunst entgegenzubringen.
So kann es vorkommen, dass zum Zeitpunkt des Erscheinens die Platten in seltenen Fällen vergriffen sind.
Dazu gibt es für mich keine Alternative: über Platten schreiben, indem man die Pressetexte abschreibt ohne die Platte in den eigenen Händen gehalten zu haben, macht für mich keinen Sinn. Danke für euer Verständnis. Lagartija Nick.
